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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.03.2007

Vampire ohne Biss

Stephenie Meyer: "Biss zur Mittagsstunde", Carlsen Verlag, Hamburg 2007, 512 Seiten

Lesende Mädchen sind die Zielgruppe des schönen Vampirs Edward und seiner Autorin Stephenie Meyer.
Lesende Mädchen sind die Zielgruppe des schönen Vampirs Edward und seiner Autorin Stephenie Meyer.

Eine Fantasy- und Magie-Welle schwappt seit dem Romanzauberer Harry Potter durch Kinder- und Jugendbücher. Auch die amerikanische Autorin Stephenie Meyer will mit ihrem aktuellen Vampirbuch "Biss zur Morgenstunde" auf dieser Welle mitreiten.

Die 1973 geborene Stephenie Meyer ist keine zweite Joanne K. Rowling, schon darum, weil sie Amerikanerin ist, Mormonin, verheiratet und Mutter dreier Söhne. Wie ihre berühmte Kollegin startet sie allerdings sozusagen aus dem literarischen Nichts gleich in die höchsten Höhen internationalen Erfolgs. Die Idee zu ihrer Serie über das allzu durchschnittliche amerikanische Mädchen Bella und ihren Geliebten, den wunderschönen Vampir Edward, kam ihr nach eigener Aussage im Traum. Und wie wir wissen: Träume sind Schäume.

Verlagstechnisch betrachtet kann man die Biss-Serie allerdings als adäquate Nachfolgerin der langsam auslaufenden Harry-Potter-Reihe ansehen. Das Marketing läuft auf Hochtouren, die Absatzzahlen sind enorm und die Begeisterung der Leserinnen ist nicht zu bremsen. Eine riesige Fangemeinde tauscht sich im Internet über die mögliche Entwicklung der Geschichte aus, vor allem Mädchen stürzen sich auf die Romane.

Das Harry-Potter-Publikum war jedoch weiter gestreut, weitaus mehr Jungen und erstaunlicherweise auch Erwachsene waren vom Zauber-Fieber angesteckt. Was mit dem männlichen Protagonisten zusammenhing – und auch mit der unterschiedlichen Qualität der Romane.

Bella, 17 Jahre alt, zieht in eine Kleinstadt im Staat Washington und trifft dort in der Schule auf den ebenso schönen wie geheimnisvollen Vampir Edward mit der marmorweißen Haut und den großen gelben Augen. Er hat dem Menschenblut abgeschworen, doch Bella reizt ihn zum Kuss bzw. zum Biss.

Im ersten Band verlieben die beiden sich ineinander und bestehen diverse Abenteuer, wobei Edward Bella immer wieder mit Zauberkraft aus gefährlichen Situationen rettet. Kurz nach ihrem 18. Geburtstag findet Bellas Glück im zweiten Band ein jähes Ende, denn Edward muss sie für immer verlassen. Bella zerbricht fast an dem Verlust, bis sie erfährt, dass der Geliebte in Gefahr schwebt und nur sie ihm helfen kann. Bis(s) zur Mittagsstunde.

Für den erstaunlichen Erfolg der Biss-Bücher – beide haben um die 500 Seiten - ist zumindest zum Teil die allgemeine Harry-Potter-Zauber-Magie-und-Fantasy-Strömung verantwortlich, die durch Deutschlands Verlagsprogramme, Buchhandlungen und Kinderzimmer wabert. Außerdem eine ausgeklügelte Werbe- und Marketingstrategie. Doch auch die Bücher selbst liefern gute – oder besser: nachvollziehbare - Gründe für ihren internationalen Erfolg.

Als "garantiert romantisch, leidenschaftlich und gefährlich" kündigt sie der Verlagsprospekt an. Das klingt zu Recht nach einer gekonnten Mischung aus klischeehafter Liebesgeschichte und Action- bzw. Thrillermotiven, angereichert mit Fantasy- und Schauerelementen. Stephenie Meyers Charaktere sind einfach strukturiert und stereotyp gezeichnet, ihre Sprache ist flapsig-schlicht und das Happy End vorhersehbar.

Fantasy ist in. Der deutsche Kinderbuchmarkt strotzt nur so von Vampiren und Kobolden, Hexen und Zauberern, Drachen und Nixen, Phantomen und Geistern, von Magischem und Mythischem. Fast jeder renommierte Verlag hat zusätzlich zu diversen Einzeltiteln seine Fantasy-Serie. Ihre Helden heißen - je nach Lesealter - "Arthur Unsichtbar" oder "Ascalon", sie spielen im "Unterland", im "Schattenland" oder im "Dunkelland". Serien haben eben den Vorteil, dass Autoren und Verlage sich auf berechenbaren Erfolg und Kinder sich auf bekannte Figuren einstellen können.

Schon immer haben Kinder das Phantastische geliebt. Märchensammlungen bezeugen das ebenso wie die großen Klassiker von "Alice in Wonderland" bis zum "Zauberer von Oz", von Mary Poppins bis Dr. Doolittle oder Pipi Langstrumpf. Gute phantastische Literatur ist kreativ und humorvoll, macht Spaß und Mut. Sie überschreitet Grenzen und hilft ihren Lesern, eigene Ängste und Wünsche zu verarbeiten. Der gegenwärtige Fantasy-Boom wartet jedoch häufig mit stereotypen Geschichten und einfachen Serien-Strickmustern auf, mit albernen Einfällen und schlampiger Sprache. Er verleitet zum Eskapismus statt zur Bewältigung.

Verglichen mit vielen anderen Fantasy-Romanen steht Stephenie Meyers Biss-Serie noch relativ harmlos da. Sie präsentiert die uralte Geschichte von dem ebenso gefährlichen wie schönen Fremden, der alle unerfüllten Sehnsüchte und unbewussten Ängste seiner Geliebten verkörpert und niemals ganz gezähmt werden kann. Das kommt nicht bissig daher, sondern eher schmusig. Am Schluss werden es ca. 2000 Seiten sein zum Träumen, Schäumen und Schmökern. Es heißt, dass verzauberte Leserinnen nachts das Fenster auflassen, damit Edward, diese süffige Mischung aus kleinem Vampir und großem James Bond, Tarzan und dem Märchenprinzen sie besuchen kommen kann. Na dann "Gute Nacht"!


Rezensiert von Sylvia Schwab

Stephenie Meyer: Biss zur Mittagsstunde
Aus dem Englischen von Sylke Hachmeister.
Carlsen Verlag, Hamburg 2007
512 Seiten, 19,90 Euro

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