Dienstag, 26. Mai 2015MESZ11:44 Uhr

Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.03.2005

Uwe Tellkamp: Der Eisvogel

Roman. Verlag Rowohlt Berlin

Rezensiert von Helmut Böttiger

Uwe Tellkamp: Der Eisvogel (Coverausschnitt) (Verlag Rowohlt Berlin)
Uwe Tellkamp: Der Eisvogel (Coverausschnitt) (Verlag Rowohlt Berlin)

Uwe Tellkamp, 1962 in Dresden geboren, hat letztes Jahr beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt einen einzigartigen Durchbruch erlebt: Sein Text erhielt bereits in der ersten Abstimmungsrunde die absolute Mehrheit. Alles wartete nun mit Spannung auf den Roman, und der Verlag versäumte auch nicht, seine Marketing-Maßnahmen intensiv darauf aufzubauen. Auf den ersten Blick muss jeder glauben, der jetzt aktuell erschienene Roman "Der Eisvogel" sei das Buch, aus dem der gefeierte Klagenfurt-Text stammte. Das ist jedoch keineswegs der Fall.

"Der Eisvogel" ist vermutlich um einiges früher geschrieben als der Bachmann-Text. Das zeigt sich an den plakativen Dialogen, am plakativen Plot, an der plakativen Figurenzeichnung. Die Hauptfigur Wiggo Ritter, aus reichem Hause, ist ein gescheiterter Philosoph, sein größtes Feindbild der schäbige 68er-Professor, der ihm seine Unikarriere vermasselte.

Mitten in Wiggos perspektivloses Dasein fällt seine Begegnung mit dem charismatischen Mauritz Kaltmeister. Dieser leitet einen geheimnisvollen Zirkel, der sich "Wiedergeburt" nennt, vor allem aber auch einen terroristischen Ableger. Es geht hier um Elite, um eine Art Revolution von oben, um einen Terrorismus von rechts. Es geht darum, die öde Konsensdemokratie, das laue Mittelmaß, die Verkommenheit der Sitten hinwegzufegen und eine Art Kastengesellschaft von Geistesaristokraten zu errichten. Das liest sich zum Teil wie Kolportage und endet in einem grellen Showdown.

So grob die Inhalte sind, so raffiniert ist die Form. Die vielen Filme, die nebeneinander laufen und im Schriftbild durch Absätze voneinander getrennt werden, der ständige Wechsel der Erzählerfigur, die Perspektivwechsel manchmal mitten im Satz: das erinnert alles an Reinhard Jirgl oder Wolfgang Hilbig, die großen zeitgenössischen "Unmoralischen" aus dem Osten.

Tellkamp kann suggestiv schreiben. Auch bei ihm gibt es keine Ironie, sondern vor allem Pathos, und es lodert etwas auf, was man nach der Postmoderne nicht mehr erwartet hätte. Ein Leitmotiv ist das, was 1989 geschah: "Die Dämonen kehrten zurück".

Der hochfahrenden Sprache, dem Visionären der Sätze steht auf merkwürdige Weise das Triviale der Handlung gegenüber. Wiggo erlebt eine Liebesgeschichte mit der Schwester von Mauritz, sie heißt Manuela: ein reiches Mädel, eine rechte Pubertätsphantasie. Tellkamps Überkonstruktion ist nicht nur hier allzu deutlich: alles ist zu gewollt, zu durchschaubar. Der Verein "Wiedergeburt" muss natürlich scheitern. Aber Tellkamp setzt untergründig sehr auf die Verführung durch das Elitäre, gegen die Laschheit, gegen die öde Diktatur des Mittelmaßes.

"Der Eisvogel" ist eine Mixtur aus Politik-Wut und Melodram. Tellkamp wittert etwas, was in der Luft liegt. Aber der Roman wirkt mit seinen Kolportagemomenten allzu überzogen.