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Lesart / Archiv | Beitrag vom 03.02.2016

Uwe Neumahr: "Miguel de Cervantes"Hitzkopf der Weltliteratur

Von Edelgard Abenstein

Zeitgenössische Darstellung des spanischen Schriftstellers und Dichters Miguel de Cervantes Saavedra (1547-1616). Sein Hauptwerk ist der "Don Quijote". (picture alliance / dpa)
Zeitgenössische Darstellung des spanischen Schriftstellers und Dichters Miguel de Cervantes Saavedra (1547-1616). Sein Hauptwerk ist der "Don Quijote". (picture alliance / dpa)

Der vor 400 Jahren gestorbene Spanier Miguel de Cervantes zählt zu den größten Literaten der Geschichte. Eine neue Biografie präsentiert den Don-Quijote-Erfinder als impulsiven Abenteurer, dem in einer Seeschlacht die Hand zerschmettert wurde und der in die Fänge algerischer Piraten geriet.

Der große Dünne und der kleine Dicke – man kennt sie, auch wenn man keine Zeile des "Don Quijote von der Mancha" gelesen hat. Der Held und sein Kompagnon Sancho Panza, die loszogen, um ein Abenteuer nach dem anderen zu erleben, sind weltberühmt; geradezu sprichwörtlich wurde der "Ritter von der traurigen Gestalt", auch der "Kampf gegen Windmühlen" ist bis heute in Gebrauch, wenn ein sinnloser Kampf, gegen einen eingebildeten Feind gemeint ist.

Miguel de Cervantes (1547-1616), der Erfinder dieses ersten Romans der Weltliteratur, starb vor 400 Jahren. Die Biografie des Romanisten Uwe Neumahr, der auf italienische und spanische Renaissance spezialisiert ist, bringt uns ein ziemlich turbulentes Leben nahe, das fast so abenteuerlich verlief wie das der legendären Romanfiguren. Nach dem Motto "Die besten Geschichten schreibt immer noch das Leben selbst" erzählt er von einem Hitzkopf und Herumtreiber, einem harten Kerl, der auch fürsorglich und charmant sein konnte. Aus den spärlichen Fakten modelliert Neumahr das lebenspralle Bild eines ambivalenten Charakters, der trotz ständiger Rückschläge niemals aufgab.

Agent, Steuereintreiber und Gefangener 

Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, war Cervantes stets auf der Jagd nach Jobs. Nach einem verbotenen Duell floh er nach Rom, verdingte sich als Soldat, geriet in die Schlacht von Lepanto, wo ihm eine Kugel die linke Hand verstümmelte, wurde von algerischen Piraten gefangengenommen, die ihn auf dem Sklavenmarkt verkauften. Viermal flüchtete er vergeblich, bis er nach fünf Jahren freikam. Kurzzeitig arbeitete er als Agent, dann als Steuereintreiber für Philipp II. und landete wegen vermeintlicher Unterschlagung im Gefängnis. Dazwischen schrieb er Gedichte, Erzählungen und über 30 Theaterstücke, die mehr oder minder erfolglos blieben. Bis er mit dem Roman der Romane begann. "Don Quijote" wurde im Handumdrehen ein Verkaufsschlager.

Neumahr ist skeptisch gegenüber schönrednerischen Zeugenaussagen und gegenüber Legenden, die sich im Lauf der Zeit herausgebildet haben wie die von Cervantes' vorbildlicher Tapferkeit während der Schlacht gegen die Türken oder seiner kühnen Wehrhaftigkeit gegen die algerischen Peiniger. Er wägt stets gewissenhaft das Pro und Contra einander widersprechender Quellen ab. Nie verliert er seine Hauptfigur aus den Augen, auch nicht bei Ausflügen in die Militär- und Mentalitätsgeschichte, in die Soziologie und Theologie. Oder in die Traumaforschung, um die Frage zu beantworten, ob Cervantes stotterte. In die Psychologie für die Gründe, warum er seine Ehefrau bei Nacht und Nebel verließ. Ob er homosexuell war, lässt Neumahr offen.

Ein Bezwinger von Katastrophen

Als sorgfältiger Rechercheur kommt Neumahr ohne romanhafte Ausschmückungen aus. Stattdessen unternimmt er immer wieder knapp gehaltene Exkurse in Cervantes' Werk, führt 'lebensnahe' Episoden aus dem "Don Quijote", den Erzählungen oder Theaterstücken an. Geheimnisvoll, rätselhaft, großartig – Miguel de Cervantes ist über 400 Jahre alt und kommt uns mit dieser vorbildlichen Biografie ganz schön nahe. Als einer, der die Katastrophe bezwang, indem er so herrlich komisch darüber schreiben konnte.

Uwe Neumahr: Miguel de Cervantes. Ein wildes Leben.
C.H.Beck. München 2015
394 Seiten, 26,95 Euro

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