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Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.10.2012

US-Konzeptkünstler Baldessari mit Kaiserring ausgezeichnet

Preisjury würdigt ihn als einen der einflussreichsten Künstler der vergangenen Jahrzehnte

Von Volkhard App

Der amerikanische Künstler John Baldessari
Der amerikanische Künstler John Baldessari (AP)

Der in Goslar verliehene Kaiserring geht dieses Jahr an den kalifornischen Konzept-Art-Pionier John Baldessari, der sich in Fotocollagen und Performances mit Alltagswelten und Massenmedien auseinandersetzt. Einige seiner Arbeiten sind im örtlichen Mönchehaus Museum zu sehen.

Was nur haben die Fotos miteinander zu tun, die John Baldessari auf großen Wandtableaus über- und nebeneinander angeordnet hat? Eine Aktentasche, die auf dem Pflaster liegt. Auf einem anderen Bild derselben Montage zappelt ein kapitaler Fisch an einer Angel, auf einem dritten entgleitet ein Bücherstapel den Händen. Und eine Frau spricht zu einem Mann hinter Gittern, offenbar ein "filmstill".

Der Protagonist konzeptueller Kunst aus Kalifornien liebt dieses überraschende Spiel mit den Motiven, immer wieder auch in Kombination mit Textzeilen. Zu dem Jagdhund, der - frei nach einem Motiv Gustave Courbets - am Ende der Hatz an einem Hirsch zerrt, gesellt sich am unteren Rand eine Zeile aus einem Liebeslied von Tom Waits.

Beim Betrachter setzen diese Montagen Phantasie frei: Er kommt nicht umhin, sich kleine Geschichten zu den rätselhaften Begegnungen auszudenken. Baldessari über seine künstlerische Absicht:

"Ich habe kein Ziel und verfüge auch über keine Liste all der Dinge, die ich erreichen will. Ein Künstler sollte kommunizieren und sich nicht in einer Sprache äußern, die keiner versteht. Ja, Kommunikation - das könnte das Ziel sein. Ob ich das Publikum mit meinen Bildern auch irritiere? Keine Ahnung."

Der Betrachter auf Sinnsuche, beim Entschlüsseln der Tableaus stößt er allerdings schnell an seine Grenzen. Doch gerade wo sich nicht alles logisch erklären lässt, zeigt sich die Lust an der Absurdität. So steht auf einer Tafel allein das Wort Mayonnaise. Bettina Ruhrberg, Direktorin des Museums und Jury-Mitglied:

"Das Wunderbare an ihm ist, dass er ein konzeptueller Künstler ist, aber eben keiner mit dem Ernst der Konzeptkunst, sondern einer mit einer ungeheuren Prise Humor, einem besonderen Zug in seinem Werk und in seinem Wesen. Er ist, denke ich, noch immer sehr aktuel. Sein Grundthema ist die Beschäftigung mit der Natur der Bilder: Was geschieht, wenn wir Bilder ansehen? Wie werden wir durch sie verführt? Was passiert, wenn Bilder aufeinandertreffen? Das ist in unserer heutigen Zeit, in unserer Medien- und Facebook-Welt ein hochbrisantes und aktuelles Thema."

Baldessari arbeitet meist mit vorgefundenem Fotomaterial. Angefangen hatte der Avantgardist als Maler, doch 1970 zog er einen Schlussstrich und verbrannte fast alle seine bis 66 entstandenen Bilder in einer öffentlichen Aktion, sammelte die Asche in einer Urne und verstaute die zwischen Buchdeckeln. Baldessari:

"Ich hatte sehr viele unverkaufte Gemälde. Und habe dann ganz praktisch gedacht: dass, falls ich so weiter produziere, ich eines Tages unter meinen Bildern begraben sein würde. Für mich war die Erfahrung wichtig, sie geschaffen zu haben, doch sie mussten nicht unbedingt in meinem Besitz bleiben. Und dann hat sich zweitens wie bei anderen auch in jener Zeit meine Vorstellung von Kunst verändert, Kunst konnte mehr sein als Malerei."

Baldessari fing von vorne an und fotografierte bewusst ungelenk Motive in seiner provinziellen Heimatstadt National City. Auch in den 90ern suchte der inzwischen als Künstler und Dozent hoch angesehene Mann diesen Ort für eine Fotoserie auf. Teils starkfarbige banale Motive sind mit fetten Unterzeilen kombiniert - Beispiele dieser Folge hängen im Mönchehaus Museum in Goslar, dass in seinem Ausweichquartier zwar keine Retrospektive ausrichtet, aber doch eine markante Auswahl von Arbeiten aus den letzten 20 Jahren aufbieten kann.

Immer größer sind seine Werke geworden, imposanter und auch dekorativer. Aus den farbigen Punkten, die auf früheren Fotos und Fotomontagen vor allem Gesichter ersetzten und damit der Interpretationslust reichlich Zucker gaben, wurden reliefartige oder groß ausgesparte Flächen in gelb, blau und rot. Ein malerisches Moment auf den Montagen von Baldessari, der damit zwar nicht zu seiner künstlerischen Vorgeschichte zurückkehren will, von großen Koloristen unter seinen Kollegen, vor allem Matisse, jedoch immer beeindruckt war.

Auf mehrstufig in die Höhe strebenden Montagen greifen Fotos und malerische Verfremdung auf so raffinierte Weise ineinander, dass sie auf den ersten Blick ein Ganzes zu bilden scheinen - und doch sind die Einzelteile sehr unterschiedlich. Sein Archiv umfasst sehr unterschiedliches Fotomaterial, darunter viele Bilder aus B-Movies. Die Dokumente, die ihn am stärksten bewegten, stammten allerdings aus dem KZ Buchenwald. Baldessari konnte nicht glauben, dass so etwas möglich sei. Ein Zivilisationsbruch, andererseits hat die Brutalität ja nicht aufgehört:

"Was einmal passiert ist, kann sich wieder ereignen. Man braucht bloß jeden Morgen in die Zeitung zu schauen, die Gewalt setzt sich fort. Als ich die Buchenwald-Fotos zum ersten Mal sah, fand ich auch Bilder von Schwarzen, die vom Ku-Klux-Klan erhängt worden waren. Das hat mich in dem selben Maße schockiert. Das ist nicht Teil einer Zivilisation, wie ich sie mir vorstelle. Der Blick in die Zeitung genügt: Menschen werden mal aus dem einen, mal aus dem anderen Grund ermordet."

Als politischen Künstler sieht er sich allerdings nicht und hat als Protagonist über 80 auch nicht vor, noch einer zu werden. Produktiv ist er noch immer, er blickt aber auch zurück - Teil der zeitgenössischen Kunstgeschichte ist er längst geworden. Mit Etiketten wie Konzeptkünstler lässt er sich jedoch ungern belegen und möchte vor allem als Künstler gelten:

"I am an Artist!"


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