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Religionen / Archiv | Beitrag vom 13.03.2016

US-Haftanstalt San QuentinKirche im Käfig

Von Arndt Peltner

Blick auf das Gefängnis San Quentin in Kalifornien ((dpa / picture alliance / California Department of Corrections))
Blick auf das Gefängnis San Quentin in Kalifornien ((dpa / picture alliance / California Department of Corrections))

San Quentin ist das älteste Staatsgefängnis in Kalifornien – und das mit dem größten Todestrakt der USA. Derzeit warten 760 Kandidaten dort auf ihre Hinrichtung. Der Jesuit George Williams arbeitet als Seelsorger hinter diesen dicken Mauern. Arndt Peltner hat ihn begleitet.

Eine umgebaute Dusche im Todestrakt von San Quentin. Bis zu 18 Gefangene kommen in Hand- und Fußfesseln in diesen vier Meter breiten und zehn Meter langen Käfig. Ein paar grelle Neonröhren beleuchten die surreale Szenerie. Die Häftlinge sitzen auf im Boden verankerten Holzbänken und warten auf Father George Williams. Der Jesuit wird gleich mit dem katholischen Gottesdienst für die zum Tode Verurteilten beginnen. Der Geistliche kommt den Gläubigen nicht zu nahe; er muss sich selbst in einem kleinen Extrakäfig, der etwas größer als eine Telefonzelle ist, mit einem Vorhängeschloss einsperren. So schreibt es die Gefängnisordnung vor. Vor ihm nur ein kleines Holzregal, das als Altar dient. Zum Schutz muss er auch noch eine kugelsichere Weste tragen, die ihn vor Angriffen mit spitzen Gegenständen schützen soll. Diese Weste aus schwerem Kevlar-Material muss er überall auf dem Gefängnisgelände tragen, nur in seinem Büro darf er sie ablegen.

"Diese Männer haben schreckliche Taten begannen, doch ich sehe das nicht. Ich sehe nur die Männer vor mir. Sie sind noch immer Menschen." 

Handschlag durch eine Öffnung in der Käfigwand

Durch eine kleine Erst am Schluss des Gottesdienstes gibt es eine Berührung zwischen dem Priester und den Gläubigen. Als Zeichen des Friedens reicht man sich die Hände. Die Gefangenen schütteln nacheinander Father George Williams’ Hand durch eine kleine Öffnung in der Käfigwand. Er beschreibt diesen Moment als außergewöhnlich und sehr nahegehend.

Die eigentlichen Gebetsräume in San Quentin befinden sich gleich hinter der Schleuse zum inneren Bereich des Gefängnisses. Die katholische Kapelle ist ein Flachbau. Zum Gottesdienst an einem Sonntagmorgen kommen fast 100 Gefangene, alle in der einheitlichen blauen Jeanskleidung des Gefängnisses. Am Eingang werde ich von einigen per Handschlag begrüßt, man freut sich über Besuch von draußen. Vorne probt noch die Band, die später den Gottesdienst musikalisch untermalt.

Seit 1993 ist George Williams in der Gefängnisseelsorge aktiv, anfangs noch in Boston, Massachusetts. Es sei keine Arbeit wie jede andere, meint er. Man liebt sie oder man hasst sie. 2010 erhielt er von einem befreundeten Jesuiten den Anruf, dass der Staat Kalifornien einen katholischen Seelsorger für sein Gefängnis in San Quentin sucht.

"Für einen Jesuiten ist das etwa so, als wenn man eine Professur in Harvard angeboten bekommt. Ich habe es gleich angenommen, es war eine große Herausforderung. Für mich war das wie ein Traumjob. Ich sehe Jesus in den Gesichtern der Gefangenen. Das lässt mich weitermachen, das verhindert, dass ich ausbrenne. Ich liebe diese Aufgabe, mit ganzer Energie. Denn ich finde Gott in diesem Gefängnisalltag."

"Es gibt immer Hoffnung"

Für ihn ist San Quentin ein besonderer Ort. Neben den zum Tode Verurteilten sind hier vor allem Lebenslängliche und Gefangene mit sehr langen Haftstrafen untergebracht. Viele von ihnen, so Williams, arbeiten schon seit Jahren an ihrem spirituellen Wandel, setzen sich mit Schuld und Sühne, mit Vergebung und Glauben auseinander. Wie John, der für einen Doppelmord eine lebenslängliche Haftstrafe verbüßt:

"Mein Glaube ist mein Zuhause, ich kann das nicht anders beschreiben. Das ist mein Glaube, meine Überzeugung. Egal, ob ich hier in San Quentin für den Rest meines Lebens bin, mein Glaube wird gleich bleiben."

John ist muskelbepackt, stark tätowiert und fast jeden Tag in der kleinen Kirche. Ganz bewusst, denn für ihn ist der Ort, ist Father Williams ein Lichtblick im brutalen Alltag von San Quentin.

"Ich glaube, es ist so, wie es auch meist bei Drogenabhängigen ist. Man muss erst ganz unten sein, damit man sein Leben in die Hände Gottes geben kann, um dann voran zu gehen. Jeder der Gefangenen hier hat seinen Weckruf erhalten - die Frage ist nur, ob auch jeder davon aufgewacht ist."

Einen normalen Arbeitstag hat Father George Williams nicht. Kein Tag sei wie der andere und das liebe er an seiner Aufgabe. "Es gibt keine Routine”, sagt er mit dem ihm typischen Lächeln.

"Die wichtigste Arbeit für mich sind die Einzelgespräche, selbst die außerhalb des Glaubens. Ich bin Seelsorger für alle."

In den Beichten der gläubigen Katholiken von San Quentin hat er alles gehört, sagt Father George. Schockieren kann ihn nichts mehr. An seinem Glauben und vor allem an seiner Entscheidung hierher nach San Quentin zu kommen hat er deshalb nie gezweifelt. Wenn es dann doch mal zu viel wird, wenn der Stress des Alltags hinter Gittern ihm die Energie raubt, dann geht er schon mal zum Yoga, um zu entspannen, abzuschalten und aufzutanken. Father George, gibt es Hoffnung an so einem Ort? frage ich ihn am Ende unseres Gespräches.

"Es gibt immer Hoffnung. Das treibt uns alle an."

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