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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 14.02.2012

Urheberrecht mit Zukunft

Zur Diskussion über das Anti-Piraterie-Abkommen Acta

Von Florian Felix Weyh

Auch in Berlin gab es Proteste gegen das Urheberrechts-Abkommen Acta. (picture alliance / dpa /  Soeren Stache)
Auch in Berlin gab es Proteste gegen das Urheberrechts-Abkommen Acta. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Vom gängigen Urheberrecht profitierten vorrangig die Verwerter, weil sie Kunden und Kreative gleichermaßen schröpfen, argumentieren Netzaktivisten. Das klingt verdammt gut, geht aber an der Realität vorbei, meint Florian Felix Weyh.

Neulich kam ein Buch von mir heraus, ein Roman. Drei Tage später las ich in einem Internetforum von Literaturfreunden den ausdrücklichen Wunsch, jemand möge ihn einspeisen. Das eBook gab es natürlich längst - zu kaufen! Doch darum ging es nicht.

Weitere acht Tage später fand ich mehrere Plattformen, auf denen mein Buch als Gratisdownload zu haben war. Nach dem fünften Fehlschlag, mich vor der Hehlerplattform als Mensch und nicht als Roboter auszuweisen, gab ich auf. Ich bin zwar raubkopiert, aber für Otto Normalverbraucher schwer zugänglich - da war die Welt für mich wieder in Ordnung.

Das ist sie natürlich nicht, denn solche Geschichten kann man dauernd hören, und Verwerterlobbyisten liefern sich eine schrille Schlacht mit Netzaktivisten um das, was das Internet vom Urheberrecht noch übriggelassen hat.

Bei den Verwertern geht es um viel Geld, bei den Netzaktivisten um einen hochfahrenden Freiheitsbegriff. Mich als Autor ließ diese Schlacht bislang unberührt. Bücherschreiben ist grundsätzlich defizitär, und ob auf der einen Seite raubkopiert wird (bedeutet ja: mehr Leser) oder auf der anderen eBooks zu teuer angeboten werden (heißt: weniger Verkäufe), ändert an meiner prekären Buch-Ökonomie gar nichts.

Nun aber beziehen etliche Netzaktivisten eine Position, der ich widersprechen muss. Weil die Preisgabe aller Urheberrechte bei der eigenen Klientel schlecht ankäme, propagiert man eine Dreiteilung: Hier die Verwerter (böse), da die Kreativen und deren Kunden (beide gut). Vom gängigen Urheberrecht aber profitierten, heißt es, vorrangig die Verwerter, weil sie Kunden und Kreative gleichermaßen schröpften. Deswegen müsse das Urheberrecht der Zukunft solche Trittbrettfahrerei verhindern.

À la Robin Hood klingt das verdammt gut, aber es geht an der Realität vorbei. Der ökonomische Erfolg von Verwertern resultiert aus Verstetigungs- und Sammlungsgewinnen, und nur sie können eine Verstetigung kreativer Leistung liefern. Ein einzelner Urheber kann das nicht; ein Romanautor braucht einfach viel zu lange für sein Werk. Sicher würde er beim anschließenden Direktvertrieb übers Internet viel mehr Einnahmen pro Verkauf erhalten als üblicherweise, doch fehlte ihm die verlässliche Marke, um die Leser über jene Zeit hinweg zu binden, in der er kein frisches Angebot hat.

Die Verstetigungs- und Sammlungsfunktion der Verwerter ist der Kulturproduktion gleichsam eingeboren und funktioniert unabhängig von technischen Strukturen. Erst durchs Einsammeln vieler einzelner - für sich genommen unwirtschaftlicher - Kreativleistungen schafft der Verwerter überhaupt eine öffentliche Wahrnehmung und die nötige ökonomische Ausdauer.

Dummerweise ordnet sich dieser Sachverhalt nicht ins Gut-böse-Schema ein: Ich als Autor bin nicht angestellt, also unstetig bezahlt; der Verstetigungsgewinn vieler unstetig erbrachter Autorenleistungen aber schafft eine Menge fester Arbeitsplätze. Ist das gerecht? Ist es ungerecht? Diese Arbeitsplätze entfielen, wenn es nur noch das direkte wirtschaftliche Verhältnis zwischen Kreativen und Konsumenten via Internet gäbe.

Andererseits kollabierte damit auch der Umverteilungsmechanismus, der noch immer die Fülle unserer Kultur garantiert. Den einzelnen Autor stärker zu machen, nützt nur ohnehin starken Autoren - also ganz wenigen! Wer für die Masse der Kreativen etwas tun will, sollte nicht juristisch argumentieren, sondern muss pädagogisch und moralisch wirken. Er muss darauf drängen, dass in den Verwerterfirmen der Umverteilungsgedanke weiterlebt, ja er muss ihn zur Basis des Geschäftsmodells erklären.

Bislang haben deutsche Verwerter allerdings kaum eine gegenteilige Meinung erkennen lassen, weswegen die Drohkulisse Hollywood & Co. - ganz, ganz böse! - schleunigst abgebaut gehört. Wenigstens in dieser Schlacht.

Florian Felix Weyh, Schriftsteller und freier Journalist in Berlin (Katharina Meinel)Florian Felix Weyh, Schriftsteller und freier Journalist in Berlin (Katharina Meinel)Florian Felix Weyh, geboren 1963, lebt als Autor und Publizist in Berlin. Preise und Stipendien für Drama, Prosa und Essay. Seit 1988 arbeitet er regelmäßig als Literaturkritiker für das Deutschlandradio. Sein Buch "Toggle" (2011) ist im Galiani Verlag erschienen. Verstreute Texte und weitere Informationen zur Person sind im Internet zu finden.

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