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Buchtipp / Archiv | Beitrag vom 10.06.2007

Urbanes Elend

Mike Davis: "Planet der Slums"

Vorgestellt von Patrick Küppers

Die zwei Seiten von Buenos Aires: Slums und moderne Hochhäuser (AP Archiv)
Die zwei Seiten von Buenos Aires: Slums und moderne Hochhäuser (AP Archiv)

Als Folge der Globalisierung werden nach Einschätzung von Mike Davis immer mehr Megacitys entstehen. Doch nicht Glas- und Stahlbetonfassaden werden die Gesichter dieser Städte prägen, sondern die Elendsquartiere derer, die in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft aus den ländlichen Gebieten geflohen sind. Mit "Planet der Slums" legt Davis einen erschreckenden Lagebericht vor.

Seit etwa 50 Jahren zieht es die schnell wachsende Bevölkerung der dritten Welt massiv in die Städte. Dort können ihr eine überforderte Verwaltung und eine schwache Wirtschaft schon seit langem weder regulären Wohnraum noch reguläre Arbeit bieten. Vor allem in Äquatornähe, aber nicht nur dort, windet sich ein Band neuer Riesenstädte rund um die Erde, in dem eine Milliarde städtische Arme unter üblen Bedingungen auf eine bessere Zukunft hoffen. Das ist der "Planet der Slums", eine tragische Fehlentwicklung, zu der das Buch von Mike Davis einen traurigen Lagebericht liefert.

"Dementsprechend werden die Städte der Zukunft nicht aus Glas- und Stahlkonstruktionen bestehen, wie es sich frühere Generationen von Urbanisten ausgemalt haben, sondern eher aus grobem Backstein, Stroh, recyceltem Plastik, Zementblöcken und Abfallholz. Statt in hoch zum Himmel strebenden Lichterstädten zu leben, wird ein Großteil der urbanen Welt des 21. Jahrhunderts inmitten von Umweltverschmutzung, Exkrementen und Abfall im Elend versinken."

Mike Davis betreibt die Urbanistik, die Lehre von den Städten, als nomadische Bewegung zwischen Soziologie, Ökonomie, Architektur oder Ökologie. In "Planet der Slums" hat er so erstaunliche Datenmengen aus den verschiedenen Bereichen zusammengetragen, dass er sich gelegentlich in all den Belegen, Zahlen und Statistiken zu verlieren droht. Sein klarer intellektueller Duktus und sein zugleich fesselnder und nüchterner Stil garantieren aber eine insgesamt problemlose und angenehme Lektüre. Dazu gehört auch, dass sich Davis von zu einfachen Schuldzuweisungen fernhält. Die Folgen des Kolonialismus, die Schuldenfalle, in die der Westen die armen Länder getrieben hat, spricht Davis deutlich als Ursachen an. Neuere Entwicklungen betreffend, formuliert Davis aber auch eine überraschend scharfe Kritik an den Nichtregierungsorganisationen, den NGOs, die in Slums aktiv sind. Hilfsgelder der Weltbank etwa vermeiden zunehmend staatliche Stellen und gehen direkt an die NGOs. In der Argumentation Mike Davis’ erweisen sich diese NGOs aber weniger als Lösung denn als Teil des Problems.

"Trotz aller glühenden Rhetorik über Demokratisierung, Selbsthilfe, soziales Kapital und Stärkung der Zivilgesellschaft, erinnern die aktuellen Machtverhältnisse in diesem neuen NGO-Universum an nichts so sehr, wie an klassischen Klientelismus. Und so […] haben die Dritte-Welt NGOs es in brillanter Weise verstanden, lokale politische Führungen zu kooptieren und die Vorherrschaft über den gesellschaftlichen Raum zu übernehmen […]. Selbst wenn es einige gefeierte Ausnahmen […] gibt, liegt die weitreichendste Auswirkung der NGO-geleiteten "Revolution der Zivilgesellschaft" in der Bürokratisierung und Befriedung der urbanen sozialen Bewegungen, wie selbst Weltbankexperten zugeben."

Mike Davis: "Planet der Slums" (Verlag Assoziation A)Mike Davis: "Planet der Slums" (Verlag Assoziation A)In Publikationen zu Los Angeles hat Mike Davis nachgewiesen, wie der Rückzug des Staates aus seiner sozialen Verantwortung auch in so reichen Ländern wie den USA zu Drittwelt-Problemen führen kann. Für die Slums konstatiert er nun das totale Fehlen und damit das Versagen des Staates. Versagt haben korrupte örtliche Politiker und Beamte, aber auch der Aktionismus nichtstaatlicher Gruppen hat zu der fatalen Zersetzung der Staaten beigetragen. Damit wurden diese Gruppen zu Agenten eines sozial desinteressierten Wirtschaftsliberalismus.

Davis spricht den NGOs deutlich die Fähigkeit ab, ernsthaft die sozialen oder auch nur die infrastrukturellen Aufgaben eines Staates übernehmen zu können. Die Neigung der NGOs, das "Informelle" zu verklären, ist Davis ohnehin ein Dorn im Auge. Denn gerade wegen ihres informellen oder deregulierten Charakters, so Davis’ Grundthese, sind Slums zu Schauplätzen von Elend und Ausbeutung geworden.

Anders als die meisten linken Publizisten begegnet Mike Davis den NGOs mit großer Skepsis und plädiert ganz ohne Revolutionsromantik für einen starken Staat mit einer klaren sozialen Verantwortung. Diesen Standpunkt vertritt er mit klugen, Argumenten und einer sorgfältig recherchierten Datenbasis. Das sind Vorzüge, die Davis zu einem der derzeit interessantesten und lesenswertesten Publizisten zum komplexen Thema der Globalisierung machen. "Planet der Slums" hat nicht die Absicht, Lösungsvorschläge zu machen. Vielmehr vermittelt das Buch dem Leser in kompakter und klarer Form ein weites Bewusstsein von den sozialen Problemen der Welt. Es kann auch helfen, die sozialen Probleme Deutschlands besser zu verstehen und einzuordnen, schließlich ist in einer globalisierten Welt der "Planet der Slums" auch der unsere.

Mike Davis: Planet der Slums
Verlag Assoziation A, Berlin/Hamburg, 2007

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