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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 03.02.2010

"Up in the Air"

Hans-Ulrich Pönack über eine Oscar-nominierte Komödie mit George Clooney

Ein Manager, der im Auftrag Mitarbeitern die Kündigung ausspricht, liebt das Unterwegssein. Er will zehn Millionen Flugmeilen sammeln, um noch exklusiver zu reisen. Doch dann soll er von seiner eigenen Firma zum Bodenpersonal degradiert werden.

USA 2009, Regie: Jason Reitman, Hauptdarsteller: George Clooney, Vera Farmiga, Anna Kendrick, ohne Altersbeschränkung

Regisseur Jason Reitman, der 32-jährige Sohn des kanadischen Produzenten und Regisseurs Ivan Reitman ("Ich glaub´, mich tritt ein Pferd", 1978; die beiden "Ghostbusters"-Hits aus den 80ern; "Staatsanwälte küßt man nicht", 1986; "Dave" mit Kevin Kline, 1993) ist längst aus den prominenten Fußstapfen seines Erfolgsvaters getreten. Er hat gleich mit seinen ersten beiden eigenen Spielfilmen "Thank you for Smoking" (2005) und "Juno" (2006, "Oscar"-Nominierung in der Kategorie "Beste Regie") für Furore gesorgt. Denn weltweit gab es dafür sehr viel Interesse und Zuspruch. Und auch für sein drittes Werk gibt es bereits Hymnen zuhauf. Die etwa 30 Millionen Dollar-Produktion, die in den USA an den Kinokassen bislang rd. 70 Millionen Dollar eingespielt hat, gilt als einer der Favoritenfilme für die diesjährige "Oscar"-Parade Anfang März.

"Up in the Air" basiert auf dem 2002 herausgekommenen gleichnamigen Roman von Walter Kirn, der ein Jahr darauf bei uns unter dem Titel "Mr. Bingham sammelt Meilen" veröffentlicht wurde. Wobei der deutsche Romantitel "Programm" ist: Ryan Bingham, ein attraktiver Typ in den 40ern, fliegt gerne. Tatsächlich. Er liebt es, ständig zwischen den Staaten und Regionen hin- und herzupendeln. Währenddessen sein häusliches Appartement in Omaha (Nebraska) so kahl und kühl und unpersönlich ausschaut wie eine leere weiße Kühltruhe. Aber, so verkündet Ryan stolz, im letzten Jahr war er sowieso nur an insgesamt 43 Tagen dort, und das waren bereits 43 Tage zu viel.

Ryan Bingham mag keine festen Bindungen. Frauen, Familie, also "Ärger", hat der Single bislang gerne umschifft. Dabei fühlt er sich keineswegs als Außenseiter, er gibt sich einfach "nur so" glücklich. Er liebt das ständige Unterwegssein. Es ist unkompliziert, man ist stets freundlich zu ihm, überall erwarten ihn gute Autos und saubere Zimmer. Und bisweilen ergeben sich "nette zwischenmenschliche Kontakte". Ryan weicht also keineswegs sozialen Kontakten aus, ganz im Gegenteil. Sie dürfen nur seiner "Euphorie", permanent "über den Wolken" zu leben, nicht entgegenstehen. Auf "Familie" bzw. "enge Freunde" allerdings kann Ryan gerne verzichten. Damit vermag er nichts anzufangen.

Ein moderner Nomade. Obwohl sein Job alles andere als "freundlich" ist. Weil sich die Unternehmen, die Firmen, die Bosse der Firmen, nicht "trauen", Kündigungen, also "Rationalisierungen, Optimierungen", wie sie es bezeichnen, selbst vorzunehmen und direkt auszusprechen, wird er dafür engagiert. Ryan Bingham ist ein Kündigungsverkünder, düst durch die Weltgeschichte, um Leuten, Angestellten, Mitarbeitern irgendeines Unternehmens, die "Umstrukturierung", also die Entlassung auszusprechen. Mit "Karriereübergangsberatung".

Er macht das ebenso routiniert wie "einfühlsam", heute hier, morgen da. Kann das gut erklären, die geschockten, überrumpelten, wütenden, traurigen, entsetzten Leute halbwegs beruhigen, mit gelassenen, beruhigenden Worten ebenso wie mit einer Broschüre, die alle Antworten enthält. Tagaus, tagein, immer dasselbe. Die inzwischen geschätzte Bevorzugungsbehandlung der Fluglinien, das immer freundliche Lächeln, wenn er eincheckt, der angenehme Dauerservice, der Gratis-Champagner, wo immer er auftaucht.

So ist es auch erklärlich, dass es sein größter Wunsch ist, die Zehn-Millionen-Flugmeilen-Schallmauer zu überwinden. Denn dafür gibt es eine exklusive Karte als Vielflieger-Auszeichnung, inklusive persönlicher Ehrung durch den Piloten. Er wäre dann die Nr.7 auf der Welt, die das erreicht hat. Der Weg ist das Ziel. Mr. Bingham macht einen äußerst zufriedenen Eindruck. Und wir können dem Kerl auch nicht allzu böse sein, obwohl er doch einen "Schweine-Job" ausübt. Aber er ist dabei so diskret wie möglich, poltert nicht, besitzt Überrumplungscharme, diese anteilnehmenden, gut ausgewogenen Worte ... .

Wenngleich die Großaufnahmen seiner Gegenüber, denen er die schreckliche Mitteilung überbringt, "durchpusten" lassen. Doch es ist schließlich Krise, dieser harte Alltag, es sind halt die modernen Zeiten. Da muss jeder durch und überhaupt, so eine Freisetzung bedeutet ja schließlich auch eine Chance, noch mal anders in die Spur zu kommen, sich umzustrukturieren, anderweitig im Leben umzusehen, zu orientieren. Was nach geistiger und moralischer Zynik klingt, wird durch Ryan Bingham irgendwie sanfter, ein bisschen verständlicher, gar normaler in unserer überkandidelten Stress-Epoche. Oder?

Co-Autor und Regisseur Jason Reitman jedenfalls bemüht sich intensiv, Ryan Bingham nicht als Unsympath, Schurken oder Dämelsack vorzuführen, sondern als Manager von heute. Erfolgsorientiert, launig, mit melancholischen Routineschüben. George Clooney vermag ihn wunderbar unangestrengt zu interpretieren. Mit seinem angenehmen Großraum-Charme, mit seiner positiven Präsenz ohne "dämlich" zu wirken, denn das Anliegen - hier ist dafür viel zu ernst. Clooney findet genau die richtige Balance. Zwischen Macher und Mensch, zwischen Macker und Erwachender.

Aber zurück zu seinem Ryan Bingham. Der bekommt nämlich im eigenen Laden Probleme. Durch eine hochnäsige Hochschulabsolventin (eine Erlebnis-Entdeckung: Anna Kendrick). Die spricht sich gegen das Umherreisen und künftig für Videokonferenzen via Internet aus. Ist zwar ganz und gar unpersönlich, spart aber viel Kosten und Zeit. Angeblich. Ryan ist stinkig. Nimmt sie mit auf Tour. Zeigt ihr das Tun draußen "an der Front" und bekommt es mit einer weiteren Frau gehörig zu tun.

Mit einer ebenso flotten, ungebundenen, kernigen Weibsausgabe von Business-Frau: Alex Goran (hinreißend: Vera Farmiga, zuletzt aufgefallen an der Seite von Matt Damon und Leonardo DiCaprio in Scorseses "Departed", 2006). Die lässt ihn emotional taumeln. Muss er etwa an seinen Lebensprinzipien zweifeln? Diese gar auf den Prüfstand stellen und korrigieren?

"Up in the Air" ist ein gescheiter, hintergründiger, beeindruckender Menschen-Film. Als intelligente Komödie mit vielen melancholischen Akzenten und brisanten System-Pointen. In Sachen Gesellschaft, Wirtschaft und aktueller (nicht nur amerikanischer) Politik. Aber eben nicht als Düster-Movie mit simplen Anklage-Ausrufungszeichen, sondern als eine ebenso angenehm seriöse wie beschwingte wie sarkastische Skizze über eine moderne Gesellschaft, die immer "abwegiger", klobiger, unnahbarer, ja steriler wird. Marke: Wir kommunizieren zwar immer mehr, aber in der Hauptsache mehr und mehr entfernter, unpersönlicher.

Unliebsame Sachen werden Beauftragten zur profitablen Erledigung übergeben. Ein ganz starkes Ding von Unterhaltung, mit fantastischen Akteuren, die – was für ein Hollywood-Luxus – glaubwürdige, überzeugende, reizvolle, spannende Menschen-Figuren interpretieren, spielen. Keine Plastik-Show ist das hier, sondern ein ganz feiner Spaß mit viel imponierendem Denkvergnügen.

Mehr bei deutschlandradio.de

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Oscar-Chancen für deutschsprachigen Film

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