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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.07.2012

Unwiderrufliche Endzeitstimmung

Heinrich Hauser: "Zwischen zwei Welten", Weidle Verlag, Bonn 2012, 247 Seiten

Die Freiheitsstatue in New York - Symbol für den Traum vieler Auswanderer (AP/dradio.de)
Die Freiheitsstatue in New York - Symbol für den Traum vieler Auswanderer (AP/dradio.de)

Ob bei der Schilderung einer Schiffspassage oder der Arbeit in einem Sägewerk: Hausers "Optik", die sprachlich rasante, energetisch aufgeladene Umsetzung sinnlicher Reize, reißt mit. So auch in "Zwischen zwei Welten", dem zu Lebzeiten Hausers nicht veröffentlichten autobiografischen Roman aus dem Jahr 1943.

Vier Jahre zuvor war Heinrich Hauser mit Frau und Kindern in die USA emigriert. Hatte er sich nach Regierungsübernahme der Nazis den neuen Machthabern anfangs noch angedient, so merkte er bald, dass er, Einzelgänger aus Passion, nicht Teil einer gleichgeschalteten Gesellschaft sein konnte und wollte.

Im Roman gibt der in New York ankommende Ich-Erzähler, wie Hauser selbst ein Schriftsteller, Rechenschaft über sein Verhältnis zu Deutschland ab. Er ist kein intellektueller Schöngeist, dem die Nazis ästhetisches Unbehagen verschafften, kein verfolgter Jude, sondern ein arischer Tatmensch, kein Linker, sondern deutsch-national.

Er resümiert die eigene Jugend, der die bürgerliche Welt obsolet geworden war und die sich anschickte, "das materialistische Zeitalter" zu überwinden. Zivilisationskritik und Maschinenbegeisterung sind für ihn jedoch kein Widerspruch. Die Moderne, die Hauser mit ihrer Geschwindigkeit und Energie begeisterte, ist ihm in diesem Roman im selben Atemzug verhasst, weil sie den Menschen seelischer Not und Glaubenslosigkeit überantwortet. Hitler ist für seinen Protagonisten nur das Symptom eines geistigen Niedergangs, nicht dessen Verursacher.

Der Ich-Erzähler haust zuerst mit seiner Familie in einem New Yorker Kellerloch, ohne Verbindung zu anderen Emigranten, fremd in der amerikanischen Kultur. Ein glücklicher Zufall erlaubt es ihm, eine Farm zu erwerben. Dort will er ein neues Leben beginnen, im buchstäblichen Sinn Wurzeln schlagen. Doch als die USA in den Krieg eintreten, meldet er sich freiwillig zur Armee – und wird abgelehnt. Auch manchem Nachbarn ist er nun als "feindlicher Ausländer" suspekt.

In der ländlichen Einsamkeit irgendwo zwischen New York und Montreal leidet er unter der mit prophetischer Genauigkeit imaginierten Zerstörung Deutschlands und Europas, hat die Vision vom Tod seiner Mutter in einer Gaskammer, hofft aber auch auf eine geistige Wiedergeburt des Kontinents nach der Katastrophe, "in wütender Scham, in heiligem Zorn – zu Gott hinan".

Hausers Protagonist kann nirgends heimisch werden: nicht bei seiner Familie, nicht bei den Nachbarn auf dem Land, noch bei Künstlerkollegen aus der Stadt. Weder in Deutschland noch in den USA. Nicht als Soldat, nicht als Schriftsteller, nicht als Farmer. Nicht in der Religion, obwohl er häufig über Gott redet. So befindet er sich ständig "zwischen zwei Welten". Hauser beschreibt das pathetisch und zugleich analytisch.

Ein – bei aller Düsternis – unterhaltsamer Roman. Und zugleich ein Abgesang auf die Zivilisation. Die Versatzstücke europäischen Geistes werden noch einmal kurz zum Leuchten gebracht, doch hinterlässt der Roman, obgleich Hauser ihn noch mitten im Krieg beendet hat, eine unwiderrufliche Endzeitstimmung. Zwischen zwei Welten – das heißt: im Nichts.

Besprochen von Carsten Hueck

Heinrich Hauser: Zwischen zwei Welten
Weidle Verlag, Bonn 2012
247 Seiten, 19 Euro