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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.08.2013

Unterwegs zum Tod

Göran Rosenberg: "Ein kurzer Aufenthalt", Rowohlt Verlag, Berlin 2013, 392 Seiten

Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz haben die Hölle durchlebt (AP Archiv)
Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz haben die Hölle durchlebt (AP Archiv)

Im schwedischen Original heißt das Buch von Göran Rosenberg "Ein kurzer Aufenthalt auf dem Weg von Auschwitz". Der Aufenthaltsort ist Södertälje. Der Protagonist ist der Vater des Autors. David Rosenberg hat Auschwitz überlebt. Die Kleinstadtidylle ist bloß ein kurzer Halt bis zum Selbstmord.

So etwas gibt es manchmal in Science-Fiction-Filmen: Da kommt jemand von einem anderen Planeten auf die Erde, bemüht, wie ein Mensch zu funktionieren – bis er merkt, dass er nicht heimisch werden kann an diesem fremden Ort, dass keiner ihn versteht, sodass er am Ende wieder dorthin aufbricht, wo er hergekommen ist.

So eine Geschichte erzählt in "Ein kurzer Aufenthalt" der schwedische Journalist und Filmemacher Göran Rosenberg. Das Buch liest sich vordergründig als Autobiografie, als Rückschau auf des Autors Familie und Kindheit. Doch es ist vor allem der Versuch, die Welt mit den Augen seines verstorbenen Vaters zu sehen – der vom grausamen Planeten Auschwitz kam. Und der sich das Leben nahm, als sein Sohn gerade zwölf Jahre alt war.

David Rosenberg, ein polnischer Jude, stammte aus Lodz. Er überlebte Ghetto, Konzentrationslager, Sklavenarbeit und den annähernd kompletten Verlust seiner Familie im Holocaust. 1947 – die Welt liegt in Trümmern – verschlägt es ihn in die schwedische Kleinststadt Södertälje in der Nähe Stockholms. Seit dem Zweiten Weltkrieg boomen dort Pharma-und Kraftfahrzeugindustrie und sorgen für komfortable Lebensbedingungen der Einwohner.

David Rosenberg findet schnell Arbeit als Monteur. Seine Jugendliebe Hala, die ebenso wie er den Holocaust überlebt hat, kommt nach. Die beiden heiraten und bekommen Kinder. Bald gibt es einen Volkswagen, einen Fernseher, die Kinder lernen selbstverständlich die Landessprache. Sie besuchen Kindergarten und Schule, der kleine Göran lernt Geige zu spielen. Er ist Teil des "Projekts" der Eltern, ein neues Leben in einer neuen Heimat zu führen.

Es gibt in Södertälje kaum Juden und keine Erinnerungen an die Gräuel der Lager. Während der junge Göran sich an diesem Ort die Welt aneignet, bleibt sie seinem Vater jedoch letztlich verschlossen. Denn niemand versteht ihn. Nicht seine Sprache, nicht seine Vergangenheit, nicht die Schrecken, die erlebt hat, nicht seine Ambitionen. Nachdem er in der Firma nicht aufsteigen kann und niemand etwas von dem Gepäckträger für die neuen Volkswagen wissen will, den er entworfen hat, nachdem der Plan für ein Eigenheim scheitert und es zu einem antisemitischen Zwischenfall kommt, verschlimmern sich die Depressionen, unter denen David Rosenberg offenbar schon länger gelitten hatte – eine Folge der Scham, als einer der wenigen den Mord an den europäischen Juden überlebt zu haben.

Göran Rosenberg verbindet in seinem Buch die Erkenntnisse Primo Levis und Jean Amérys, die nach Auschwitz ebenfalls nicht mehr in der Welt heimisch wurden, mit einem anrührenden Portrait seines Vaters. Er spricht ihn direkt an, kommt ihm so nah, wie es zu Lebzeiten wohl nie möglich war. Präzise historische Recherchen verbindet Rosenberg literarisch anspruchsvoll mit persönlichen Erinnerungen, Fotos und Briefen. Scharfsinnig hinterfragt er scheinbar Bekanntes oder Banales und stellt so neue Zusammenhänge her, fügt Bruchstücke zu einer Welt zusammen, von der wir so noch nicht erfahren haben. Der schwedische Originaltitel hieße übersetzt "Ein kurzer Aufenthalt auf dem Weg von Auschwitz". Für David Rosenberg, der durch die Hölle gegangen war und sie fortan in sich trug, ist die vermeintliche Nachkriegsidylle in Schweden nur Zwischenstopp beim Sterben.

Besprochen von Carsten Hueck

Göran Rosenberg: Ein kurzer Aufenthalt
Aus dem Schwedischen von Jörg Scherzer
Rowohlt Berlin Verlag
Berlin 2013
392 Seiten, 22,95 Euro

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