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Interview / Archiv | Beitrag vom 29.05.2007

Unternehmer Heraeus fordert mehr Offenheit beim Handel mit China

Moderation: Marie Sagenschneider

Eine Straßenverkäuferin bietet in der chinesischen Stadt Schengdu raubkopierte DVDs an. (AP)
Eine Straßenverkäuferin bietet in der chinesischen Stadt Schengdu raubkopierte DVDs an. (AP)

Der Metallunternehmer Jürgen Heraeus hat dafür geworben, Vorurteile gegenüber China als Handelspartner abzubauen. Probleme wie Technologieklau würden mit der Zeit abnehmen, sagte Heraeus. Zugleich warnte er davor, andere asiatische Länder zu vernachlässigen. Vietnam beispielsweise sei "das Preußen Asiens".

Marie Sagenschneider: 27 Außenminister der EU plus 16 aus asiatischen Staaten. Das ist der EU-Asien-Gipfel, der gestern Abend in Hamburg begonnen hat. Um nun die Bedeutung mal klar zu machen: die asiatischen Staaten, die dem ASEM-Kreis angehören, stehen immerhin für fast 60 Prozent der Weltbevölkerung, 60 Prozent des Welthandels und für 50 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts. Attraktive Märkte bekanntlich auch für den Exportweltmeister Deutschland und welche Chancen sich da bieten, mit welchen Problemen man auch zu kämpfen hat, darüber wollen wir nun hier in Deutschlandradio Kultur mit dem Unternehmer Jürgen Heraeus sprechen. Er gehört auch dem Asien-Pazifik-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft an und ist dort Vorsitzender des Arbeitskreises China. Guten Morgen Herr Heraeus!

Jürgen Heraeus: Guten Morgen!

Sagenschneider: Mit Ihrem Konzern Edelmetall und Technologie sind Sie ja in China aktiv. Acht Werke haben Sie dort mit mehr als 2000 Mitarbeitern. Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht? Was ist leichter als in Deutschland und was schwieriger?

Heraeus: Bisher haben wir Gott sei Dank fast nur gute Erfahrungen gemacht. Leichter ist es natürlich, in einen wachsenden Markt einzutreten, wo die Sachen noch nicht alle verteilt sind. Wenn man neu beginnt und die Kundschaft wächst und wächst und wächst und hat auch zunehmend Geld, dann lässt es sich etwas leichter verkaufen als dort, wo eigentlich schon jeder alles hat. Aber es ist auch nicht so einfach. China ist ein riesiges Land. Es hat ganz andere Sitten. Es hat andere Menschen, die in der Regel kein Englisch können. Ich warne also auch, dass man nicht glaubt, man muss nur nach China gehen und muss nur die Tasse hinstellen und es fließt der Honig von alleine hinein.

Sagenschneider: Ist es eigentlich für große Konzerne grundsätzlich leichter als für mittelständische Unternehmen, in China Fuß zu fassen?

Heraeus: Ja. Ich denke für große ist es leichter, weil sie natürlich auch eine Mannschaft haben und vor allen Dingen das Geschäft zu Hause weiterläuft. Ein Mittelständler, der selber die Sache in die Hand nehmen muss, wenn der dann zwei Wochen nicht in Deutschland war und zurückkommt, brennt hier vielleicht die Hütte. Es ist sehr, sehr wichtig, dass man von Person zu Person in China agiert. Das spielt eine große Rolle. Sie wollen auch dieselben Gesichter sehen. Sie wollen Vertrauen fassen. Wir natürlich auch. Es ist für uns schwer, einem Chinesen ins Gesicht zu sehen und zu sagen der gefällt mir oder der gefällt mir nicht. Für uns sehen die ja zunächst mal alle gleich aus, so dass man sehr viel persönliche Zeit aufwenden muss, um hier Verbindungen zu knüpfen und Vertrauen aufzubauen.

Sagenschneider: Kommen wir mal zu den wirtschaftlichen Problemen. Es gibt ja diese generelle Klage deutscher Unternehmen, dass China den Technologietransfer von Firmen einfordert, die in China aktiv werden wollen. Nimmt da der Druck eigentlich zu?

Heraeus: Ich glaube, er nimmt vielleicht allmählich ab. Wir sind doch heute so weit, dass die Chinesen anerkennen, dass Technologieklau, das Verletzen von Patenten, das Kopieren, sich zumindest nicht gehört, um es mal so zu formulieren. Früher wurde es gar nicht akzeptiert, dass das unanständig ist. Man sei ein Entwicklungsland. Man müsse von den Reichen auch was abnehmen dürfen. Heute gibt es Gesetze, die natürlich noch nicht alle durchgesetzt werden. Es gibt zunehmend chinesische Firmen, die ihre Technologie auch geschützt haben wollen gegenüber ihrem chinesischen Mitbewerber, so dass die Regierung diese Sache erkannt hat, auch zugibt, dass diese Fälle vorkommen, so dass ich glaube in fünf bis sechs Jahren wird sich dieses Thema weitgehend gelegt haben. Wir dürfen nicht vergessen, dass es die Japaner genauso gemacht haben. Die Koreaner haben es genauso gemacht und die Chinesen haben es nachgemacht. Man muss sein tiefstes Geheimnis dort natürlich nicht offen legen.

Sagenschneider: Na ja, aber das scheint doch das Problem gerade von den schon angesprochenen mittelständischen Unternehmen zu sein, dass sie sich dort auf Kompromisse einlassen und sagen na gut, Technologietransfer. Wir haben ja auch beim Transrapid gesehen, wie das dann läuft. Dann stellt ein deutsches Unternehmen das Ding hin und dann gucken sich die Chinesen das an und sagen aha, jetzt haben wir es auch verstanden, bauen wir selbst, brauchen wir euch gar nicht mehr. Fünf, sechs Jahre sind ja auch noch mal eine lange Zeit?

Heraeus: Ja. Nun dürfen Sie nicht vergessen: die Technologie des Transrapid ist inzwischen 20 Jahre alt. Wir haben den in Deutschland nicht auf die Schiene gebracht außer in dem kleinen Kreisel in Norddeutschland.

Sagenschneider: Das ist wahr, aber das ist ja nur ein Beispiel!

Chinesische Fließbandarbeiterinnen (hier in Shenzhen) (dpa / picture alliance / He Dongping)Ventilatoren-Herstellung bei der Firma Airmate im chinesischen Shenzhen (dpa / picture alliance / He Dongping)Heraeus: Genau und deswegen müssen wir sehen, dass wir innovativ bleiben, dass wir immer wieder bei Maschinen neue Ideen haben, so dass das, was die Chinesen kopieren, dann schon wieder überholt ist. Der Chinese will das Neueste. Der will keine alten Sachen. Also es liegt an uns. Man muss sich entscheiden: will ich meine Geheimnisse hier behalten und auf den chinesischen Markt verzichten; dann darf ich aber auch nicht exportieren, denn die nehmen auch die Maschinen auseinander und bauen sie nach. Oder will ich an dem Marktwachstum teilhaben und nehme gewisse Unannehmlichkeiten in Kauf. Ich gebe zu, dass es für Mittelständler natürlich besonders unangenehm ist, weil deren einzige Existenz natürlich ihr Wissen um ihr doch kleiner beschränktes Produktionsprogramm ist im Gegensatz zu Siemens, BASF oder Thyssen-Krupp, die viele, viele Erzeugnisse haben.

Sagenschneider: Haben Sie den Eindruck, Herr Heraeus, dass die deutsche Wirtschaft sich zu sehr auf den Run, auf diesen boomenden Markt China konzentriert und die anderen Länder vielleicht zu sehr missachtet? Sie waren ja gerade mit Bundespräsident Köhler auf einer Asien-Reise und eine Station war eben Vietnam. Könnte man nicht auch in solche Länder verstärkt gehen?

Heraeus: Ich glaube, das ist eine sehr richtige Anmerkung. Das ist so ein bisschen ein Rush auf China und wir sollten die anderen Länder, die ja den Rest der Bevölkerung dort bringen, auch berücksichtigen. Sie nannten vorhin die Zahlen. Davon hat China 1,3 Milliarden. Die anderen wohnen in den Nachbarstaaten. Vietnam war eine sehr interessante Reise, interessant vor allen Dingen, weil dort sehr, sehr viele Menschen Deutsch sprechen, die in der früheren DDR ausgebildet wurden. Sie haben ein gutes Bildungsniveau. Die sind hungrig. Sie heißen die Preußen Asiens. So werden sie dort genannt. Das Land ist nicht so groß wie China, aber immerhin so groß wie Deutschland mit 80 Millionen Einwohnern. Ich denke es lohnt sich, dort einmal genauer hinzuschauen. Aber auch Indien, auch Korea, Malaysia sind Länder, die zunehmend wirtschaftliche Kraft entfalten.

Sagenschneider: Der Unternehmer Jürgen Heraeus, der auch dem Asien-Pazifik-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft angehört, im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur. Ich danke Ihnen!

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