Seit 12:07 Uhr Studio 9
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 12:07 Uhr Studio 9
 
 

Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 24.03.2016

Untergang der "Sussex"Der Tod des spanischen Komponisten Enrique Granados

Von Michael Stegemann

Der spanische Komponist Enrique Granados (imago/Leemage)
Der spanische Komponist Enrique Granados. (imago/Leemage)

Enrique Granados hat die spanische Musik ins 20. Jahrhundert geführt. Er war ein Ausnahme-Pianist und -Komponist, der in seinen Werken dem Aufbruch Spaniens in die Moderne den Weg bereitete. Mit nur 48 Jahren starb Granados heute vor 100 Jahren, als sein Schiff - auf der Rückreise aus den USA - im Ärmelkanal von einem deutschen U-Boot torpediert wurde.

Am 28. Januar 1916 fand an der New Yorker "Met" eine glänzende Premiere statt: die Uraufführung der Goyescas – der ersten spanischen Oper, die in den USA gespielt wurde. Enrique Granados hatte sie gemeinsam mit Fernando Periquet nach seinem gleichnamigen Klavierzyklus entworfen und war nun selbst mit seiner Frau María eigens aus Europa nach New York gekommen, wo er begeistert gefeiert wurde. Eine besondere Ehre war eine persönliche Einladung des Präsidenten Woodrow Wilson ins Weiße Haus, wo Granadosʼ großartiges Klavierspiel, das in einigen Klavierwalzen und akustischen Aufnahmen aus dem Jahre 1912 dokumentiert ist, tiefen Eindruck machte.

Viele Werke sind von den Bildern Francisco de Goyas inspiriert

Neben dem älteren Isaac Albéniz und dem jüngeren Manuel de Falla war der 1867 in Lérida geborene Enrique Granados y Campiña der bedeutendste spanische Komponist des Fin de siècle bis heute nicht nur in seiner Heimat hochgeehrt. Zudem war Granados ein glänzender Pianist. In seiner Musik räumte er mit den bis dahin üblichen, romantisch stilisierten und oft salon-kitschigen españoladas auf und entwickelte einen modernen, rauen Klavierstil: Extrem virtuos, rhythmisch prägnant, harmonisch komplex – und tief mit seiner katalanischen Heimat verbunden, so der Musikforscher José Subirá:

"Die nationalistische Kunstmusik wird hauptsächlich in Katalonien kultiviert, wo es ein politisches, regionales Problem gibt, unter dessen Einfluss die Komponisten Formen und Stileigentümlichkeiten pflegen, die die musikalische Eigenart dieses Gebietes dartun sollen."

Nach dem Studium bei dem Pianisten Ricardo Viñes und dem Komponisten Felipe Pedrell ließ sich Granados in Barcelona nieder. Viele seiner Werke sind von den Bildern Francisco de Goyas inspiriert – nicht nur die Goyescas, sondern auch viele seiner Lieder.

Prominentes Musiker-Opfer des Ersten Weltkriegs

Zitat Enrique Granados:
"Ich habe mich in Goyas Psychologie genauso verliebt wie in seine Palette. Ich verbringe meine Zeit mit ihm, mit der Herzogin von Alba und ihrem Hofstaat, ihren Streitereien und Liebesaffären, begeistert von dem zarten Rosa ihrer Wangen und dem Perlmutt-Schimmer ihrer Hände, die so wunderbar mit dem Schwarz ihrer Haare kontrastieren, mit ihren geschmeidigen Körpern, die sich im Tanz verbiegen …"

Nach dem Konzert im Weißen Haus verlief die lange Atlantik-Überfahrt zurück nach Europa an Bord eines Ozeandampfers zwar problemlos, aber auf der letzten Etappe von Folkestone nach Dieppe wurde die Kanalfähre "Sussex" am 24. März 1916 plötzlich von einer Explosion erschüttert: Ohne Vorwarnung hatte ein deutsches U-Boot ein Torpedo auf die "Sussex" abgefeuert. Das Schiff zerbrach in zwei Teile, Panik brach an Bord aus. Granados gelang es, eines der Rettungsboote zu erreichen; aber als er sah, dass seine Frau hilflos im Wasser davontrieb, sprang er ihr hinterher, um sie zu retten. Beide ertranken, ebenso wie rund 50 weitere Passagiere. Enrique Granados und seine Frau hinterließen sechs Kinder und gehörten – neben dem Franzosen Albéric Magnard, dem Engländer George Butterworth und dem Deutschen Rudi Stephan – zu den prominentesten Musiker-Opfern des Ersten Weltkriegs.

Musik: 
Enrique Granados: Goyescas – El pelele
Orquesta Sinfónica de Madrid, Antoni Ros Marbà
CD Auvidis V 4791 (LC 07496)

Enrique Granados: Improvisation über El pelele– Nr.7 aus den Goyescas
Enrique Granados, Klavier [1912]
CD EMI 7 54836 2 (LC 06646)

Enrique Granados: "Quejas, o la maja y el ruiseñor", aus den Goyescas
Montserrat Caballé, Sopran; Miguel Zanetti, Klavier
CD BMG 09026 62539 2 (LC 00316)

Enrique Granados: Improvisation über El pelele– Nr.7 aus den Goyescas
Enrique Granados, Klavier [1912]
CD EMI 7 54836 2 (LC 06646)

Mehr zum Thema

Kammermusik Auf der Suche nach der spanischen Identität

Kalenderblatt

Vor 75 JahrenDas erste Elektroauto wird vorgestellt
"Ich fahre mit Strom" steht an einem elektrisch angetriebenen Opel Ampera, der am 27.04.2016 in Halle (Sachsen-Anhalt) an einer Ladesäule von EnviaM geladen wird. (dpa / picture alliance / Jan Woitas)

Elektroautos erlebten bereits Ende des 19. Jahrhunderts eine kurze Blütezeit, wurden dann jedoch vom Bezinauto verdrängt. Erst als Treibstoff im Zweiten Weltkrieg knapp wurde, entdeckten französische Ingenieure den Stromantrieb wieder.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur