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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 17.03.2015

Untergang der DDR Ein Bergbaustädtchen geht auf die Barrikaden

Von Henry Bernhard

Der Hobby-Künstler Andreas Töpel aus dem ostthüringischen Münchenbernsdorf zeigt eine seiner Collagen, die im Wendejahr 1989 entstand: Sie zeigt Erich Honecker als Sträfling mit der Nummer 001.  (picture-alliance/ dpa-Zentralbild / Jan-Peter Kasper)
Der Hobby-Künstler Andreas Töpel aus dem ostthüringischen Münchenbernsdorf zeigt eine seiner Collagen, die im Wendejahr 1989 entstand: Sie zeigt Erich Honecker als Sträfling mit der Nummer 001. (picture-alliance/ dpa-Zentralbild / Jan-Peter Kasper)

Wie ist die DDR in der Provinz untergegangen? Im thüringischen Sondershausen überschlugen sich die Ereignisse nach den Kommunalwahlen 1989 in der DDR. 10.000 Menschen gingen auf die Straße, einige schlossen sich dem Neuen Forum an.

Gerald Höfer: "Ich bin Gerald Höfer, viele Jahre in S gelebt, aufgewachsen. Bin eigentlich Lyriker, Prosaist, habe ein paar Bücher herausgegeben."

Dieter Strödter: "Meine Name ist Dieter Strödter; ich bin seit 60 Jahren hier in S beheimatet, war hier Lehrer; und heute bin ich glücklicher Rentner."

Michael Glaser: "Ja, ich war der Wandzeitungsredakteur vom Neuen Forum"

Höfer: "Sondershausen hatte eine Besonderheit: Der 1. Sekretär der SED-Kreisleitung und damit sozusagen der oberste Machthabe im Kreis, war gleichzeitig der Neffe des Verteidigungsministers der DDR."

Strödter: " ... Mitglied des Politbüros und Verteidigungsminister, Armeegeneral! Dieser Manfred Keßler war unangreifbar! Der konnte machen, was er will!"

Höfer: "Und der führte sich in Sondershausen wie ein Provinzfürst auf! Außer, dass er schlechtere Manieren hatte als ein Fürst!"

Glaser: "Es lag so eine Stimmung wirklich in der Luft: Die Menschen haben angefangen, das Land zu verlassen, haben angefangen, Botschaften zu besetzen; es war irgendwie ein Aufbruch spürbar."

Höfer: "Wir haben gedacht: Der Keßler wird aber nicht abgewählt! Der ist die ganzen Jahre nicht abgewählt worden. Wir hatten die Vermutung, dass die Wahlen manipuliert sind, weil immer super-tolle Zahlen gemeldet wurden, Wahlbeteiligung nahezu 100 Prozent."

Höfer: "Man ging normalerweise gar nicht in die Wahlkabine. Man faltete den Zettel und warf ihn in die Urne und alle waren happy."

"Wir müssen doch irgendeine Möglichkeit finden zu überprüfen, ob die uns betrügen"

Strödter: "Wir gingen Zettelfalten. Was sollte es?"

Höfer: "Und wir haben dann gesagt: Wir müssen doch irgendeine Möglichkeit finden zu überprüfen, ob die uns betrügen! Dann haben wir gesagt, 'So, wir sind jetzt', was weiß ich, '21 Leute: Zumindest 21 Nein-Stimmen muss es geben.' Und wir hatten uns entschlossen, alle in dieses Sonderwahllokal zu gehen und dort unsere Stimme komplett ungültig – also, mit NEIN zu stimmen. Und wenn das so gewesen ist und alle das auch tatsächlich getan haben, dann war das ausgezählte Wahlergebnis falsch, weil: Ich war an dem Wahlabend zur Kommunalwahl 1989 im Sonderwahllokal und habe die Auszählung der Stimmen beobachtet; und es waren einfach weniger NEIN-Stimmen als wir hätten erreichen können."

Glaser: "Ich kann mich nicht erinnern, jemals bewußt die Aktuelle Kamera geschaut zu haben. Aber an diesem Wahltag war das so. Und da tritt dann der Krenz auf ..."

Egon Krenz (1989): "Liebe Bürgerinnen und Bürger der Deutschen Demokratischen Republik! Für die Wahlvorschläge der Nationalen Front der Deutschen Demokratischen Republik wurden 12.182.050 gültige Stimmen abgegeben. Das sind 98,85 Prozent."

Glaser: " ... und erzählt nun wirklich was von fast über 100 Prozent, ja! Und dann dachte ich mir: Eh, jetzt geht's los, ja!"

Höfer: "Also, ich hatte da auch ein bisschen Beziehung zu anderen Leuten, die alle nicht gesagt haben, 'Oh, wir sind die Opposition; wir stürzen die Regierung!', aber die alle gesagt haben, 'An diesen Verhältnissen muss sich was ändern.'"

Glaser: "War dann halt Prüfungszeit; und man mußte halt zusehen, dass man auch seinen Verpflichtungen weiter nachkommt. Und das taten wir ja auch während der Wende-Zeit! Da fiel ja kein Tag in der Lehre aus oder so, außer, dass man halt gesehen hat: Die, die die Konsequenzen gezogen hatten und schon im August z.B. aus den Sommerferien nicht zurück kamen."

Höfer: "Und da verschwanden sie! Und in so einer kleinen Stadt wie Sondershausen macht sich das deutlich bemerkbar. Und wir haben gesagt: Das kann einfach auch so nicht weitergehen. Und ich war durch Leipzig eben auch mit dem Neuen Forum in Berührung gekommen; und über diese Verbindung Nikolaikirche habe ich dann den Aufruf des Neuen Forums mitgenommen und mit nach Sondershausen gebracht. Und hier in Sondershausen haben wir es dann versucht abzutippen oder irgendwie zu vervielfältigen, um das Zeug in die Provinz zu kriegen."

"Physisch kräftige Genossen sind heute ins Theater der Freundschaft bestellt worden"

Glaser: "Da gingen mir ja die Augen über: Dass man sich das traute zu verschriftlichen! Hier in der Provinz! Hier kannte jeder jeden; bei meinem Freund der Nachbar war hauptamtlicher Staatssicherheitsmitarbeiter ..."

Höfer: "Der 1. Sekretär der FDJ-Kreisleitung, also Freie Deutsche Jugend, den kannte ich sehr gut, den habe ich gefragt, ob ich die Ormig-Maschine, also die Druckmaschine der FDJ-Kreisleitung, benutzen kann zur Vervielfältigung. Der hat gesagt, 'Ja.'"

Glaser: "Na, ich habe dann das Neue Forum gesucht in Sondershausen. Da fiel halt ein bestimmter Name; den habe ich dann aufgesucht. Wir waren uns völlig unbekannt; und deshalb hat der mich auch nicht besonderes euphorisch aufgenommen."

Höfer: "Anfang Oktober war an der Katholischen Kirche in großes Transparent angebracht: Montagsgebet, Friedensgebet dann und dann ..."

Glaser: "Mit einem sehr guten Freund war ich in der Lehre. Und der kam eines Tages und sagte, 'Wir müssen nach Sondershausen! Heute wird demonstriert.' Und ich sag', 'Demonstration!? Wie – in Sondershausen ? Wie soll denn das funktionieren?' Ja!"

Höfer: "Und dann sind wir zum ersten oder zweiten Friedensgebet hingegangen."

Glaser: "War kein Reinkommen! Und der Platz davor war voller Menschen."

Höfer: "Und wir haben uns sehr eng zusammengeschlossen und haben dann auch bei der Vorbereitung/ Durchführung der Demonstration, der anschließenden Demonstrationen, die von diesem Friedensgebet ausgingen, mitgeholfen und gemeinsam mitgearbeitet."

Glaser: "Und am Ende vom Friedensgebet gingen die Türen auf; der Gemeindekatechet kam mit einer großen Kerze. Plötzlich, als wenn es abgesprochen war, hatte jeder eine Kerze in der Hand. Mir wurde auch eine in die Hand gedrückt. Es tropfte das Wachs auf die Schuhe. Und so ganz langsam ging ein Demonstrationszug in Richtung Innenstadt. Und die meisten bogen ab zur SED-Kreisleitung, dann standen halt in den Blumenkübeln und den Fenstern, standen dann plötzlich Kerzen. Ein unglaubliches Bild, ja!"

Höfer: "Es gab dann kleinere Demonstrationen, und die führten dann dazu, daß ein Dialog eingefordert worden ist, der dann tatsächlich im größten Saal, den Sondershausen hatte, das war das Kino ..."

Strödter: "Ich traf einen Kollegen, der schnurstracks an mir vorüber ging. Ich sag, 'Gerhard, wo willst'n hin?' 'Ja, physisch kräftige Genossen sind heute ins Theater der Freundschaft bestellt worden. Dort findet eine Veranstaltung mit der Bevölkerung statt.'"

Höfer: "Dann wurden die Türen aufgemacht eine Stunde vorher und – welch Wunder! – die äußeren Plätze jeder Reihe waren belegt, also immer die ersten drei, vier Plätze jeder Reihe waren belegt. Die 'Bösen' saßen in der Mitte, und die 'Guten', Staatstreuen saßen rechts und links. Offiziere, viele Offiziere."

"Die Wut wurde herausgebrüllt"

Glaser: "Die waren bewaffnet! Da wurde der SED-Kreissekretär beobachtet, wie er sich die Pistole zurechtgerückt hat."

Höfer: "Ja, und dann schwante mir schon, dass das nichts werden kann. Weil, ich dachte: Wenn du hier aufstehst und irgendwas anprangerst, dann werden die äußeren Reihen aufspringen und dich niederdiskutieren mit irgendwelchen Phrasen, 'Du bist wohl nicht für den Frieden?' usw."

Dieter Strödter: "Nur Schreierei, Brüllerei. Die Wut wurde herausgebrüllt."

Höfer: "Draußen waren vielleicht noch 3.000 Leute, die überhaupt nicht reinkamen."

Strödter: "Und es wurde vereinbart, daß zwei Tage später diese Großveranstaltung auf dem Marktplatz stattfinden soll."

Manfred Keßler (1989): "Ich begrüße aller Bürgerinnen und Bürger recht herzlich. Auch wir befinden uns im Lern- und Umdenkungsprozeß. Jawohl!"

Höfer: "Der entscheidende Punkt war: Diese Demonstration am 28. und die eklatante Hilflosigkeit der Machthabe des Kreises. Sie standen ja unter dem Rathausbalkon, vor der Rathaustür, wie auf einem Präsentierteller. Und der Marktplatz war voller Menschen!"

Glaser: "Wenn wir hier knapp 10.000 Sondershäuser sehen bei der großen Demonstration: Viele haben gewußt, daß die Stimmen da waren, die Kasernentore aufzumachen. Man hat die Kampfgruppen in Bereitschaft gesehen. Das haben sich die Leute ja nicht eingebildet. Und man wußte nicht, wie so ein Provinzfürst evtl. überreagiert."

Stimme (1989): "Zur Frage der persönlichen Bereicherung fehlt noch die Antwort!"

Manfred Keßler (1989): "Ich will etwas sagen, was die Anschuldigungen und Gerüchte anbelangt ... Ich kann ganz klar sagen, daß es keine persönliche Bereicherung gibt. Daß es auch Listen für Geburtstage, so etwas nicht gibt."

Sprechchor (1989): "LÜGNER! LÜGNER!"

"Die SED hatte an diesem Tag abgefrühstückt"

Höfer: "Das war eine ziemlich armselige Geschichte. Die SED hatte an diesem Tag abgefrühstückt. Er hat es nicht begriffen. Sie wollten mit ihm keinen Dialog mehr. "Keßler, tritt ab!", das war die Hauptforderung."

Strödter: "Es heizte sich auf. Wenn da ein oder zwei Steine fliegen und der Keßler kommt in Not, dann gibt er Befehle. Ich bin dann an ein Mikrofon gegangen ..."

Strödter (1989): "Ich bitte um Ruhe! Ich bin von niemandem beauftragt; und das, was ich sage, geht auf meine eigene Kappe."

Strödter: "Meine Absicht war eigentlich gewesen zweierlei: Erstens, es darf kein Blut geben – egal wie! Und zweitens, die ganze Sache kann nicht so verlaufen wie die Diskussion bis dahin war: Anklage – Erwiderung – kein Glauben. Und dachte mir: Jetzt mußt du geschickt sein! Der da vorn ist in seiner Machtfülle vielleicht noch so weit, daß er meint, sich nicht bewegen zu müssen. Andererseits hat er jetzt Angst: Ich habe es an seinem Gesicht gesehen. Also mußt du ihm auch eine Falle stellen! Also bin ich rangegangen und habe gesagt: 'Das darf hier nicht ausgehen wie das Hornberger Schießen!'"

Strödter (1989): "Was momentan passiert, kann ausgehen wie das Hornberger Schießen und bringt uns nicht weiter. Aus diesem Grunde würde ich vorschlagen, daß sich die führenden Genossen rehabilitieren können, indem eine Untersuchungskommission diese ungeheuren Anwürfe untersucht, integer, unabhängig. Jeder muß das Recht haben, zu antworten und sich zu verteidigen. Und dieses Recht müssen wir auch den führenden Genossen zugestehen. Ich stelle aus diesem Grunde den Antrag, eine solche Untersuchungskommission einzusetzen. Mehr war's nicht."

Glaser: "Gefordert und gleich genehmigt! Etwas, das war ja in der DDR während oder auch nach der Wende fast ein Unding! Eine unabhängige Untersuchungskommission!"

Strödter (1989): "Ich stelle mich zur Verfügung. Ein jeder, der in dieser Hinsicht etwas zu sagen hat, was belegt werden kann, merke sich bitte die Adresse und schicke es Sondershausen, Hermann-Lanz-Str. 28, Strödter. Es wird nicht untergehen!"

Strödter: "Und schon abends staken vier bis fünf Dinge drin! Ich habe das abends genommen und in eine Kiste unter die Kohlen gepackt. Die Begründung: Noch am gleichen Abend war der 2. Sekretär der Kreisleitung und Sekretär für Agitation und Propaganda an meiner Türe. Und ich habe den überzeugen können: 'Wenn sie mich jetzt Hopps nehmen und das wird ruchbar – was denken sie, was morgen los ist in dieser Richtung!?'"

Höfer: "... wofür er in die Sondershäuser Geschichte eingehen wird! Und seinen Namen fest eingemeißelt! Ganz sicher! Es war genial, muss ich sagen! Und wie er es organisiert hat, gilt heute für diesen 30. Oktober 1989 als erstes frei gewähltes, demokratisch gewähltes Gremium in der DDR, das offizielle Anerkennung bekam."

Sprechchor (1989): "Keßler weg! Keßler weg! Keßler weg! Keßler weg!"

"Mein Mitgliedsausweis hat die 007 für Sondershausen"

Strödter: "Ich nehme an, dass sowohl vom Stasi-Chef als auch von anderen die Nachrichten zur SED-Bezirksleitung gegangen sind und dass es hier zu 80 Prozent eine Personenfrage war. 'Wenn ihr den nicht wegnehmt, dann wissen wir nicht, was passiert und dann beschmutzt der das ganze Nest noch mehr!' Und dann kam die Weisung, dass der Keßler nicht mehr ... und dass der Herr Gutjahr auch nicht mehr Vorsitzender des Rates des Kreises ist."

Glaser: "Und bereits vor dem nächsten Friedensgebet stand in der Zeitung, daß die abgesetzt waren. Das war ja die allererste Absetzung von SED-Funktionären in der DDR! Und so war der Weg frei, sich jetzt um andere Themen zu kümmern. Und da ging erstmalig eine Liste rum, 'Ja, ich bin dabei! Ich gehöre zum Neuen Forum!' Und das hat schon ein wenig Überwindung gekostet. Ja, es ist das eine, zu sagen, 'Ja, ich möchte, dass die zugelassen werden!' Aber zu einer damals noch verbotenen Demonstration in der DDR mit dem Sicherheitsapparat ... Die Grenzen waren noch nicht offen. Da gehörte – also für mich – ziemlich viel Überwindung hinzu ... Das war mir nicht einerlei."

Höfer: "Ich bin einer der Mitbegründer des Neuen Forums. Mein Mitgliedsausweis hat die 007 für Sondershausen wobei der Michale Glaser die 001 hatte."

Glaser: "An dem Tag habe ich mich in Sondershausen als Gründungsmitglied mit den anderen zusammen eingeschrieben."

Höfer: "Mir ging's tatsächlich um die Öffnung der Gesellschaft: eine offenere, freiere Gesellschaft!"

Glaser: "Auf der ganz großen Demonstration wurde dem Neuen Forum, bzw. den Oppositionsgruppen, zugesagt, dass sie einen Schaukasten bekommen, weil sich die Lokalzeitung geweigert hatte, Darstellungen oder Fragen aufzugreifen, Berichte ... Und da drückte er mir den Schlüssel in die Hand von diesem Schaukasten. Und ich sagte nur, 'Ja, und wem zeige ich das, wenn ich es hinhänge?' Und da sagte er, 'Nee, nee, nee! Was du aushängen willst, das hängst du aus!' Und ich war dann halt auf jeder Veranstaltung dabei, auch um halt die Bilder am nächsten Tag dort in diesen Schaukästen aushängen zu können."

Strödter: "Den Mauerfall ...!? Wir waren in einer Veranstaltung im Haus der Kunst. Da kam dann einer rein, Die Mauer ist gefallen!'"

Glaser: "Ich zeigte ihm den Vogel und hab gesagt: Das können die doch nicht machen! Weil ich war der festen Überzeugung: Wenn die jetzt die Grenzen einfach so aufmachen, dann ist in der nächsten Woche das Land hier halb leer."

Höfer: "Also, wir hatten uns ja vorher schon ... Leute vom Neuen Forum, wir hatten uns dann schon ausgemacht: Nach der Veranstaltung gehen wir ein Bier trinken in eine Kneipe von Sondershausen, die stadtbekannt war, 'Zur Sonne'. Und die 'Sonne' war leer! Die waren alle weg!"

"Das Interesse am Neuen Forum ging dann schlagartig zurück"

Strödter: "Ich hatte aber keine Zeit, mich damit zu beschäftigen, in den Westen zu fahren. Das war erst ein halbes Jahr später. Ich mußte Kommissionsarbeit leisten! Das heißt, ich habe gar keine Möglichkeit gehabt, dorthin zu fahren. So, und da haben wir eben rausgekriegt, daß der Keßler Feiern – Geburtstage und andere Dinge – veranstaltet hat und die Bezahlung über den Betrieb lief. Und ich habe auch dann nicht NEIN gesagt, als die Polizei kam und gesagt hat und gesagt hat, 'Gehen sie mit zur Haussuchung zu Keßler!? Hausdurchsuchung!' Und da kamen all diese Dinge raus. Er hat übrigens in der Veranstaltung gelogen, dass er nicht sich persönlich bereichert hat – natürlich war das so!!!"

Glaser: "Dann, nach dem 9. November, dann war es eigentlich völlig klar, daß wir hier in der Noch-DDR keine Zeit haben werden, irgendwelche Experimente noch zu machen. Wir hatten immer Angst davor, wenn irgendeiner von diesen Sprechern nach dem 9. November verkündete, 'Wir wollen jetzt weiter die DDR behalten ...' Das Interesse am Neuen Forum ging dann schlagartig zurück, mit jedem von diesen Auftritten."

Strödter: "Die SPD kam dann: 'Willst du denn nicht für uns kandidieren?' Und viermal Wahlkampf gemacht: einmal Volkskammer und dreimal Landtag. Sagen wir es so: Mein Kontrahent von der CDU hatte solche Plakate ... Und wir hatten Handzettel. Der hatte Kohl und die CDU hinter sich. Denn inzwischen war beschlossen worden: 'Wir nehmen die Ost-CDU ungewaschen und ungekämmt auf! Und wenn wir jetzt noch versprechen, dass in Kürze alles blüht, dann können wir einen Hydranten aufstellen und der wird gewählt'!"

Höfer: "Wir haben Plakate geklebt, wir haben Diskussionsveranstaltungen gemacht, wir sind über die Dörfer getingelt und haben mit den Leuten gesprochen. Aber sie wollten unser Konzept nicht! Sie haben gesagt, 'Ja, ihr seid alles gute Jungs und gute Mädels, und das habt ihr alles richtig gemacht; und wir haben euch auch immer die Daumen gedrückt, dass das alles gut funktioniert. Aber jetzt müssen wir mal das Geld wählen!', oder so. Obwohl sie uns mochten! Die haben uns nicht gewählt, obwohl sie uns mochten!"

Strödter: "Du hast ja Recht! Aber Helmut hat das Geld! Ich bin mit Dich in die Schule gegehn! Aber Geld hast du nicht!"

Höfer: "Also, wir haben ja sogar eine Listenvereinigung gegründet, mit Grünen, Unabhängige Bürgerinitiative und Neuen Forum gemeinsam. Und es hat trotzdem nicht gereicht für fünf Prozent oder irgendetwas."

Glaser: "Da wurden Kandidaten gebraucht, und die mussten plötzlich auf Wahlveranstaltungen, die wurden nach Weltpolitik gefragt – und alles solche Sachen!"

Strödter: "Kurzum: Bei allen Wahlen hat die Allianz für Deutschland abgeräumt! Natürlich waren unsere Hoffnungen anders! Aber ich bin nicht in den Landtag gekommen! Bei der zweiten Wahl dann als Nachrücker."

Michael Glaser: "Und gerade beim Neuen Forum in Sondershausen mündete bei dem Übertritt zu den Grünen. Für mich dann irgendwo der Schlusspunkt: Das war nicht so meine Welt!"

Gerald Höfer: "Das Neue Forum hat sich irgendwie in Wohlgefallen aufgelöst. Für mich war klar nach der Kommunalwahl, dass sich die ganze Geschichte erledigt hat."

Dieter Strödter: "Also, Fazit: Ein geteiltes Volk ist auf Dauer keine Alternative. Und wir haben die Systemauseinandersetzung verloren, aus verschiedensten Gründen. Vielleicht ist der, der Konkurrenz macht, dem, der Solidarität übt, doch überlegen. Wir sind ja erst eine Millionen aus dem Tierreich raus".

Länderreport

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