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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.01.2009

Unter ständiger Beobachtung

Ausstellung "Embedded Art - Kunst im Namen der Sicherheit" in Berlin

Von Barbara Wiegand

Überwachungskamera
Überwachungskamera (Stock.XCHNG / andrew parker)

Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurden fast überall die Überwachungsmaßnahmen verschärft. Diese Entwicklung hat jetzt eine Ausstellung in der Akademie der Künste in Berlin zum Thema gemacht: "Embedded Art - Kunst im Namen der Sicherheit" beschäftigt sich mit den Schutzmaßnahmen des Staates und wie sie unser Leben verändern.

Berlin Pariser Platz - vor der amerikanischen Botschaft behindern Poller den Weg in die Akademie der Künste, Polizeibeamte patrouillieren auf dem Bürgersteig. Eine Überwachung, sicherheitshalber, wie sie vor allem hier am Brandenburger Tor, aber längst auch andernorts in Deutschland Alltag geworden ist.

Dazu passt das Thema der von Künstlern der Gruppe BBM initiierten und organisierten Ausstellung. Und es passt auch, dass man als Besucher gar nicht so einfach in diese Ausstellung reinkommt. Vielmehr wird man zunächst zu einer wuchtig aus der Wand ragenden, knall gelben Kanzel geleitet, auf der mit Sicherheitswesten gewandete Wachleute stehen, die einen wieder zurückschicken, zum Ticketschalter.

"Der Grundgedanke war, den Haupteingang in die Galerie zu verschließen. Auch ein bisschen provokant. Wenn jetzt jemand auf zwei Meter zehn Höhe sitzt und hinunterschaut und mir erklärt. Hier geht’s nicht hinein gehen Sie anderes herum rein."

Erläutert Andreas Strauß, Konstrukteur dieses Empfangstresens. Und auch in der Ausstellung spinnen ihre Macher mit viel Geschick und erfrischenden Ideen ihr "Sicherheitskonzept" fort. So ist von der Kunst zunächst nicht viel zu sehen. Jedenfalls nicht direkt. Die Gemälde, Fotos und Installationen flimmern lediglich als telegene Kopien über die Bildschirme einer Art Kontrollraum. Die meisten Originale dagegen befinden sich ein bis vier Stockwerke tiefer. In den schmalen Gängen, den bedrückend niedrigen Archivräumen der Akademie, die man nur in Begleitung einer Führung besichtigen darf. Dort unten entdeckt man etwa popfarbene Gemälde von Moritz R, auf denen er hyperreal und mit Symbol beladener Ironie moderne Meister des Krieges porträtiert hat.

"Hier handelt es sich um Mitglieder der amerikanischen Armee, oder Leute, die für die Armee arbeiten. Hier das ist zum Beispiel Jim Shannon, der hat das Konzept für das First Earth Bataillon. Das sollte eine internationale Friedensarmee sein, die das amerikanische System weltweit verbreitet. Und der inszeniert sich gern so als Guru und Schamane. Aber letztlich ist es eben jemand, der militärische Netzwerke knüpft."

Moritz Rs Porträts entstanden mit Hilfe von Informationen, die die Kuratoren ihm gaben. Denn wie der anderen der 43 Werke sind auch seine Bilder Auftragsarbeiten des Leitungsteams, zu dem auch Olaf Arndt gehört.

"Sie wissen ja, dass es Embedded Journalists gibt, die behaupten, dass das, was sie ausschnitthaft als Begleiter der Armee, die diesen Krieg in ein Land trägt, sehen, dass das die Wahrheit sei. Das hat uns geärgert, vor allem als wir erfahren haben, dass Künstler mitgenommen werden. Um diese Visionen viel haltbarer zu machen. Man weiß ja, dass journalistische Erkenntnisse nach zwei Wochen so alt sind, wie kaum etwas anderes, aber die Kunst, die bleibt erstmal zwei Jahre im Museum hängen. Wir fanden, dass das eine Falle ist, diese Form der Überhöhung den kriegsführenden Parteien zu überlassen."

So suchten sich Arndt und seine Kollegen ihre eigenen Embedded Artists. Beauftragten Künstler und schickten sie vor Ort. Nach Pakistan oder auch Rheinland-Pfalz zur rheinlandpfälzischen Bereitschaftspolizei.

Hier haben die Videokünstler Korpys und Löffler einen Workshop gefilmt, bei dem die Beamten im Umgang mit der Elektroschockwaffe Taser geschult werden. Dabei probieren sie diese auch an sich selbst aus. Die teilweise mit Stockhausen-Klängen unterlegten, langsamen Bilder, die schmerzverzerrten Polizisten-Gesichter, ihre Ohnmacht und Verletzlichkeit führen bedrückend vor Augen, wie zerstörerisch der Schutz des Menschen wirken kann.
Das verdeutlicht auch ein von Hans-Werner Kroesinger inszeniertes Hörstück – basierend auf öffentlich zugänglichen, internationalen Texten, wird hier der Hund als Teil der Verhörtaktik etwa in Gefangenenlagern thematisiert.

"… in der Anleitung zur Dressur und Verwendung für den Polizei- und Kriegshund steht unter dem Punkt 'Wehrtrieb': Im Umgang mit gefährlichen Hunden gelten natürlich auch einige allgemeine polizeiliche Verhaltensmaßregeln. Diese haben besonderes Gewicht, weil sich Hunde nichts vormachen lassen. Besonders Adrenalin ist ein leitender Faktor. Es signalisiert ihm seine Übermacht. Tritt man dem Hund ängstlich gegenüber, so spürt er das gleich. … Wie macht der Hund …"

"Na ich kenn das aus der Generation meiner Großeltern, da gab es bei einigen älteren Herren und Damen, die hatten eine Blechplatte im Flur hängen: Mein Hund blieb mir im Sturme treu, der Mensch nicht mal im Winde. Und der Hund ist ja in Deutschland total positiv besetzt. Was man in diesem Text sehr schön deutlich machen kann. Die Umfunktionierung von etwas Positivem zu etwas Negativem. Das hohe Wort von der Sicherheit führt da manchmal in Situationen, die nicht jeder unterschreiben würde."

So ist es zweifellos das Verdienst der Schau, sich aktueller politischer Themen anzunehmen, statt sich im White Cube des Ausstellungsbetriebes mit sich selbst zu beschäftigen. Auch wenn manches gezeigte Werk etwas banal und ideenlos wirkt, ist es doch im wahrsten Sinne eingebettet in eine inspirierte Inszenierung. Eine Inszenierung, die den Betrachter immer wieder spüren lässt, wie sehr Sicherheit verunsichern kann.

Service:
"Embedded Art - Kunst im Namen der Sicherheit"
in der Akademie der Künste Berlin
Ausstellungseröffnung: 24. Januar 2009