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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 13.10.2011

Unsichtbare Fronten

Der Drogenkrieg in Mexiko und Guatemala

Von Martin Polansky

Die mexikanische Bundespolizei mit beschlagnahmten Waffen der Drogenkartelle (AP)
Die mexikanische Bundespolizei mit beschlagnahmten Waffen der Drogenkartelle (AP)

Die mexikanische Regierung droht im Drogenkrieg zu scheitern. Um die 40.000 Menschen sind in den letzten fünf Jahren umgekommen. Doch auch wenn sich die Banden im Land immer stärker ausbreiten - insgesamt ist Mexiko kein gescheiterter Staat. Anders als der südliche Nachbar Guatemala, der nach Expertensicht allmählich von der Organisierten Kriminalität übernommen wird.

Erstliga-Fußballspiel Santos Laguna gegen Morelia. Live übertragen im mexikanischen Fernsehen. Plötzlich fallen Schüsse. Die Mannschaften flüchten vom Spielfeld. Auf den Tribünen Panik. Niemand weiß woher die Schüsse kommen. Die Partie wird abgebrochen. Wenig später stellt sich heraus, dass sich Kriminelle vor der Arena in der Stadt Torreon im Norden Mexikos eine Schießerei geliefert hatten.

Die Bilder aus dem Stadion spektakulär – selbst für mexikanische Verhältnisse. Vor fünf Jahren hat Staatspräsident Felipe Calderon den Drogenkartellen den Krieg erklärt. Mehr als 40.000 Menschen sind seitdem umgekommen. Abgeschlagene Köpfe, Massengräber und Schießereien gehören in Mexiko inzwischen zum Alltag.
Und jedes Jahr sind es mehr Tote. Der Drogenkrieg droht zu scheitern. Und mit ihm das ganze Land. Mexiko – ein gescheiterter Staat?

Günther Maihold, Lateinamerika-Experte mit Lehrstuhl in Mexiko-Stadt beschäftigt sich seit langem mit der Frage, wann ein Staat als gescheitert gilt:

"Ein gescheiterter Staat zeichnet sich dadurch aus, dass die gewählten und eingesetzten Autoritäten nicht mehr in der Lage sind, die grundlegenden Bedürfnisse der Bevölkerung insbesondere im Bereich Sicherheit, Wohlfahrt und auch im Bereich Legitimität zu erfüllen und dass damit andere Akteure an ihre Stelle treten."

Vor allem in den USA wächst die Sorge, dass beim südlichen Nachbarn die Drogenkartelle die Oberhand gewinnen und deren brutale Kriminalität über die 3000 Kilometer lange Grenze schwappt.

Dabei sind die Vereinigten Staaten der Hauptabnehmer für das Kokain, Marihuana und synthetische Drogen aus Lateinamerika. Und: Die mexikanischen Kartelle kaufen sich ihre Waffen vor allem in den USA – weil es dort so gut wie keine Beschränkungen gibt.

Trotzdem drängen viele in den Vereinigten Staaten darauf, dass Drogenproblem jenseits der Grenze zu lösen. Dort wo der Stoff herkommt. Die Angst vor den mexikanischen Drogenkillern auch Thema im anlaufenden Wahlkampf. Rick Perry, Gouverneur von Texas und chancenreicher Bewerber für die republikanische Präsidentschaftskandidatur traut den Mexikanern nicht mehr zu, die Probleme in den Griff zu bekommen:

"Wir haben es geschafft, die Drogenkartelle in Kolumbien zu stoppen. Mit einer gemeinsamen Anstrengung. Vielleicht braucht es unser Militär in Mexiko. Damit wir gemeinsam die Kartelle dort töten, ihre Netzwerke zerstören und sie von der Grenze fernhalten."

Mit Lokalreportern unterwegs in Ciudad Juarez, direkt an der Grenze zu Texas. Über Polizeifunk ist die Meldung gekommen, dass mehrere Leichen in einem Park liegen sollen. Am abgesperrten Tatort zwei dutzend Polizisten mit Maschinengewehren – schwarz gekleidet, viele mit Sturmhauben. An einem Auto liegt ein Erschossener, 200 Meter entfernt ein weiterer Toter auf einem Rasen. Unbekannte haben sie vor etwa einer Stunde umgebracht. Miguel Perez ist Zeitungs-Fotograf, er macht die ersten Aufnahmen. Wie viele Leichen er schon in der Stadt gesehen hat, kann er gar nicht sagen:

"Nun ja, ziemlich viele. In diesem Job sind das für mich jeden Tag fünf, sechs Tote. Die meisten werden auf der Straße erschossen. Für mich ist das schon normal. Ganz alltäglich."

Mehr als 6000 Menschen wurden in den letzten drei Jahren in Ciudad Juarez umgebracht – die meisten im Zusammenhang mit dem mexikanischen Drogenkrieg. Die Stadt gilt inzwischen als die gefährlichste der Welt.

Auch zwei Reporter der Lokalzeitung El Diario wurden getötet. Auf der Titelseite druckte das Blatt einmal einen offenen Brief an die Drogenkartelle, erzählt der stellvertretende Chefredakteur Pedro Torres: "Sagt uns, was ihr wollt, damit wir uns darauf einstellen können", schrieb die Zeitung damals. Aber: "Lasst unsere Reporter am Leben."

"Wir haben das getan, damit endlich mal jemand bemerkt, was hier los ist. Nach dem Mord an unserem ersten Reporter passierte nichts. Trotz unserer Bitten haben die Behörden kaum etwas gemacht. Dann wurde der zweite Kollege ermordet. Und da haben wir uns gesagt: Jetzt wenden wir uns direkt an die Kartelle. Denn sie haben de facto die Macht hier."

Eine Antwort von den Mafiabossen hat die Zeitung nie bekommen. Sechs Ermordete gibt es an diesem Tag in Ciudad Juarez. Kein Täter ist gefasst – wie beinah immer. Bei der Frage, wohin das führen soll, wann das wohl man aufhört, welchen Sinn der Drogenkrieg macht, zuckt der Fotograf Miguel Perez nur mit den Schultern:

"Niemand wird hier gewinnen. Der Drogenkrieg ist nicht zu gewinnen, weil der Drogenhandel nicht aufhören wird. Vielleicht braucht man eine Übereinkunft mit den Kartellen. Jedenfalls gibt es keine schnelle Lösung."

Besuch im Gefängnis von Ciudad Juarez. Mexikos Justiz gilt als korrupt. Schlagzeilen machte der Fall einer Gefängnisdirektorin, die nachts Häftlinge raus ließ, damit sie für die Drogenkartelle Auftragsmorde erledigen konnten. Perfektes Alibi.

Nicht einmal jeder zwanzigste Drogenmord wird aufgeklärt. Und wer einsitzt, findet im Knast häufig die gleichen Strukturen vor wie draußen. Die Kartelle verschaffen sich mit Geld und Drohungen Einfluss. Irma Velia gehört zur Gefängnisleitung in Ciudad Juarez. Eine hagere, ziemlich fahrige Frau.

"Die meisten sitzen hier wegen schwerer Straftaten. Fast immer im Zusammenhang mit der Drogenkriminalität."

Irma Velia musste das Gefängnis monatelang alleine leiten. Schon zwei frühere Direktoren wurden ermordet. Den Job neu zu besetzen, dauert seine Zeit. Irma Velia übergibt uns an Margarito. Er führt uns herum und preist das Gefängnis an. Hinter Mauern und Stacheldraht gibt es eine Bibliothek und einen kleinen Bauernhof. Autos liefern Material an, einige Gefangene machen Ziegelsteine für eine neue Unterkunft, andere spielen Fußball. Margarito grinst:

"Seit einiger Zeit hat sich die Lage hier verbessert. Vorher war es eine Katastrophe. Aber schauen Sie sich um, wir haben viel gemacht. Die Gefangenen sprechen sich mit der Leitung ab, was besser sein könnte. Und die versorgen uns mit Baumaterial, Holz und Pflanzensamen."

Margarito gehört nicht zur Anstaltsleitung – er ist selber Gefangener. Aber dass er hier etwas zu sagen hat, merkt man gleich. Margarito ist einer der Knast-Chef der Aztecas, das ist ein Drogenkartell in Ciudad Juarez.

Margarito organisiert Interviewpartner. etwa Jesus. Er sitzt wegen Drogenschmuggels und fünffachen Mordes. Eigentlich ein ganz sympathischer Typ mit Basecap und einem Kreuz an der Halskette. Der Vorzeigehäftling hat offenbar öfter mit der Presse zu tun. Trotzdem steht jemand in der Tür der Zelle, um mitzuhören, als Jesus erzählt, wie das so ist, jemanden umzubringen:

"Ich weiß nicht, ich habe schon darüber nachgedacht. Es ist etwas Schlechtes. Im Moment der Tat habe ich nichts gespürt. Aber mit der Zeit schon. So vom Gefühl her."

Margarito wartet auf dem Gefängnishof. Er wirkt zufrieden und fragt, ob er noch etwas tun kann. Die Anstalt ist auf dem richtigen Weg, betont er noch mal. Man arrangiere sich.

Zum Abschied noch ein kurzes Adios von Irma Velia von der Gefängnisleitung. Ihr Händedruck ist kaum zu spüren.

Mexiko-Stadt. Hier scheint der Drogenkrieg ganz weit weg. Die Metropole ist nicht gefährlicher als andere auch in Lateinamerika. Nur selten mal Schießereien zwischen den Kartellen, die meisten umkämpften Schmuggelrouten sind mehr als tausend Kilometer entfernt - im Norden des Landes.

Von Mexiko-Stadt aus führt Präsident Calderon seinen Drogenkrieg. 50.000 Soldaten hat er in Bewegung gesetzt, dazu etwa 35.000 Bundespolizisten, um die korrupten Lokalpolizeien zu entmachten. Aus Calderons Sicht ist klar: Mexiko ist längst kein gescheiterter Staat.

"Der Staat besitzt das Monopol der Gewalt, des Steuereinzuges und der Gesetzgebung. Das organisierte Verbrechen will dem Staat diese Rolle streitig machen: Es setzt seine eigenen Gesetze durch, richtet seine Macht gegen die des Staates und betreibt ein paralleles System der Geldeintreibung. Es ist eine Herausforderung für uns und wir haben gerade noch rechtzeitig gehandelt, um das organisierte Verbrechen in seinen Anfängen zu stoppen."

Aber die Unterstützung für Calderons Krieg gegen die Drogenkartelle schwindet. Durchschlagende Erfolge sind nicht zu erkennen. Trotz der Festnahmen einzelner Drogenbosse läuft das Milliardengeschäft weiter. Und niemand weiß so genau, wie vertrauenswürdig eigentlich Bundespolizei und Militär sind. Menschenrechtler beklagen, dass die Kräfte auch gegen Unbeteiligte mitunter rücksichtslos vorgingen. Und: Immer wieder wird bekannt, dass auch hochrangige Ermittler sich von den Kartellen bezahlen lassen. Es ist ein undurchschaubarer Krieg, der da läuft, meint der Schriftsteller Juan Villoro:

"Es gibt keine Fronten, kein Hinterland. Keiner weiß, wo der Feind sitzt und wen er bereits alles infiltriert hat. Vielleicht sind es mehr, als wir glauben. Die Regierung hat dazu keine ernsthaften Untersuchungen in den eigenen Reihen durchgeführt."

Der deutsche Politikwissenschaftler Günther Maihold will trotzdem nicht von einem gescheiterten Staat Mexiko sprechen. Immerhin habe das Land eine seit Jahrzehnten gefestigte Staatsgewalt, die auch erkennbar handle. Allerdings gebe es Landesteile, wo das nur noch eingeschränkt gelte:

"Es gibt sicher Zonen, in denen der mexikanische Staat die Kontrolle verloren hat oder sie nur zeitweise aufrechterhalten kann, dass eben teilweise Gewalt-Akteure an die Stelle staatlicher Sicherheitsorgane getreten sind und dort ihre Gewaltherrschaft herstellen können."

Fahrt nach Guatemala. Mexikos südlicher Nachbar ist noch ärmer, viele Menschen sind unternährt, die wenigen Reichen wohnen hinter hohen Mauern. Das Land ist seit langem geprägt von Gewalt und Verbrechen. 36 Jahre Bürgerkrieg, der erst 1996 endete. Dazu Jugendgangs, die morden und Angst verbreiten. Und: Das mexikanische Drogenkartell Zetas nutzt Guatemala inzwischen offenbar als Drehscheibe für den Kokainschmuggel und rekrutiert hier seinen Nachwuchs. Die ganze Palette des organisierten Verbrechens: Menschenschmuggel, Entführungen, Erpressungen. Guatemala hat eine der höchsten Mordraten der Welt.

Das Armenviertel Mario Alioto an Rande von Guatemala-Stadt. Eingeschossige Häuser aus brüchigem Stein und Blechverschlägen, die Straßen staubig. Tausende leben hier, viele ohne feste Arbeit. Pedro wohnt mit seiner Familie in dem barrio. Gewalt ist alltäglich, sagt er. Fast jeder, der etwas Geld verdiene, werde von Gangs erpresst. Und immer wieder gebe es Tote:

"Eines der größten Massaker war, als sechs unserer Freunde ganz in der Nähe der Polizeistation hier ermordet wurden. Der Mörder hatte genügend Zeit, einen nach dem anderen zu erschießen. Als wir die Polizei um Hilfe riefen, sagten die, sie hätten keinen Streifenwagen, dabei waren sie zwei Blocks, nur wenige Meter entfernt. Zu Fuß wären sie sofort da gewesen. Was soll man da von der Polizei halten?"

So gut wie kein Verbrechen in Guatemala wird jemals aufgeklärt.
Norma Cruz ist eine der bekanntesten Menschenrechtlerinnen im Land. An der Wand ihres Büros hängt ein Bild mit ihr und Hillary Clinton. Aber die Aufmerksamkeit ist lebensgefährlich. Beinah täglich bekommt sie Drohanrufe, Norma Cruz hat Angst um das Leben ihrer Kinder.

In einem Land der Gewalt, in dem viele Menschen keine Aussicht haben, mal etwas zu werden, hätten die Gangs und Kartelle leichtes Spiel. Denn sie könnten mit dem schnellen Geld locken:

"In Guatemala gilt es beinah schon als ein Beruf, Auftragsmörder zu sein. Wir haben erlebt, wie Leute frei heraus sagten, wie viel man ihnen gezahlt hat, damit sie eine Frau umzubringen. Es ist meine Arbeit - sagen sie locker - so verdiene ich mir mein Leben. Im Drogengeschäft zu arbeiten, ist fast schon normal. Die Gesellschaft passt sich dieser Situation immer mehr an und akzeptiert sie letzten Endes."

Zurück in Mexiko-Stadt, zurück bei Günther Maihold, dem deutschen Politikwissenschaftler. Guatemala sei als Staat nie gefestigt gewesen, sagt er. Parallele Machtstrukturen bildeten eine Art Gegenstaat. Das gehe viel weiter als in Mexiko, wo das Gewaltmonopol nur in bestimmten Regionen nicht mehr uneingeschränkt existiere.

Maihold bezweifelt, dass der Staat die Hoheit alleine mit Polizei und Militär wieder herstellen kann. Dafür seien die Kartelle zu stark und das Milliardengeschäft mit den Drogen viel zu lukrativ. Es brauche eine Art Übereinkunft zwischen Staat und Kartellen, sagt er. Nach dem Motto: Ihr macht Euer Geschäft, aber lasst die Leute am Leben. Unter den gegebenen Umständen sei dies nicht mal eine Kapitulation des Staates:

"Dann kapitulieren wir natürlich auch in Hamburg auf der Reeperbahn. Das heißt, wir haben immer Formen der Koexistenz von organisiertem Verbrechen mit staatlichem Handeln. Es ist nicht auszurotten. Es muss nur auf eine Ebene gebracht werden, in der es ohne zivile Opfer, ohne militärische Opfer ohne Gewaltsamkeit und ohne die massive Einwirkung auf die staatlichen Strukturen geordnet werden kann. Diese Ordnungsfunktion des Staates gilt es wiederherzustellen. Dazu gehört Repression aber der verhandelnde Staat ist auch eine Dimension, die wir in einer Fülle von Konflikten international einsetzen."

Polizei und Militär werden in Mexiko weiter mit ihren Jeeps und den aufgepflanzten Maschinengewehren durch die Drogengebiete fahren. Lärm machen, um Präsenz zu zeigen. Aber die Macht, den Rechtsstaat auch durchzusetzen, haben sie wohl nicht.

Weltzeit

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