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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.02.2012

Unschlagbar charakterlos

Helmut Dietls Versuch einer Abrechnung mit der Hauptstadt: "Zettl"

Von Hans-Ulrich Pönack

Szene aus der Komödie "Zettl" mit Bully Herbig und Dagmar Manzel. (dapd/ Jürgen Olczyk)
Szene aus der Komödie "Zettl" mit Bully Herbig und Dagmar Manzel. (dapd/ Jürgen Olczyk)

Viel erwartet hatte der Deutschlandradio Kultur-Filmkritiker Hans-Ulrich Pönack von Helmut Dietls Film "Zettl" - und wurde enttäuscht. So gelungen er einzelne Besetzungen findet, so unlustig seien die Witze, so oberflächlich die Darstellung Berlins. Dietl habe die Hauptstadt einfach nicht begriffen.

Natürlich sollte es die "Kir Royal”-Fortsetzung - Arbeitstitel: Berlin Mitte - werden, mit erneut Franz Xaver Kroetz als Alt-Klatschreporter "Baby Schimmerlos". Aber der stieg im Frühjahr 2009 wegen "künstlerischer Differenzen" aus, so dass neu gedacht, geschrieben und geplant werden musste. Schließlich begannen die Dreharbeiten zu dieser 10 Millionen-Euro-Produktion im April letzten Jahres.

Erste Szene: Die Beerdigung von Baby Schimmerlos - in Berlin. Am Grab zwei alte Lebens- und Weggefährten: Mona (Senta Berger) und Herbie Fried, der nun im Rollstuhl platzierte Fotografen-Freund (Dieter Hildebrandt). Die Restlichen wurden bestellt, eingekauft. Auch der Pfarrer-Schauspieler. Damit's ein wenig pompös ausschaut. Man palavert ein wenig, die alten Zeiten, damals war's.

Dann taucht Zettl auf (Michael Bully Herbig). Ein Neuer. "Schlimmer netter Filou", wie es der filmische Untertitel signalisiert: "Unschlagbar charakterlos". Stammt auch aus München. Max Zettl will im neuen Berlin Karriere machen. Bisher ist er nur Chauffeur, aber mit seinen Kontakten und Verbindungen vermag er "was zu bewegen", sagt er.

Dermaßen überzeugt überträgt ihm ein schwerreicher und stinkperverser Schweizer Unternehmer (Ulrich Tukur) den Chefposten eines neuen Regionalmagazins, "The New Berliner", dem "New Yorker" nachempfunden. Berlin ist doch jetzt auch Weltmetropole, also darf Frank Sinatra im Hintergrund schon mal sein "New York, New York" tönen. Danach wird es episodenhaft wild.

Es treten auf: Ein dahinsiechender Bundeskanzler-Alki (Götz George); ein opportunistisches Gefälligkeitsnuttchen (schnutig-harmlos Karoline Herfurth); eine Regierende Berliner Bürgermeisterin, die eigentlich ein Kerl ist (Dagmar Manzel) und nach dem bald freien Bundeskanzler-Job hechelt; ein stets geiler Ministerpräsident (Harald Schmidt, schwäbelnd und mit Halbglatze); eine stets bekifft-besoffene TV-Promi-Talkerin namens Jacky Timmendorf (das Ereignis: Sunnyi Melles); der käufliche Leibarzt für alle (Gert Voss) und, und, und - das Personal mit den üblichen Verdächtigen wie eben dieser Jungspunt-Dynamiker Zettl sowie Mona und Herbie, die aber irgendwann die Berliner Schnauze voll haben und in ihr liebes München zurückkehren.

Dort lebt jetzt auch wieder Helmut Dietl. Der am 22. Juni 1944 in Bad Wiessee geborene Autor und Regisseur hat fürs deutsche Fernsehen und für das deutsche Kino viel Gutes getan. Mit TV-Serien-Klassikern wie "Der ganz normale Wahnsinn" (12 Episoden/1979; mit Towje Kleiner), "Monaco Franze -Der ewige Stenz" (10 Episoden/1983/mit Helmut Fischer und seiner "Spazl"-Gattin Ruth Maria Kubitschek), sowie natürlich mit der grandiosen sechsteiligen ARD-Reihe "Kir Royal" von 1986 (mit eben Kroetz, Hildebrandt und Senta Berger). Ein Klassiker der pointierten Gesellschaftssatire. Danach eroberte Helmut Dietl die Leinwände. Mit dem deutschen Satire-Kinofilm der 90er-Jahre, "Schtonk!", sowie der Münchner Medien-Satire "Rossini - oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief", die mit 3,2 Millionen Besuchern zu den erfolgreichsten Kinofilmen des Jahres 1997 zählte.

"Zettl" sollte wieder ein großer Wurf werden - aber er ist es nicht. Die Figuren sind nie echt, nahe, wirklich identifizierbar, sondern Pappkameraden, die albern bekloppt sind. Und kaum lustig. Nur manchmal pointiert blitzen. Ansonsten ihre wurschtigen Statements abliefern, sprachlich dabei viel fremdeln (schwäbisch, bayerisch, schweizerisch), was dialektisch eher mühselig denn komisch anzuhören ist, und die sich zu oft auf nur fadem Stammtisch-Niveau bewegen. Was als zynische Abrechnung mit dem Polit-Milieu in der Mitte-Hauptstadt angelegt ist, werkelt sich zur - leider - viel zu wenig annehmbaren Stationsklamotte hoch.

"Aber ich habe doch drei Jahre dort verbracht, habe recherchiert mit meinem Co-Autoren und weitaus Schlimmeres erlebt," höre ich in diesen Tagen Helmut Dietl sagen. "Wenn ich das alles erzählen würde, was ich wirklich weiß, das würde mir kein Mensch glauben" (dpa-Interview). "Ich finde es einfach komisch, wie sich diese Leute verhalten in ihrer Machtgier, in ihrer Sexgier." Wieso aber hat er dann nicht genau das erzählt?

Immerhin, das Starensemble punktet : Michael Herbig verlässt zunehmend "Bully" und wirkt als angeberischer Schmalspurschnüffler und schließlich Regierungssprecher ("Sie können am besten lügen"). Senta Berger und Dieter Hildebrandt zu sehen, ihnen zuzuhören, macht sowieso Laune. Harald Schmidt parodiert witzig einen nutzlosen, und notgeilen Polit-Schwaben-Proll. Götz George mimt seinen abgestürzten Bundeskanzler mit exquisiter Kälte-Häme.

Doch Berlin, diese kecke, aggressive, unschöne, wunderbar unkultivierte, draufgängerische freche Hauptstadt, so scheint es, hat Dietl einfach nicht begriffen.

Komisches Fazit also: Ich mag den Film "Zettl" nicht, finde ihn aber gut. (Will ihn irgendwie gut finden, weil wir haben ja so wenig dieser Art.)

Deutschland 2012; Regie: Helmut Dietl; Darsteller: Michael "Bully" Herbig, Senta Berger, Dieter Hildebrandt, Karoline Herfurth, Ulrich Tukur, Harald Schmidt, Götz George; ohne Altersbeschränkung; 109 Minuten

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

"Zettl"
Im Berliner Politzirkus

Externe Links:

Filmhomepage "Zettl"

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