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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.02.2006

UNO-Experte gibt deutschem Bildungssystem schlechte Noten

Muñoz fordert bessere Chancen für Ausländerkinder

Von Margarete Limberg

Der UNO-Bildungsexperte Vernor Muñoz verlangte bessere Bildungschancen für Ausländerkinder in Deutschland. (AP)
Der UNO-Bildungsexperte Vernor Muñoz verlangte bessere Bildungschancen für Ausländerkinder in Deutschland. (AP)

Deutschland muss die Bildungschancen von Ausländerkindern und von Schülern aus armen Familien deutlich verbessern. Diese Forderung hat der Bildungsexperte der UNO, Vernor Muñoz, zum Abschluss seiner Deutschlandreise in Berlin erhoben. Andernfalls würden Armut und soziale Ungleichheit weiter verschärft.

Manchen hat es einigermaßen irritiert, wenn nicht sogar gekränkt, dass die Vereinten Nationen das deutsche Bildungssystem unter die Lupe nehmen, so wie zuvor das Malawis oder Botswanas. Dabei hatte Vernor Munoz bereits deutlich gemacht, dass es ihm fern liege, Deutschland mit der Dritten Welt auf eine Stufe zu stellen. Er sei weder Sheriff, noch Inspektor, versicherte er. Es gehe ihm darum, den bereits im Gang befindlichen Reformdebatten neue Impulse zu geben. In Berlin zeigte man nach seiner 10-tägigen Rundreise äußerliche Gelassenheit. Munoz, so Berlins Bildungssenator und stellvertretender Vorsitzender der Kultusministerkonferenz Klaus Böger, sei kein lästiger Besucher gewesen. Man sei vielmehr froh, dass auf diese Weise die Bedeutung der Bildung so deutlich hervorgehoben worden sei.

Überraschungen hatte Munoz den Deutschen nicht zu bieten. Die inzwischen an den Pisa-Schock gewöhnten Bundesbürger ahnten bereits, in welche Wunden der UN-Abgesandte seine Finger legen würde.Was Munoz als größte Herausforderungen des deutschen Bildungssystems bezeichnete, das war so ähnlich auch den verschiedenen Pisa-Studien zu entnehmen.

Die große Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft ist auch in den Augen des UN-Beauftragte der größte Makel. Dabei beklagte er insbesondere die Benachteiligung von Kindern aus Migranten- und Flüchtlingsfamilien. Wer arm sei, sei in der Regel auch bildungsfern, und die Benachteiligung im Bildungswesen verstärke die Armut. Bildung aber, so Munoz sei ein Menschenrecht. Und das gelte nicht allein für den Zugang zum Bildungssystem, sondern auch für gute Inhalte und Qualität.

Die Ungleichheiten, die mit dem föderalen System in Deutschland verbunden sind, sind in den Augen des Bildungsbeauftragten der Vereinten Nationen ein weiterer Stein des Anstoßes. Er drückte dabei die Sorge aus, dass mit der Verlagerung weiterer Kompetenzen auf die Länder die Möglichkeiten des Bundes, die Einheitlichkeit und Gleichheit des Bildungssystems zu gewährleisten weiter vermindert werde.

Vor allem aber kritisierte Munoz die frühe Auslese der Schüler in der Bundesrepublik. Das Bildungssystem, so Munoz, sei nicht darauf ausgerichtet zu integrieren, sondern es schaffe Trennung und zwar zu einem viel zu frühen Zeitpunkt. Die Folge sei, dass das volle Begabungspotenzial nicht ausgeschöpft werde. Die frühe Auslese habe wiederum besonders gravierende Auswirkungen für die Migrantenkinder, weil sie diese im Wettbewerb um Arbeitsplätze zusätzlich benachteilige.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan konstatierte viel Konsens und manche Unterschiede. Sie verteidigte das deutsche Schulsystem mit dem Hinweis, dass über 80 Prozent eines Jahrgangs einen Sekundärabschluss erreichen, fast 20 Prozent mehr als im OECD-Durchschnitt. Was die Struktur des Bildungssystems angeht, ist Frau Schavan eine Verfechterin des bestehenden dreigliederigen Systems, allerdings betonte auch sie, die Durchlässigkeit müsse besser als bisher garantiert sein.

Die Bildungsministerin hielt bei dieser Gelegenheit erneut ein Plädoyer für den Föderalismus im Bildungswesen. Worauf es ihr dabei ankommt, formulierte sie so.

Munoz hat einige Empfehlungen formuliert u. a. plädiert er für mehr individuelle Förderung und für kostenlose vorschulische Bildung. Er mahnte die Ratifizierung der UN-Kinderrechtskonvention an, damit minderjährige Flüchtlinge in der Bundesrepublik endlich als Kinder mit entsprechenden Bildungschancen behandelt würden und nicht nur als Flüchtlinge. Er wird seine Erkenntnisse nun erst einmal in einem Bericht für die Vereinten Nationen zusammenfassen. Für die bildungspolitische Diskussion hierzulande ist allerdings kaum Neues darunter. Ob es ihr zugute kommt, dass die Vereinten Nationen einen Blick auf ihren Verlauf und ihre Ergebnisse werfen, ist die große Frage.

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