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Religionen / Archiv | Beitrag vom 19.01.2013

Uni-Diplom für Imame

Bundestag diskutiert über islamischen Theologie

Von Thomas Klatt

Islamische Theologie soll einen festen Platz an den Hochschulen haben. (picture alliance / dpa / Angelika Warmuth)
Islamische Theologie soll einen festen Platz an den Hochschulen haben. (picture alliance / dpa / Angelika Warmuth)

Die Islamwissenschaft hat eine lange Tradition an deutschen Universitäten - die islamische Theologie nicht. Erst seit wenigen Jahren ist die Ausbildung von Imamen und Religionslehrern dort möglich. Erfahrungen mit den neuen Studiengängen wurden nun im Bundestag vorgetragen.

"Die islamischen Studien waren das logische Produkt einer akademischen Auseinandersetzung mit dem Status der Theologien an deutschen staatlichen Universitäten. Die Logik ist also nicht die, dass wir den muslimischen Gemeinschaften einen Gefallen tun wollten, sondern dass das theologische Feld inzwischen so pluralisiert ist in Deutschland, dass notwendig auch jene Traditionen einbezogen werden müssen, die sich nicht mit der christlichen oder jüdischen Tradition identifizieren."

Der Berner Islamwissenschaftler Reinhard Schulze hat selbst vor zwei Jahren im Wissenschaftsrat die Einrichtung islamisch-theologischer Studiengänge empfohlen. Seitdem wurden an den Universitäten Erlangen-Nürnberg, Münster, Osnabrück sowie an den Pädagogischen Hochschulen Karlsruhe, Ludwigsburg und Weingarten neue Islamische Studien mit bislang 17 Professuren eingerichtet. Es geht um die Ausbildung von islamischen Religionslehrern und deutschsprachigen Imamen.

"Die Islamischen Studien in Deutschland können keine Reproduktion islamischer akademischer Ausbildung in Kairo, Iran, Frankreich oder in England sein. Sie unterliegen der Logik der säkularen Universität. und das heißt: Die islamischen Studien müssen zwangsläufig so sich akademisch präsentieren, dass sie in einem interdisziplinärem Zusammenhang mit anderen Geistes- und Sozialwissenschaften und den anderen Theologien funktionieren."

Fehlende Arabisch-Kenntnisse, mangelnde Perspektiven

Noch fehlt es an geeignetem theologischen Fachpersonal. Vor allem der akademische Mittelbau wird derzeit noch mit Absolventen der säkularen Islamwissenschaft und Arabistik besetzt. Vergleichbar ist es, als würden Dozenten der christlichen Theologie aus der Religionswissenschaft kommen. Viele Studierende scheitern zudem an den zwingend erforderlichen Arabisch-Kenntnissen. Vor allem aber fehlt es an Perspektiven, wofür man ein langwieriges und teures Theologiestudium auf sich nehmen sollte. Der Nürnberger Islamwissenschaftler und Jurist Mathias Rohe:

"Die Leute wissen noch nicht so recht, was sie künftig damit werden tun können. Die Vorstellung, wir bilden jetzt Imame aus und alle deutschen Moscheen werden künftig einen ausgebildeten Imam haben, ist sicher irrig, denn die meisten Moscheevereine können sich einen akademisch ausgebildeten Imam nicht leisten."

Eine absurde Situation, sollte doch nach den Vorstellungen des Wissenschaftsrates gerade der in Deutschland ausgebildete theologische Nachwuchs die Moscheen unabhängiger von ausländischen Imamen machen. Trotz aller Unwägbarkeiten, Enes Erdogan aus Berlin-Neukölln ist stolz, dass er nun in Osnabrück islamische Theologie studieren kann:

"Die Theologie ist für mich eine Art Antwort auf meine Bittgebete gewesen. Viele Muslime sehen das so, dass man in Deutschland bisher nicht die Möglichkeit hatte, die islamischen Wissenschaften auf einem wissenschaftlich hohen Niveau zu studieren. Bislang war es so, dass man den Islam nur in den muslimischen Verbänden lernen konnte. Dieser Unterricht ist hauptsächlich für Kinder abgestimmt. Wenn man ein gewisses Niveau erreicht hatte, konnte man nicht mehr weiter gehen. Viele meiner Kommilitonen und auch ich selber hatten erst mal große Zweifel gehabt, was denn dort unterrichtet wird. Es kommt ja mehr oder weniger vom deutschen Staat. Ist das jetzt ein Islam, der vom deutschen Staat zusammengebastelt wurde oder ist es jetzt wirklich die mehrheitliche Meinung? Und diese Zweifel sind sehr schnell verflogen."

Vielleicht auch, weil die Islamischen Studien in Absprache mit sogenannten Islamischen Beiräten durchgeführt werden. Die muslimischen Verbände sollen den akademischen Diskurs nicht beherrschen, aber doch zumindest kritisch begleiten. Bülent Ucar, Leiter des Instituts für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück, hat damit gute Erfahrungen gemacht:

"Der Beirat, bestehend aus den Vertretern der Landesverbände Schura und Ditib, die beide zusammen etwa 95 Prozent alle Moscheegemeinden in Niedersachsen vertreten, hat sich Anfang des letzten Jahres konstituiert und den Lehrplänen wie auch den beiden mittlerweile berufenen Professoren einmütig zugestimmt."

Vorbehalte gegen einen "deutschen Staatsislam"

Noch sei man bei den Islamischen Studien in einer Übergangs- und Aufbauphase. Kritiker sehen die Gefahr, dass über die Beiräte auch radikale Muslime Einfluss auf die Theologie nehmen könnten. Doch besser eine Fakultät in Dialog mit den Moscheen als eine Lehre im akademischen Elfenbeinturm, meint die Hamburger Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur:

"Es ergibt einfach wenig Sinn, wenn wir freischwebend unsere Theologie entwickeln und am Ende dastehen und niemand will sie hören. Wenn sie keinerlei Anschlussfähigkeit mehr hat an das, was die Mehrheit denkt, dann ist uns damit in keinster Weise gedient."

Aber auch sie weiß, dass in den Moscheegemeinden große Vorbehalte vor einer Art "deutschem Staatsislam" herrschen. Anders als etwa in der römisch-katholischen Kirche gibt es im Islam kein zentrales Lehramt. Katajun Amirpur hält die Vielstimmigkeit der islamischen Welt aber gerade für einen akademischen Vorteil, etwa bei der nach wie vor heiklen Kopftuchfrage:

"Dass ich als Lehrende dafür stehe, dass es ein plurales Verständnis von beispielsweise dem Kopftuch gibt, dass es einige tragen möchten und andere nicht."

Die Islamischen Studien in Deutschland sind schon jetzt ein Erfolg. Nicht wenige Studenten pilgern aus der Schweiz, Österreich, England oder Frankreich zu den hiesigen Islamischen Studien. Ein neues Fach, von dem auch die etablierten christlichen Fakultäten profitieren können, meint der Berner Islamwissenschaftler Reinhard Schulze:

"Sicher wird hier auch ein gemeinsames Interesse mit den evangelischen und katholischen Theologien erwachsen, die deutschen Universitäten sollten auch der Ort sein, eine intensive Diskussion um sogenannte Laientheologie, abgekürzt: Fundamentalismus zu führen. Die muslimischen Verbände haben praktisch keine Stimme, dagegen zu sprechen. Sie setzen sich auch viel zu wenig mit diesem fundamentalistischen Sumpf auseinander. Hier müssen die Universitäten Stellung beziehen, die in der Lage sind, auch dieser fundamentalistischen Selbstauslegung islamistischer Sekten und Kleinstgruppen entgegenzuwirken."


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