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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.10.2011

Unheile Medizinerwelt

Sylvie Schenk: "Der Gesang der Haut", Picus Verlag, Wien 2011, 240 Seiten

Ein junger Arzt wird in Schenks Roman in die Beziehungskonflikte seines Vorgängers hineingezogen. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Ein junger Arzt wird in Schenks Roman in die Beziehungskonflikte seines Vorgängers hineingezogen. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Geschickt erzählt die Schriftstellerin Sylvie Schenk in "Der Gesang der Haut" von Brüchen und Verletzungen, die die Lebenskonzepte ihrer Protagonisten erschüttern. Die Katastrophe scheint unausweichlich, oder können sich einige Figuren am Ende doch retten?

Unter die Haut geht so manches, was auf der Haut sichtbar ist. Davon ist Viktor Weber fasziniert. Der junge Dermatologe kommt von Frankfurt nach Köln, um hier die Praxis des Kollegen Gert Gerlach zu übernehmen. Schnell lieben ihn seine Patienten. Mit seiner ruhigen, einfühlsamen Art und seinen Händen, die auch vor dem abstoßendsten Ekzem nicht zurückschrecken, schafft er Vertrauen und Heilung. Nun fehlt ihm nur noch seine Verlobte Clara, die als Musiklehrerin in Frankfurt arbeitet, damit seine heile Welt wieder rund ist.

Doch die Welt ist in den Romanen von Sylvie Schenk selten heil. Gert Gerlach zieht sich nicht nur aus Altersgründen zurück, sondern weil er Alzheimer hat, wie seine Frau behauptet. Oder ist sie es, die krank ist und durch seinen Rückzug von ihrem Ehemann geschützt wird? Der junge Arzt wird wider Willen in die Beziehungskonflikte seines Vorgängers hineingezogen und auch seine Verlobte Clara kann sich dem immer noch charmanten und besitzergreifenden Gert Gerlach kaum widersetzen.

Und dann gibt es noch Moira – eine junge Schwarzafrikanerin, die einen Dokumentarfilm über das Organ Haut drehen will und sich zu diesem Zweck mit den Gerlachs und Viktor Weber trifft. Zunächst setzt die Autorin Moira als erzählende Beobachterin ein, die die Kapitel einordnet und die aufkommenden Verwicklungen schon anklingen lässt. Doch dann zieht Sylvie Schenk auch Moira immer weiter mit in die Geschichte hinein.

In kleinen geschickten Psychogrammen erzählt die Autorin von Missverständnissen, Brüchen und Verletzungen, die jedes halbwegs stabile Lebens- und Beziehungskonzept erschüttern. Dabei beobachtet sie sehr genau, beschreibt ihre Figuren nuanciert und ausgesprochen präzise.

Im Laufe der Geschichte zeigt sich immer mehr, dass die unterschiedlichen Perspektiven der Figuren alle ihre Berechtigung haben und es ein Richtig oder Falsch nicht geben kann. Selbst wenn durch den dauernden Perspektivwechsel Ereignisse vorweggenommen werden, bleibt der Spannungsbogen des Romans bis zum Ende erhalten. Sylvie Schenk erzeugt durch ihre Art des Erzählens, ihre pointierten Dialoge und ihre bildhafte Sprache einen Sog der unausweichlich auf die Katastrophe zusteuert und doch Raum dafür lässt, dass Neues entstehen kann und einige Figuren ihre Haut retten können.

Besprochen von Birgit Koß

Sylvie Schenk: Der Gesang der Haut
Picus Verlag, Wien 2011
240 Seiten, 19,90 Euro

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