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Lesart / Archiv | Beitrag vom 22.04.2011

Ungewollter Papstkritiker

Hans Küng: "Ist die Kirche noch zu retten?"

Rezensiert von Lamya Kaddor

Der Theologe Hans Küng (AP Archiv)
Der Theologe Hans Küng (AP Archiv)

Noch eine Abrechnung mit der katholischen Kirche von dem Theologen Hans Küng. Diesmal geht es um den Zerfall der Kirchen und dessen Ursachen. Eine davon benennt Küng mit dem "monarchisch-absolutistischen Papsttum".

Es ist das Buch, das er niemals schreiben wollte. Er hätte sich lieber anderen, wichtigeren Aspekten seines theologischen Schaffens gewidmet. Doch nun hat der international bekannte Theologe Hans Küng sein beeindruckendes Oeuvre noch einmal um einen streitbaren Titel ergänzt. Zwei Männer, die er bezeichnender Weise mit ihren bürgerlichen Namen benennt, ließen ihm keine Wahl. Küng schreibt:

"Der Restaurationskurs der letzten drei Jahrzehnte unter den Päpsten Karol Wojtyla und Joseph Ratzinger mit seinen fatalen und für die gesamte christliche Ökumene zunehmend dramatischen Auswirkungen drängt mir erneut die mir keineswegs angenehme Rolle des Papstkritikers und Kirchenreformers auf."

Man mag Küngs Haltung selbstgerecht finden. Man mag sich auch zu Recht fragen, ob es wirklich eine erneute Abrechnung mit der Katholischen Kirche von ihm bedarf. Aber angesichts seines fortgeschrittenen Alters - Küng wurde 1928 in Sursee in der Schweiz geboren - ist das Buch so etwas wie die Quintessenz seines langen und bewegten Forscherlebens. Das Buch gehört bereits jetzt zu den wichtigsten Populärwerken einer zentralen Persönlichkeit der katholischen Theologie. Und so empfiehlt sich die Lektüre dennoch.

Es gelingt dem 83-Jährigen detailliert und sachlich, aber doch in besorgtem Ton, die nach wie vor bestehenden Probleme der Römisch-Katholischen Kirche mit der Moderne ausfindig zu machen und zu benennen. Wichtig dabei: Trotz aller Kritik, bleiben der katholische Glaube und seine Kirche, die von Hans Küng. Genau das verleiht Küngs Ansinnen - nämlich Reformen anzustoßen - Glaubwürdigkeit. Dementsprechend sieht sich der emeritierte Tübinger Professor nicht als Richter über etwaige Verfehlungen, sondern in erster Linie als - "Therapeut":

"Nicht aus Rechthaberei oder gar Streitsucht also formuliere ich so deutlich, sondern um der Gewissenspflicht zu genügen, meiner Kirchengemeinschaft, der ich ein Leben lang zu dienen versuchte, diesen - vielleicht letzten? - Dienst zu leisten."

"Ist die Kirche noch zu retten?" versteht sich als eine Art medizinische Abfassung zu einer lebensbedrohlichen Krankheit. Rund 250.000 Kirchenaustritte dürfte es im Jahr 2010 in der Deutschland gegeben haben, doppelt so viel wie im Jahr zuvor, schätzt Küng. Nur durch sehr gründliche Anamneseerhebung, durch präzise Diagnostik und effiziente Therapieverfahren kann der Patient nach Meinung des Autors möglicherweise noch geheilt werden. Das Inhaltsverzeichnis ist demgemäß aufgebaut. Küng widmet sich sechs großen Themenkomplexen: I. "Eine kranke, gar sterbenskranke Kirche?"; II. "Diagnostik des römischen Systems"; III. "Keime einer chronischen Krankheit"; IV. "Rehabilitation mit Rückfällen"; V. "Große Rettungsaktion"; VI. "Ökumenische Therapie".

Sprachlich ist die Metapher von der Krankheit der Kirche nicht sonderlich originell. Und wenn er nach der "Osteoporose des kirchlichen Systems" fragt, wirkt das schon ziemlich gekünstelt. Doch inhaltlich zeugt der Autor von tiefgründiger Kenntnis. Hier kritisiert kein Laie.

Der Kern der Krise, den Küng für sich schon seit Jahrzehnten ausgemacht hat, ist nach wie vor vorhanden: Ausgehend vom Vatikan ist die Kirche vom zweiten Jahrhundert bis heute durch das alte römische Herrschaftssystem geprägt. Und dieses ist von "Vergesslichkeiten, Verschleierungen und Vertuschungen" durchzogen. Gegen alle Widerstände habe es sich über die Jahrhunderte etabliert, meint er. Als typische Auswüchse dieses Systems benennt er laienfeindlichen Klerikalismus, Sexual- und Frauenfeindschaft, geistlich-ungeistliche Gewaltanwendung und das Macht- und Wahrheitsmonopol.

Die Hauptursache für den seiner Meinung nach androhenden Zerfall der kirchlichen Strukturen sieht er derweil in dem seit Jahrhunderten andauernden und in Benedikt dem Sechszehnten gipfelnden "monarchisch-absolutistischen Papsttum". Auch hier hält sich Küng mit deutlichen Worten in Richtung Josef Ratzinger nicht zurück:

"Als Papst Benedikt der Sechzehnte hat er die große Chance verpasst, das Zweite Vatikanische Konzil mit seinen zukunftsweisenden Impulsen auch im Vatikan zum Kompass der katholischen Kirche zu machen und ihre Reformen mutig voranzutreiben."

Gewiss muss man bedenken, dass der Papst seit Ende der 60er Jahre ein alter Gegenspieler Küngs ist. Und nicht zuletzt verlor Küng 1979 unter dessen Vorgänger auf dem Stuhl Petri, Johannes Paul dem Zweiten, seine Missio canonica, seine kirchliche Lehrerlaubnis. Doch die Kritik deswegen als persönlichen Rachfeldzug abzutun, greift eindeutig zu kurz. Dem Leser entgeht nicht, dass Küng es sich nicht leicht gemacht hat. Ihn treibt glaubhaft der ewige Streit Fortschritt versus Tradition um. Das macht das zentrale Moment seiner kritischen Beschäftigung mit der Kirche aus.

So kramt er seit Jahren tief in der Geschichte und der Theologie, um weitere Befunde zu machen. Durchaus wie ein Arzt analysiert er dabei akribisch die Schwachstellen. Nicht immer versöhnlich und auch nicht immer einfühlsam im Ton, weist er neben der angesprochenen päpstlichen Herrschaftskritik und der Unfehlbarkeitsfalle auf weitere Aspekte hin wie Homophobie, mangelnde Transparenz der Kurie sowie der Finanzen und schließlich auch den Zölibat an.

"Das Zölibatsgesetz ist keine Glaubenswahrheit. Als Kirchengesetz aus dem 11. Jahrhundert hätte es bereits auf den Einspruch der Reformatoren des 16. Jahrhunderts hin aufgehoben werden sollen. Erst recht hätte es auf dem Vatikanum II nicht tabuisiert, sondern zur Diskussion gestellt werden müssen."

Solche auch heute wieder aktuellen Debatten spielen ansonsten im Buch eher am Rande eine Rolle. Sie sind aus Küngs Sicht bloß Symptome der Grunderkrankung. Der Skandal um den sexuellen Missbrauch von Kindern durch Geistliche hat demnach die Systemkrise der Katholischen Kirche für die ganze Welt sichtbar gemacht - und vermutlich die Entstehung seines neuen Buchs bestärkt.

In zwei wesentlichen Punkten sieht der Autor die Rettung der katholischen Kirche, nämlich in der Rückbesinnung auf die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils und in der Umsetzung der sich daraus ableitenden grundlegenden Reformen in der Kirche. Die diagnostizierte Entfremdung von jenem Konzil, an dem er wie auch Josef Ratzinger selbst als Berater mitgewirkt haben, ist für ihn nicht nur ein falscher Weg, sondern bedeutet auch eine Abkehr von der eigentlichen Botschaft des Evangeliums. Er schätze zwar die Tradition, schreibt Küng, warnt aber vor ihrer Überhöhung:

"Vergangenheitsgläubigkeit führt zu schöpferischer Schwäche, geistiger Impotenz und blutleerer Scholastik. Nein, die Traditionalität darf in der Kirche nicht oberstes Gesetz sein."

Als Therapiemethoden empfiehlt der "Therapeut" schließlich auf gut sechzig Seiten im Kern 18 konkrete Reformansätze. Beispielsweise sollte die Kirche demnach keine Herrschafts-, sondern eine Dienstkultur besitzen. Bei der Auswahl von Bischöfen müssten der Klerus und die Laien wieder berücksichtigt werden. Zudem werden ein kompetentes Fachpersonal und keine Günstlingswirtschaft gebraucht. Wichtig ist für ihn ferner, dass die Kirche Priestern und Bischöfen die Ehe erlaubt und Frauen alle kirchlichen Ämter öffnet.

Auch wenn das Buch auf die Katholische Kirche gemünzt ist, so muss man doch festhalten: Eine solche kritische, aber kompetente Stimme wie diese ist wichtig für jede Religionsgemeinschaft. Sie fordert die Etablierten heraus. Sie zwingt zum Nachdenken. Das Buch lässt sich an vielen Stellen auf andere Religionsgemeinschaften übertragen. Es bietet gläubigen Menschen wichtige Anregungen und Hilfestellungen. Auch als Nicht-Katholik fühlt man sich an vielen Stellen mit dem Autor verbunden. Hören wir noch einmal Hans Küng:

"Ich danke es einer anderen, höheren Instanz und vielen hilfreichen Mitmenschen, dass mein Glaube unerschüttert geblieben ist: zwar nicht der Glaube an die Kirche als Institution, wohl aber an jenen Jesus Christus, seine Person und Sache, die in der guten Kirchentradition, Liturgie, Theologie das Urmotiv bleibt, das bei aller Dekadenz und Korruption, nie einfach verloren ging und geht. Der Name Jesus Christus ist so etwas wie der "Goldene Faden" im ständig neu gewirkten Gewebe der oft so rissigen und schmutzigen Kirchengeschichte."

Hans Küng: Ist die Kirche noch zu retten?
Piper Verlag, München 2011.
272 Seiten, 18,95 Euro.

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