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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 11.12.2014

Ungarn im AuslandOrbáns langer Arm reicht bis Rumänien

Von Stephan Oszváth

Demonstration am 10. März 2014 in Budapest für die Autonomie der Székler-Region (picture alliance / dpa / Balazs Mohai)
Demonstration am 10. März 2014 in Budapest für die Autonomie der Székler-Region (picture alliance / dpa / Balazs Mohai)

Durch die Abtrennung Siebenbürgens von Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg geriet das Volk der Székler unter rumänische Verwaltung. Die ungarische Regierung unter Viktor Orbán fördert die Minderheit im Nachbarland bis heute - und das nicht ohne Eigennutz.

Die Profi-Eishockey-Mannschaft von Miercurea Ciuc, ungarisch: Csíkszereda, trainiert in der eigenen Halle. Die kleine Kreisstadt hat knapp 40.000 Einwohner, sie liegt im Herzen Siebenbürgens, im Siedlungsgebiet der ungarisch-stämmigen Székler, die hier die Mehrheit der Bevölkerung stellen.

Flink und sicher flitzen die Spieler über das Eis - Spieler, die gewohnt sind zu gewinnen, 14 mal waren die Siebenbürger schon rumänischer Meister – nur Steaua Bucuresti hat es öfter geschafft.

Eishockey ist in Csíkszereda nicht einfach nur ein Sport unter vielen. Das Spielfeld wird zur Projektionsfläche für ein Zugehörigkeitsgefühl. Etwa 1,4 Millionen Ungarisch-Stämmige leben heute noch in Rumänien, etwa die Hälfte von ihnen im Székler-Gebiet, in den Bezirken Mures, Covasna und Hargita.

"Viele können sich hier als Székler bekennen – gegen den rumänischen Staat. Hier im Eisstadion wird oft die Szeklerhymne gesungen. Und das ist ein erhebender Moment, wenn die bei einem Wettbewerb das ausverkaufte Stadion singt. Das bedeutet für viele: Stolz ein Szekler zu sein. Man darf nicht vergessen: Es gab Zeiten, da war die Eisfläche der einzige Ort, wo man die Székler-Hymne singen konnte. Das war verboten. Hier im Eisstadion konnte man eine starke ungarische Gemeinschaft der Szekler aufrechterhalten."

Im Text wird Gott angefleht, die Székler nicht im Stich zu lassen, sie würden immer Teil Ungarns bleiben. Das ist ein klares politisches Bekenntnis.

"Ungarn raus aus Rumänien"

So einen Patriotismus mögen die Rumänen nicht, denn für sie riecht er nach Diskussion um die Grenzen. Das zeigt sich auch bei sportlichen Wettkämpfen. Schlägereien auf der Eisfläche kommen vor.

Und wüste Beschimpfungen von den Zuschauer-Rängen. "Ungarn raus aus Rumänien" rufen zwar vor allem rumänische Fußball-Fans, Ungarn-Hass entlädt sich aber auch bei Eishockey-Spielen.

Der renommierte Székler Eishockey-Verein laviert geschickt zwischen den Welten: Der rumänische Staat finanziert die Betriebskosten des Stadions. Der ungarische Staat fördert den Nachwuchs. Und die Spieler spielen in zwei Ligen – die Staatsgrenze zwischen Ungarn und Rumänien ist kein Hindernis. Der Manager findet das normal.

"Die Nachwuchsmannschaften bekommen sehr viel Förderung aus Ungarn. Sie können bei der ungarischen Meisterschaft teilnehmen. Ungarn ist in Sachen Eishockey viel besser aufgestellt als Rumänien, auch auf der Weltrangliste. Das eröffnet uns neue Möglichkeit, mit ihnen in der Liga zu spielen."

Grabstelen der Székler in Rumänien (Stephan Ozsváth)Grabstelen der Székler in Rumänien (Stephan Ozsváth)

In einer kleinen Werkstatt demonstriert András Lajos sein Können. Mit einem scharfen Hobel bearbeitet er ein Stück Holz: Er schnitzt kleine Holzflächen aus, am Ende wird ein Stern die Spitze einer Grabstele schmücken. Kopjafa - Speerholz - heißen sie, und sie sind typisch für die Székler, die seit dem 12. Jahrhundert als Grenzwächter den Südosten Siebenbürgens besiedeln.

"Das ist eine heidnische Tradition. Der Speer war ein Kriegsgerät – und daher kommt das. Wenn ein Krieger im Kampf starb, steckte man seinen Speer ans Kopfende seines Grabes. Und daran hängte man auch den Helm. Deswegen fragen wir immer: Was für ein Mensch war das? Das ist sehr wichtig, was für ein Ende die Stele hat."

Geschnitzte Sterne, Lanzenspitzen, Tulpen – all das hat eine Bedeutung. Die Tradition stammt aus der Zeit der Landnahme um 1000 nach Christus. Woher die Székler eigentlich stammen, ist nicht klar. Wahrscheinlich gehörten sie zu einem der Turkvölker, die ins Karpatenbecken einwanderten. Sie waren die Grenzsoldaten der ungarischen Könige. Ihre Art, die Toten zu ehren, ist geblieben.

Geistliche werben ganz direkt für Viktor Orbán

Der Nyergestetö, der Sattelkamm, ein Berg in der Nähe von Csikszereda, ist zu einer Pilgerstätte für bekennende Ungarn geworden. Hunderte Grabstelen gibt es hier. Auch der ungarische Präsident hat einen "kopjafa" aufgestellt. Die Stelen sind ein Symbol für das Ungarntum geworden – so wie die Székler Tore, schön geschnitzte, riesige Tore, die die Einfahrten zu den Gehöften versperren.

"Die hatten eine Schutzfunktion, die Verzierungen kamen erst später. Aber zunächst galten sie dem Schutz: vor bösen Menschen, wilden Tieren, wovor man auch Angst hatte. Und das andere war, dass hier keiner bei der Nachbarschaft in den Hof gucken und kokettieren sollte. Wenn man seine Frau umarmen wollte, sollte man das guten Gewissens tun können."

Dass Grabstelen und Székler-Tore als Tradition erhalten geblieben sind, ist kein Wunder. Die Székler sind traditionsbewusst. Und sie pochen auf das Eigene: Jahrhunderte lang genossen sie Privilegien, waren von der Steuer befreit, bis ins 19. Jahrhundert war ihr Gebiet autonom.

Husaren posieren im strömenden Regen neben dem Denkmal für die Opfer des Ungarn-Aufstandes im Zentrum von Csikszereda. Geistliche erinnern an die Toten – aber sie beschwören auch die Gegenwart. Sie werben ganz direkt für Viktor Orbán, den ungarischen Ministerpräsidenten – den Mann, der das Licht bringt, so die Lesart. Und die Dunkelheit repräsentieren die Linken in dieser Weltsicht. Einer der Priester bezeichnet die kommunistische Vergangenheit als "Teufel". Dagegen helfe nur Ja zu sagen, Ja zu Gott, Ja zur Nation.

Ungarn gegen den Rest der Welt – der ewige Freiheitskampf – dieses Stück wird auch in Csikszereda aufgeführt.

Autonomie für das Széklerland – das fordern im Herbst 2013 Zehntausende Demonstranten auf dem Heldenplatz in Budapest, in der Slowakei, in Serbien, in vielen anderen Ländern, in denen Ungarn leben. Die Regierung in Budapest unterstützt die Idee einer Autonomie für die Ungarn in den Anrainer-Staaten.

Husaren neben dem Denkmal für die Opfer des Ungarn-Aufstandes im Zentrum von Csikszereda. (Stephan Ozsváth )Husaren neben dem Denkmal für die Opfer des Ungarn-Aufstandes im Zentrum von Csikszereda. (Stephan Ozsváth )

Im Széklerland selbst - in Rumänien - haben die Demonstranten eine mehr als 50 Kilometer lange Menschenkette gebildet. Einer der führenden Aktivisten ist László Tökés, ein unerschrockener Kirchenmann und Kämpfer gegen Securitate und das Ceausescu-Regime 1989. Heute ist er ein glühender Nationalist.

"Die Ungarn verdienen genauso ein gemeinsames Recht wie andere, glücklichere Nationen, die ihre Freiheit ausgerufen haben. Deswegen sind auch wir auf den Plan getreten."

Eine Autonomie der Szèkler als ungarisches Protektorat

Tökés steht einer nationalistischen Partei vor, die großzügig von der Fidesz-Regierung in Ungarn finanziert wird, der Ungarischen Bürger-Union. Er sitzt im Europaparlament. Über die Kandidatenliste der Budapester Regierungspartei Fidesz ist er dort hin gewählt worden. Tökés geht in seiner Rhetorik weit: Auch er ist für eine Autonomie der Székler, aber als ungarisches Protektorat. Aber was soll die Autonomie denn konkret bringen? Tökés´ Gegenspieler, der liberale Ungarn-Politiker Kelemen Hunor, stellt sie sich so vor.

"Dass garantiert wird, dass wir unsere Identität wahren können. Selbstbestimmung, Gewaltenteilung, Dezentralisierung. Die Zentralregierung muss mehr Entscheidungsgewalt in die Region und ihre Organe geben – das fängt mit der Bildung an und hört bei sozialen Fragen auf. Aber dafür brauchen wir auch Geld. Aus dem Etat muss ein größerer Teil hier bleiben."

Derzeit fließen die Steuern der Großunternehmen im Székler-Land direkt in die Bukarester Schatulle. Aber nur ein Teil fließt zurück. Und die Führungskräfte – in Justiz, Polizei, Steuerbehörde – das sind ethnische Rumänen. Ein Erbe der Ceaucescu-Zeit.

In der Innenstadt von Csikszereda sitzt István Sarány in seinem Büro. Der Székler trägt ein Holzfäller-Hemd, lang hängen die rotblonden Haare vom Kopf – eine Mischung aus Alt-Hippie und Haudegen. Sarány ist Chefredakteur der Regionalzeitung "Hargita Népe" – Volk von Hargita.

"Die meisten Konflikte entstanden, weil Mitte der 80er-Jahre die Ungarn aus den Leitungspositionen entfernt wurden. An die Spitze von Polizei, Justiz, Verwaltung, Staatsbetrieben kamen Rumänen. Und als die Wende kam, fegte der – sagen wir - Volkszorn diese erste Garnitur weg. Und die Rumänen dachten, es geht gegen sie als Volksgruppe."

Heute haben die Ungarn in Rumänien, und damit die Székler, kulturelle Eigenständigkeit. Sie haben eigene Kindergärten und Schulen. Eigene Kulturvereine. Auch eine private Universität – für all das gibt die Regierung Orbán in Budapest viele Millionen aus. Sie gab den Ungarn in Rumänien, in Serbien, in der Slowakei auch die doppelte Staatsbürgerschaft. Der Siebenbürger Franziskaner Csaba Böjte war Neu-Ungar mit der Nummer 500.000.

Der Geistliche schwor, Ungarn als seine Heimat anzuerkennen. Dahinter steckt nicht nur ein völkisches Konzept von Nation. Sondern mit der doppelten Staatsbürgerschaft bekommen die Neu-Ungarn auch das Wahlrecht. Doch dafür möchte die Regierung Orbán eine Gegenleistung: Wählerstimmen.

Wie Orbán die Minderheit für seine Zwecke instrumentalisiert

Mit pathetischen Wahlwerbespots ging die ungarische Regierung auch auf Stimmenfang in den Anrainer-Staaten. Trianon – die Tragödie. Zusammenhalt – das ist die Botschaft.

Beobachter sind sich einig: Die Regierung Orbán stellt die Grenzen zwar nicht in Frage. Aber der Budapester Historiker Krisztián Ungváry sieht die Umarmung der Auslandsungarn dennoch kritisch.

"Das Problem ist die Instrumentalisierung der Minderheit für binnen-ungarische Fragen. Ihnen ein ungarisches Wahlrecht anzubieten, mit dem sie über Dinge bestimmen können, die sie materiell nicht betreffen, das ist absurd. Sie wählen und bestimmen damit über ungarische Steuern, die sie gar nicht zahlen. Das ist etwas ganz Absurdes – und Fidesz hat damit für sich ein sicheres Wählerreservoir geschaffen."

Auch die Rechtsextremen in Ungarn versuchen sich auf dem Rücken der Ungarn in den Anrainer-Staaten – auch in Rumänien - zu profitieren. Die Partei Jobbik predigt offen die Revision der Grenzen. Rechtsrock-Bands liefern den zeitgemäßen Soundtrack. Sie fordern: Weg mit Trianon.

Bei einem Auftritt in Siebenbürgen goss Jobbik-Parteichef Gábor Vona reichlich Öl ins Feuer.

"Für uns ist nicht die Tiefe der rumänisch-ungarischen Beziehungen von Bedeutung, sondern die ungarische Gesellschaft und Nation und die hier lebenden Ungarn zu vertreten. Wenn das Eintreten für die Minderheitenrechte einen Konflikt mit Rumänien schafft, dann wählt Jobbik diesen Weg und Ungarn sollte dies auch tun."

Eine doppeldeutige Äußerung – in Bukarester Ohren klang sie wie ein Aufruf zur Gewalt. Der rumänische Premier Viktor Ponta von den Sozialisten, der selbst gern auf der Klaviatur des rumänischen Nationalismus spielt, warf den Schwarzen Peter ins Feld der Ungarn - in Siebenbürgen und in Budapest.

"Wir machen sehr deutlich: Wir stellen uns nicht auf eine Stufe mit Nationalisten, Extremisten und Chauvinisten. Rumänien verfolgt eine Politik, die höchsten europäischen Standards entspricht. Es sind immer die ungarischen Extremisten, die hier provozieren. Seien sie von Jobbik, von der ungarischen Regierungspartei Fidesz oder von hier, etwa Tökés‘ Ungarische Bürgerpartei."

Zwischen den Stühlen sitzen die Székler – Bukarest plant eine Verwaltungsreform, die die historischen Bezirke auflösen würde – der Todesstoß für eine Székler-Autonomie. Und in Ungarn selbst wachsen die Ressentiments – aller Verbrüderungsrhetorik zum Trotz, bestätigt der Journalist István Sarány entsprechende Untersuchungen von Soziologen.

"Die ungarische Gesellschaft trachtet danach, uns auszugrenzen. Jeder von uns wurde dort schon als Rumäne beschimpft. Das tut weh. Das hält uns auf Distanz. Aber so sind auch unsere Beziehungen zu den Rumänen. Sie sehen uns nicht als gleichberechtigte Partner. Hier Heimatlosigkeit, dort Ressentiments. Da stellen wir uns die Frage: Wer sind wir? Und wo gehören wir hin?"

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