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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 11.02.2011

"…und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben."

Über die Grundbedingungen von Bildung

Von Konstantin Sakkas

Klare Verhaltensregeln behindern nicht die Selbstentfaltung, sondern verleihen ihr die nötige Form. (AP)
Klare Verhaltensregeln behindern nicht die Selbstentfaltung, sondern verleihen ihr die nötige Form. (AP)

Eltern müssen ihren Kindern wieder beibringen, wie sie sich zu verhalten haben: taktvoll, diszipliniert und mit Selbstzurücknahme. Nur so werden sie zu rücksichtsvollen Individuen, die ihre Leidenschaften im Griff haben, ohne sich dabei selbst zu verleugnen.

"Anstand" und "Disziplin" sind spätestens seit 1968 Unwörter. Dabei sind sie für das menschliche Miteinander unerlässlich. Der Prozess der Zivilisation, wie der Anthropologe Norbert Elias ihn benannte, begann im 16. Jahrhundert mit der Einführung bestimmter Verhaltensnormen, die das Zusammenleben bei Hofe erleichtern sollten; insbesondere ging es um die Vermeidung von Gewalt, die bis dahin im Umgang miteinander selbstverständlich gewesen war. Im Lauf der Jahrhunderte wurde Höflichkeit dann zur Grundtugend, die nach und nach von allen übrigen Gesellschaftsschichten adaptiert wurde – ein Prozess, der im 19. Jahrhundert seinen Höhepunkt erreichte.

Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörte ein Grundmaß an Anstand und Höflichkeit zu jeder Erziehung – sei es auf dem Landgut, in der Professorenvilla oder in der Arbeiterwohnung, unter Konservativen, Liberalen oder Sozialisten. Wer ins Leben hinausging, wusste in der Regel, "wie man sich zu benehmen hat". Dann aber ging es, unter dem Eindruck von Kriegen, gesellschaftlichen Umwälzungen und Gewaltherrschaft, mit der Höflichkeit steil bergab, und zugleich mit der Menschlichkeit.

Auch der Zweite Weltkrieg und die NS-Diktatur wirkten hier als Zivilisationsbruch; nicht zuletzt durch den millionenfachen Verlust von Vätern, die gefallen, in Gefangenschaft oder durch ihre Verbrechen kompromittiert waren; oder aber sich schlicht nicht mehr ins zivile Leben integrieren konnten, so dass faktisch eine ganze Generation ohne väterliches Vorbild aufwuchs. Die Folge war der Verlust einer wesentlichen und zeitlosen Kindheitserfahrung: nämlich die natürlichen und notwendigen Grenzen im Sozialverhalten aufgezeigt zu bekommen.

Die Orientierungslosigkeit der Kinder von heute hat wesentlich mit der mangelhaften Ausbildung von Anstand und Disziplin zu tun. Das Hauptproblem unserer Gesellschaft – es sei wiederholt – ist kein intellektuelles (denn nie war der Zugang zu Bildung leichter als heute); sondern ein habituelles. Es zeigt sich an jugendlichen Gewaltverbrechen ebenso wie an der eklatanten Respekt- und Disziplinlosigkeit von Grundschülern, die oft schamlos mit ihren Lehrern umgehen, sich aber vom geringsten Leistungsanspruch schnell überfordert fühlen.

Und man beobachte nur einmal "moderne" Eltern bei ihren oft hilflosen Versuchen, ihrem Kind etwas zu ge- oder verbieten. Diese Eltern müssen sich wieder trauen, ihren Kindern, jenseits aller Vorurteile und Eigeninteressen, beizubringen, wie sie sich zu verhalten haben: taktvoll, diszipliniert und mit Selbstzurücknahme. Nur so werden sie zu rücksichtsvollen Individuen, die ihre Leidenschaften im Griff haben, ohne sich dabei selbst zu verleugnen.

Schließlich ist Anstand eine wesentliche Bedingung von Bildung: zum einen, weil Bildung nur durch ein hohes Maß an Selbstdisziplin zu erreichen ist; zum anderen aber, weil zur Geistesbildung notwendig auch die Charakterbildung gehört. Wie kann die Schulpolitik ernsthaft erwarten, dass Kinder sich für die Sprache Goethes begeistern, denen nicht einmal beigebracht wurde, angemessen zu grüßen?

Klare Verhaltensregeln behindern nicht die Selbstentfaltung, sondern verleihen ihr die nötige Form. Das Leben in Deutschland, unter Kindern und Erwachsenen, gewönne einen ganz anderen, vielleicht sogar angenehmen Charakter, würden wir uns wieder auf Werte wie Anstand, Höflichkeit und Disziplin besinnen. In Goethes Worten: "In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister, und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben."

Konstantin Sakkas, Jahrgang 1982, schloss 2009 das Studium in den Fächern Rechtswissenschaften, Philosophie und Geschichte an der Freien Universität Berlin ab. Er arbeitet seit mehreren Jahren als freier Autor für Presse und Rundfunk.

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