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Robert CecilUnermüdlicher Verfechter des Völkerbunds
Der britische Staatsminister Philip John Noel-Baker (L.), der norwegische Politiker Carl Joachim Hambro (M.) und Lord Edgar Algernon Robert Cecil (R.) während der letzten Sitzungsperiode des Völkerbundes am 12.4.1946 in Genf.

Die Geschichte des Völkerbunds ist stark mit dem Namen von US-Präsident Woodrow Wilson verbunden. Doch auch der vergessene britische Diplomat Lord Robert Cecil hat seinen Teil dazu beigetragen. Heute vor 150 Jahren wurde er geboren.Mehr

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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 18.05.2012

Unangepasster Romanheld der DDR

Ulrich Plenzdorfs Stück "Die neuen Leiden des jungen W." wurde vor 40 Jahren uraufgeführt

Von Michael Opitz

Im Landestheater Halle kam das Stück am 18. Mai 1972 unter der Regie von Horst Schönemann auf die Bühne.
Im Landestheater Halle kam das Stück am 18. Mai 1972 unter der Regie von Horst Schönemann auf die Bühne. (Stock.XCHNG)

In "Die neuen Leiden des jungen W." erzählt Ulrich Plenzdorf erzählt eine Geschichte über den jugendendlichen Aussteiger, der in der ehemaligen DDR lebt. Dabei zieht er Parallelen zu Goethes Werther. Die DDR-Politik tat sich damit schwer. Vor 40 Jahren konnte das Stück erstmals in Halle aufgeführt werden.

"Old Jeans? – No"
New Jeans? – No"
"Jeans sind wahrscheinlich eine Einstellung und keine Hose."

Dieser Satz aus Ulrich Plenzdorfs Stück "Die neuen Leiden des jungen W.", das am 18. Mai 1972 im Landestheater Halle unter der Regie von Horst Schönemann uraufgeführt wurde, verbreitete sich unter den DDR-Jugendlichen wie ein Lauffeuer.

"Oder kann sich jemand ein Leben ohne Jeans vorstellen?"

Eigentlich nicht. Doch in der DDR gab es keine echten Bluejeans zu kaufen. Wer dennoch welche besaß, hatte sie von Freunden oder Verwandten aus dem Westen.

"Oh Bluejeans ..."

Mit diesem Bekenntnis zu einer Hose, die offiziell als Ausdruck westlicher Unkultur galt, traf Ulrich Plenzdorf den richtigen Ton.

"Oh Bluejeans, yeah."

Es gab in der DDR Tanzlokale, die wiesen mit Schildern an den Türen darauf hin, dass "Nieten in Niethosen" unerwünscht waren. Wer Jeans trug, musste draußen tanzen und gehörte wie Edgar Wibeau, die zentrale Figur in Ulrich Plenzdorfs Stück "Die neuen Leiden des jungen W.", nicht dazu. Aber mit Edgar als Vortänzer öffneten sich – wenn auch nur allmählich – bis dahin verschlossen gebliebene Türen. In nur zwei Spielzeiten von 1972 bis 1974 erlebte Plenzdorfs Stück 17 Inszenierungen. Ursprünglich sollte die Geschichte verfilmt werden.

"Das war ja wie fast alles, was ich geschrieben hab vorher, ein Drehbuch oder ein Szenarium,und wir kriegten das bei der DEFA ja nicht durch."

Plenzdorfs jugendlicher Held Edgar Wibeau ist ein Aussteiger – aber einer mit Format. Der Berufsschüler hat einen Notendurchschnitt von 1,1 und schmeißt dennoch die Lehre. Edgar zieht in ein Gartenhäuschen am Rande der Stadt, weil er dort machen kann, wozu er Lust hat. Er verweigert sich und er will doch gebraucht werden. Als er auf der Suche nach einem Buch ist, findet er auf dem Plumpsklo Goethes "Die Leiden des jungen Werther". Kein klassischer Ort für die Begegnung mit dem literarischen Erbe, aber Edgar erkennt in Werther einen Wahlverwandten. Dieser respektlose Umgang mit der Klassik rief in der DDR mit Friedrich Karl Kaul einen prominenten Kritiker auf den Plan, der Edgars Sprache einfach nur "ekelhaft" fand. Es war nicht leicht, das Stück auf die Bühne zu bringen. Regisseur Horst Schönemann musste den Kulturverantwortlichen in der DDR eine überzeugende Geschichte anbieten. Ulrich Plenzdorf vermutet, er könnte so argumentiert haben.

"Es handelt sich um junge Leute und die aktuelle Musik wird gespielt werden. Es ist eine Liebesgeschichte und es gibt in der Story auch eine Vorbildfigur, an der sich der junge Held orientiert und alles so’n Schwachsinn wurde dann geliefert aus taktischen Gründen."

Plenzdorfs Stück "Die neuen Leiden des jungen W." wurden zum Prüfstein für die vom Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, Erich Honecker, im Dezember 1971 ausgegebene Erklärung:

"Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben."

Plenzdorfs Figur akzeptiert keine Tabus – nicht einmal den Tod, denn er erzählt seine Geschichte aus dem Jenseits. Mit toten Helden aber tat sich die DDR-Kulturpolitik äußerst schwer.

"Tod hat nie einen Selbstzweck bei mir, bezieht sich immer darauf, dass ich meine, dass man solche Dinge bei den Geschichten von Leuten nicht ausklammern darf."

Edgar sucht seinen Weg allein, wobei er auf die gut gemeinten Ratschläge des Kollektivs verzichtet. Auch auf Vorbilder pfeift er – Edgar "möchte so werden, wie er einmal wird."

"Das Buch hat mit Biografie überhaupt nichts zu tun – schon gar nicht mit Autobiografie. Es ist aber eine Problembiografie."

Dieser Unangepasste passte nicht in das Bild, dem die Jugendlichen in der DDR entsprechen sollten. Edgar opponiert gegen überzogene Regeln und er will sich selbst verwirklichen. Wie er dachten viele junge Leute, nicht nur in der DDR. Und Edgar sprach ihre Sprache. Nur ein Jahr nach der Uraufführung der "Neuen Leiden" kritisierte Honecker diese Verweigerungshaltung, da sie dem Anspruch des Sozialismus widersprach. Edgar Wibeau aber war schon längst zu einer Kultfigur geworden und er blieb es. Vier Millionen Mal verkaufte sich Plenzdorfs Geschichte, die in 30 Sprachen übersetzt wurde.

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