Seit 17:30 Uhr Tacheles
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 17:30 Uhr Tacheles
 
 

Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.04.2012

Umstrittener Ort der Erinnerung

Eröffnung der Gedenkstätte Leistikowstraße

Von Winfried Sträter

In den Kellern der Leistikowstraße wurden Menschen eingesperrt und gequält. (picture alliance / dpa /  Bernd Settnik)
In den Kellern der Leistikowstraße wurden Menschen eingesperrt und gequält. (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)

Das Konzentrationslager Oranienburg, das Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen - und die Leistikowstraße Nummer eins - an diesen Orten in Berlin und Brandenburg wurden Menschen von Stasi und Sowjetmilitär gepeinigt. In Potsdam wurde jetzt eine Gedenkstätte eröffnet.

Die Orte des Schreckens liegen oftmals in einer schönen Umgebung. Die Leistikowstraße in Potsdam liegt am Fuße des Pfingstbergs, den der Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. mit einem romantischen Belvedere bebauen ließ. Nahe der Potsdamer Altstadt wurden in dieser exquisiten Lage vor 100 Jahren Villen gebaut, und heute sind hier wieder gutbürgerliche und exklusive Wohnviertel entstanden.

Nichts erinnert an die dunkle Geschichte dieses Ortes - nur das abstoßend graue Haus mit den Fenstergittern und dem abgeblätterten Putz: die Nummer 1 in der kleinen Leistikowstraße. Das Haus wurde 1916 vom Evangelisch-Kirchlichen Hilfsverein gebaut, als Zentrale der Evangelischen Frauenhilfe. 1945 wurde es von der sowjetischen Besatzungsmacht beschlagnahmt und bildete bald den Mittelpunkt des hermetisch abgeriegelten sogenannten "Militärstädtchens Nr. 7". Hinter hohen Mauern waren hier hohe Offiziere der Roten Armee untergebracht - und Geheimdienstgebäude. Menschen, die nicht dazu gehörten, aber in der Leistikowstraße 1 landeten, hatten ein Martyrium vor sich.

"Die Tür wurde mit Bravour auf, die ersten Worte waren: dawai, dawai, poschli, poschli - in dem Hochparterre da oben. In dem Hochparterre waren die Vernehmungen. Die im einzelnen zu schildern, das kann ich nicht. Die gingen drei Wochen, und immer ohne Schlaf, und unten im Karzer, in der viereckigen Zelle, hast du gestanden, bist zusammengebrochen, bist wieder wachgerüttelt worden, so ging es drei Wochen. Du wolltest nicht mehr leben."

Friedrich Klausch - einer jener Menschen, deren Schicksal heute in der Gedenkstätte Leistikowstraße dokumentiert werden. Klausch war 1948 als 18-Jähriger in der Nähe der Sektorengrenze vom sowjetischen Geheimdienst festgenommen worden. Vielen, vor allem jungen Menschen, ging es damals so: Die sowjetischen Militärs griffen sie unter fadenscheinigen Anschuldigungen auf der Straße auf und schickte sie in die Arbeitslager nach Sibirien. Klausch wurde vorgeworfen, was vielen anderen auch vorgeworfen wurde:

"Welcher Spion bist Du? Für welchen - ich war mir keiner Schuld bewusst. Ich war ein Mensch wie jeder andere, der von Politik und all diesem Geschehen als junger Mensch die Nase voll hatte. Nicht nur die Nase voll hatte, sondern mit dem Leben selbst zu tun hatte."

25 Jahre Lagerhaft in Sibirien lautete das Urteil für Klausch. 1956 kam er frei mit den vielen Gefangenen, deren Entlassung Bundeskanzler Adenauer in Moskau erreicht hatte. 1997 wurde Klausch in Russland rehabilitiert: ein unschuldiges Opfer der brutalen stalinistischen Willkürherrschaft nach dem Ende des Nazi-Krieges in Deutschland. Klausch sprach heute als Zeitzeuge auf der Feier zur Eröffnung der Gedenk- und Begegnungsstätte - bewegt, aber gefasst. Für ihn ist es ein guter Tag, weil dieses Haus nun der Öffentlichkeit übergeben wurde.

Für andere Opfer jedoch, die das Haus als Hölle und als Vorhof der Hölle erlebt hatten (schließlich folgte dem Untersuchungsgefängnis zumeist der sowjetische Gulag), war der heutige Tag kein guter Tag: Denn sie haben das Gefühl, dass hier nicht "ihr Haus" entstanden ist, die Gedenkstätte, für die sie jahrelang gekämpft hatten. Am Rande der Eröffnungsfeier hielten sie Plakate hoch mit Aufschriften wie: "Gedenkstätte JA! KGB-Museum NEIN!" Mit einer Menschenkette protestierten sie gegen die Ausrichtung des Hauses, und in Gegenveranstaltungen machten sie darauf aufmerksam, dass sie als ehemalige Häftlinge Schwierigkeiten mit den Ausstellungsmachern, voran der Gedenkstättenleiterin Ines Reich, hatten und haben.

Die ehemaligen Häftlinge hatten maßgeblichen Anteil daran, dass das Potsdamer Untersuchungsgefängnis des KGB zu einem Erinnerungsort ausgestaltet worden ist - sie hatten jahrelang dafür gekämpft, aber als die Arbeit dann in die Hände von professionellen Historikern gelegt wurde, unter das Dach der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, hatten sie das Gefühl, dass man ihnen die Tür vor der Nase zuschlug. Bodo Platt, ein Sprecher der Zeitzeugeninitiative, merkte bitter an:

"Die Gedenkstätte wurde übergeben an die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Und dann erfuhren wir, vom ersten Tag an, eine Ablehnung in einer Weise, die wir überhaupt nicht begreifen konnten."

Es ist das Schicksal vieler Gedenkstätten, dass Historiker und Zeitzeugen um ihre Ausrichtung und Ausgestaltung streiten. Doch selten ist der Streit so erbittert geführt worden wie in Potsdam um die Leistikowstraße. Was sich da abgespielt hat, auch heute wieder, ist ein Drama. Für die ehemaligen Häftlinge kommt die Erinnerung an ihre Leiden zu kurz. Bodo Platt beklagt,

"dass da tendenziell eine Fülle von KGB-Akten die gesamte Ausstellung überfrachten. Mit Details, die eigentlich völlig unnötig sind, Sie können sich selbst überzeugen, und die das Wesentliche dieser Ausstellung überlagern, nämlich: die Schicksale der Menschen, die dort verurteilt worden sind zu Urteilen, von denen sich ein normaler europäischer Mensch überhaupt keinen Begriff macht. 25 Jahre, Todesstrafe, für 15-Jährige, weil sie am Russisch-Unterricht nicht teilnehmen wollten, in Moskau erschossen. Wo sind diese vielen Details über diese Leiden dieser Menschen?"

Wer unvoreingenommen durch die Ausstellung geht, kann eine solche Einschätzung, die immer wieder vorgetragen wurde, nicht teilen. Eine Reihe von persönlichen Schicksalen wird hier dokumentiert. Häftlinge erzählen in Videoaufzeichnungen, was ihnen passiert ist. Die Räume sind in einer Weise gestaltet, dass das Grauen, das in diesen Mauern steckt, auch Generationen später spürbar ist. Es gibt Mängel: Dass die Spionagevorwürfe zumeist haltlos waren, erfährt man oft erst bei genauem Hinsehen. Das ist ein Problem. Um die korrekten und einfühlsamen Inhalte der Ausstellungstafeln hat es ein mühsames Ringen mit den Zeitzeugen und dem wissenschaftlichen Beirat des Hauses gegeben. Das war ein Problem. Das zentrale Problem aber ist ein anderes. Ines Reich, die Gedenkstättenleiterin, weiß das:

"Also, ich denke, dass die Erwartungen an das, was so ein Ort leisten kann und soll, auseinandergehen, wir verstehen uns als modernen Ort mit Multifunktion und es gibt eher Auffassungen, die eher das Haus im Sinne eines Mahnmals verstehen und da gibt es eben unterschiedliche Auffassungen, ich wünsche mir sehr, dass wir auch nach der Ausstellungseröffnung wieder ins Gespräch kommen, aufeinander zugehen und diese unterschiedlichen Sichtweisen austauschen, ich glaube, das ist der erste und wichtigste Schritt, das wäre mir auch ganz wichtig."

Fachlich hat ihr Team von Historikern und Ausstellungsmachern getan, was die Öffentlichkeit zu Recht von ihr erwartet: Sie haben einen sehr informativen Ort geschaffen, der die Erinnerung an eine Geschichte wach hält, die ansonsten untergehen würde. Das von Potsdam abgeriegelte Militärstädtchen, die verschachtelten Geheimdienststrukturen, die Festnahmepraxis: All das ist wichtig, um zu verstehen, was hier geschah. Der Vorwurf, hier sei ein KGB-Museum entstanden, ist absurd. Bund und Land zahlen viel Geld dafür, dass hier auch eine breit angelegte Bildungsstätte unterhalten wird. Bei allem Respekt vor den Opfern: eine bloße Gedenkstätte wäre zu wenig.

Es ist tragisch, dass viele Opfer von dem Ort ihrer Pein nicht loskommen. Dass nüchtern-rationale Historikerarbeit ihre Gefühle verletzt. Die Konflikte, die daraus entstehen, sind für Ausstellungsmacher unvermeidlich. Doch zur Professionalität von Historikern gehört noch etwas anderes: Sie müssen mit diesem natürlichen Spannungsverhältnis umgehen können. Konflikte dürfen nicht so eskalieren, wie das jetzt um die Potsdamer Leistikowstraße passiert ist. Zeitzeugen haben keine Deutungshoheit über die Geschichte, aber sie müssen in die Arbeit einbezogen sein, inhaltlich, emotional, durch Gesten. Da liegt das eigentliche Versagen bei diesem wichtigen Ausstellungsprojekt. Was Ausstellungsleiterin Ines Reich bei der Eröffnungsfeier dazu zu sagen hatte, war viel zu wenig:

"Sie wissen es alle: die Zusammenarbeit mit dem Verein Begegnungsstätte Ehemaliges KGB-Gefängnis Leistikowstraße war nicht konfliktfrei. Wir bedauern das sehr."

Kein Wort der Entschuldigung, eine öffentliche Handreichung - nicht einmal an diesem Tag: So schafft man kein Vertrauen für eine gemeinsame Arbeit in der Zukunft.

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Fazit

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur