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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 21.01.2012

Umstrittene Helfer: Antibiotika

Gast: Prof. Dr. Alexander S. Kekulé, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Uniklinikums Halle

Moderation: Dieter Kassel

Kekulé: Solange die industrielle Tierhaltung den Antibiotikaeinsatz nicht drastisch verringert, werden tödliche Keime in den Krankenhäusern weiter zunehmen." (picture alliance / dpa)
Kekulé: Solange die industrielle Tierhaltung den Antibiotikaeinsatz nicht drastisch verringert, werden tödliche Keime in den Krankenhäusern weiter zunehmen." (picture alliance / dpa)

Lange galten Antibiotika als medizinische Wunderwaffe, doch diese Waffe droht stumpf zu werden. Resistente Keime, denen Antibiotika nichts anhaben können, sind weltweit auf dem Vormarsch. Krankheiten, die als beherrscht galten, breiten sich aus, gefährliche Krankenhauskeime kosten allein in der EU jährlich 25.000 Menschenleben.

"Wenn wir nicht jetzt handeln, steht der Welt ein post-antibiotisches Zeitalter bevor, in der es für Infektionen keine Heilung mehr gibt und Bakterien wieder ungehindert töten", mahnte Margaret Chan, Präsidentin der Weltgesundheitsorganisation WHO, anlässlich des Weltgesundheitstages im April 2011. Der Menschheit drohe ein Rückfall ins medizinische Mittelalter.

Auch der Arzt und Virologe Prof. Dr. Alexander S. Kekulé warnt seit Langem vor den Folgen eines übermäßigen Antibiotikaeinsatzes.

"Ich schätze, dass ein Drittel der Antibiotika in der ambulanten Praxis voreilig verordnet werden."

Die Folge:

"Eine rasante Ausbreitung multiresistenter Keime, die gleich gegen mehrere Wirkstoffklassen gefeit sind."

Pro Jahr infizieren sich 400.000 bis 600.000 Patienten allein in deutschen Kliniken und Arztpraxen mit multiresistenten Keimen (MRSA), bis zu 15.000 Patienten sterben. 20 bis 30 Prozent der Fälle wären allein durch bessere Hygiene und schärfere Kontrollen in den Krankenhäusern vermeidbar.

Hinzu kommt der steigende Verbrauch von Antibiotika in der intensiven Tierzucht: 2011 wurden 900 Tonnen verabreicht, sechs Jahre zuvor waren es noch 784 Tonnen. Aktuellen Untersuchungen des Bundesamtes für Risikobewertung zufolge sind 24 Prozent des Hühnerfleisches und 43 Prozent des Putenfleisches mit MRSA besiedelt.

"Neuere Untersuchungen zeigen, dass sich resistente Keime aus der Nutztierhaltung in der Umwelt lange halten und sogar weiterentwickeln können. Solange die industrielle Tierhaltung den Antibiotikaeinsatz nicht drastisch verringert, werden tödliche Keime in den Krankenhäusern weiter zunehmen."

Seine Mahnung: "Antibiotika sind wahrscheinlich eine der wichtigsten Entdeckungen der Medizingeschichte. Und wenn wir sie richtig einsetzen, retten sie Menschenleben. Aber, wenn diese Waffe stumpf wird, dann stehen wir vor einer Situation in der Tat wie im Mittelalter."


"Umstrittene Helfer: Antibiotika"
Darüber diskutiert Dieter Kassel heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr mit dem Mediziner Alexander S. Kekulé. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 00800 2254 2254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de oder auf unserer Facebook-Seite.





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