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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 17.08.2016

Umberto Boccioni Der Maler der Gleichzeitigkeit

Von Carmela Thiele

Ausschnitt aus dem Bild "Abschiede" (1911) von Umberto Boccioni. (imago/United Archives International)
Ausschnitt aus dem Bild "Abschiede" (1911) von Umberto Boccioni. (imago/United Archives International)

Der Maler Umberto Boccioni schloss sich Anfang des 20. Jahrhunderts den Futuristen an und wurde eine ihrer zentralen Figuren und Theoretiker. Was ihn am meisten beschäftigte, war das Phänomen der simultanen Wahrnehmung. Das versuchte er in seinen Bildern umzusetzen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Leben immer schneller, die italienische Kunst jedoch verharrte in alten Strukturen. Umberto Boccioni war sich dessen bewusst, suchte nach einer zeitgemäßen Malerei und wurde zur zentralen Figur der futuristischen Kunst.

Der italienische Futurismus besang die Liebe zur Gefahr, verurteilte gedankenschwere Unbeweglichkeit. Treibende Kraft war der Dichter Filippo Tommaso Marinetti, von Zeitgenossen auch "das Kokain Europas" genannt. In seinem ersten Futuristischen Manifest 1908 forderte er die Zerstörung aller Bibliotheken und Museen und feierte die Wunderwerke der Technik:

"Wir erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen, und ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake."

Phänomen der simultanen Wahrnehmung

Von der Gegenwart auszugehen, war ganz im Sinne Boccionis. Er schloss sich der Bewegung an, nachdem er 1910 erstmals in Mailand einen futuristischen Abend besucht hatte. Drei Wochen später erschien das – maßgeblich von ihm – verfasste Manifest zur futuristischen Malerei. Was ihn am meisten beschäftigte, war das Phänomen der simultanen Wahrnehmung:

"Die sechzehn Personen, die ihr in einer fahrenden Straßenbahn um euch habt, sind eine, zehn, vier, drei; sie stehen still und sie bewegen sich.  Und manchmal sehen wir auf der Wange einer Person, mit der wir auf der Straße sprechen, das Pferd, das in der Ferne vorübertrabt. Unsere Körper dringen in die Sofas, auf denen wir sitzen, ein, und die Sofas dringen in uns ein, so wie die vorüberfahrende Straßenbahn in die Häuser dringt, die sich ihrerseits in die Häuser stürzen und sich mit ihr verquicken."

Wenig später entstand sein Bild "Die Straße dringt ins Haus". Innen und Außen verschmelzen, die Figuren werden durchlässig wie die Frau, die vom Balkon heruntersieht. Ihr Kopf ist kaum zu erkennen, denn er ist eins geworden mit der geschäftigen Welt da draußen. Die gelb leuchtenden Häuserfassaden geraten ins Taumeln.

Boccioni synthetisierte im Bild, was simultan in wenigen Momenten vor sich ging. Der Kunsthistoriker Uwe M. Schneede:

"Er geht in der futuristischen Revolte auf – und wahrt gleichwohl einen eigenen Stand neben Marinetti. Die Malerei des Futurismus verdankt ihm nicht nur ihre Hauptwerke, sondern auch ihre künstlerische Theorie."

Boccioni verstand sich als Marxist

Der 1882 in Kalabrien geborene Umberto Boccioni hatte zunächst als Journalist gearbeitet, bevor er 1900 nach Rom ging, wo er gemeinsam mit Gino Severini Zeichenkurse bei Giacomo Balla nahm. Bewusst vermied er ein Studium an der Akademie. Er suchte damals schon nach "dem Neuen", fragte nach der Position der Kunst in der Gesellschaft.

Als er sieben Jahre später in die Industriemetropole Mailand zog, ließ er sich in einem der Arbeitervororte nieder, verstand sich als Marxist. Damals war er mit einem Selbstporträt in spätimpressionistischer Manier befasst. Aus einer Wolke hingetupfter, unvermischter Farben sieht uns ein schmaler, skeptisch blickender Mann mit Pelzmütze auf dem Kopf entgegen. Er stellt sich ganz traditionell mit Palette in der Hand dar. Dennoch präsentiert er sich außerhalb des klassischen Ateliers, auf dem Balkon, vor dem Hintergrund im Bau befindlicher Mietskasernen.

"Ich habe ein Selbstporträt fertiggestellt, das mich ganz und gar gleichgültig lässt. Ich bin müde und habe nicht eine Idee."

Das änderte sich schnell, nachdem er Teil der futuristischen Bewegung wurde. Er besuchte Severini in Paris, setzte sich mit dem Kubismus Picassos auseinander. In wenigen Jahren schuf er sein Werk, darunter die 1913 realisierte Skulptur eines gehenden Mannes mit dem abstrakten Titel "Einzigartige Formen der Kontinuität im Raum".

Obwohl Boccioni die politischen Parolen der Futuristen ablehnte, ließ er sich von Marinettis Kriegsbegeisterung mitreißen und meldete sich zum Militär, als Italien 1915 in den Ersten Weltkrieg eintrat.

"Ich war unter Beschuss. Wundervoll."

Der 34-jährige Künstler starb jedoch nicht im Kugelhagel. Im August 1916 fiel Umberto Boccioni bei einer Übung vom Pferd. Er erlag am nächsten Tag, dem 17. August, seinen schweren Kopfverletzungen.

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