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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.06.2012

"Ulysses"-Hörspiel: Eine sinnliche Erfahrung

James Joyce: "Ulysses. Hörspiel", Regie: Klaus Buhlert, 23 CDs, Hörverlag, Hamburg 2012

Bei den Aufnahmen zum Hörspiel "Ulysses": Dietmar Bär in der Hauptrolle des Leopold Bloom
Bei den Aufnahmen zum Hörspiel "Ulysses": Dietmar Bär in der Hauptrolle des Leopold Bloom (SWR / Hörverlag / Conny Fischer)

Am 16. Juni 2012 wird wieder der <papaya:addon addon="d53447f5fcd08d70e2f9158d31e5db71" article="207373" text="&quot;Bloomsday&quot;" alternative_text="&quot;Bloomsday&quot;" />, benannt nach Leopold Bloom, der Hauptfigur in James Joyce' großem Roman "Ulysses", von der literarischen Welt gefeiert. SWR und Deutschlandfunk haben nun unter der Regie von Klaus Buhlert ein fast zweiundzwanzigstündiges "Ulysses"-Hörspiel produziert.

Der "Ulysses" ist eine Pionierleistung des erweiterten Realismus. Wie nie zuvor werden die inneren Abläufe des Bewusstseins und die Bedürfnisse des menschlichen Körpers dargestellt.

"Auf dem Kackstuhl hockend, entfaltete er seine Zeitung und schlug auf den entblößten Knien die Seiten um. Keine große Eile. Ruhig noch ein bisschen zurückhalten."

Bekanntlich ist das Joyce-Lesevergnügen nicht ohne Mühe zu haben. Auch das opulente, bloomsdaylange Hörspiel ist eine Herausforderung – eine großartige. Unter der Regie von Klaus Buhlert agiert ein hochklassiges Ensemble, darunter Dietmar Bär als Annoncenakquisiteur Leopold Bloom und Birgit Minichmayer als seine laszive Ehefrau Molly. Besonders toll: Thomas Thieme, dessen bärbeißiger Bass die grobianischen Rollen im Alleingang übernimmt – etwa den "Zyklopen", der Bloom antisemitischen Anwürfen aussetzt, oder den überdrüssigen Seemann in der Kutscherkneipe:

"Ich bin diese Felsen im Meer allesamt müde und satt. Und Boote und Schiffe ebenfalls. Salziges zähes Pökelfleisch die ganze Zeit. Es gab da mal einen Burschen, der mit mir auf dem 'Pirat' gesegelt ist. Ging an Land und nahm eine leichte Arbeit an als Kammerdiener bei einem Herrn. Mit sechs Pfund im Monat! So ein Posten, der käme mir auch zupass, so Rasieren und Anzüge bürsten…"

An diesem einen Dubliner Weltalltag des 16. Juni 1904 lernen wir das ganze Leben der Hauptfiguren kennen. Nur dass nicht alles der Reihe nach von A bis Z erzählt, sondern wie ein Puzzlespiel in Tausenden verstreuten Teilen dargeboten wird. Stimmen, Musik, Motivarbeit: Mit diesen Mitteln zieht Regisseur Buhlert Fäden durchs Labyrinth, öffnet Zugänge auch in die hermetischen Partien, darunter das Sirenen-Kapitel, ein opernhaft komponierter Text voller Lautmalerei und Gesang, Literatur als Arie.

"Akkorde, bombardende Akkorde
Krieg! Krieg!"


Hundertfünfzig Seiten des Romans wurden bereits von Joyce als eine Art Hörspiel geschrieben: das Kirke-Kapitel, ein phantasmagorisches Traumspiel im Bordellviertel, Dramen-Text mit absurd ausführlichen Regieanweisungen. Es ist ein verwegenes Ragout aus Sauerei, Satire und subtilem Nonsens. Unbewusste oder verheimlichte Wünsche und Ängste werden nach außen gestülpt – und es kommt zu einem Tribunal gegen Bloom als Anarchisten, Bombenleger, stadtbekannten Hahnrei und Don Juan von Dublin:

"Venus im Pelz! Er lobte fast ausschweifend meine unteren Extremitäten, meine schwellenden Waden in den bis zur Grenze stramm gezogenen Seidenstrümpfen, und pries mit glühenden Worten meine anderen, in kostbarer Spitze verborgenen Schätze, welche er, wie er sagte, hervorzaubern könnte …"
"Ruhe im Saal! Der Angeklagte wird jetzt eine falsche Aussage machen!"


Ein weiterer Höhepunkt ist Joyces eigene Lieblingsepisode, das Heimkehr-Kapitel "Ithaka". Es ist in Interview-Form gehalten: lauter ziemlich bizarre Fragen, die ausschweifende und absonderliche Antworten verlangen, ein wunderbares Duett für einen Vater, der einen Sohn, und einen Sohn, der keinen Vater sucht.

"Was waren, auf ihre einfachste wechselseitige Form reduziert, Blooms Gedanken über Stephens Gedanken über Bloom und Blooms Gedanken über Stephens Gedanken über Blooms Gedanken über Stephen?"
"Er dachte, er dächte, er wäre Jude, wohingegen er wusste, dass er wusste, dass er wusste, dass er’s nicht war."


Sehr hörspieltauglich auch die vielen Parodien und Sprachspiele des Romans, etwa der sentimentale Kitschromanstil des Nausikaa-Kapitels oder die "Ein-Uhr-nachts-Schreibe" der Eumaios-Episode. Wie schildert man zwei müde Männer, die nach ausschweifenden Erlebnissen im Hafenviertel angetrunken nach Hause schwanken? Indem man auch die Sprache stolpern lässt und sie überfrachtet mit matten Wendungen, Floskeln und schiefen Metaphern.

"Unweit der öffentlichen Männer-Bedürfnisanstalt gewahrte er einen Eiswagen, um den herum eine Gruppe von mutmaßlichen Italienern sich in erhitzter Auseinandersetzung auf besonders animierte Weise zungenfertiger Äußerungen in ihrer lebhaften Sprache entledigte, da zwischen den Parteien ersichtlich einige kleine Meinungsverschiedenheiten entstanden waren. Putana Madonna …"
"Putana madonna… Culo rotto…"


Dieses Hörspiel macht die polyfone Stilvielfalt und Wortmusik des Romans sinnlich erfahrbar. James Joyce war ein hochmusikalischer Ohren-Mensch. Der "Ulysses" ist ein erlauschtes Buch: Die Welt ist Ton und Sprachklang – und nun auch das beste Hörspiel des Jahres.

Besprochen von Wolfgang Schneider

James Joyce: Ulysses. Hörspiel
Regie: Klaus Buhlert. Mit Corinna Harfouch, Dietmar Bär, Manfred Zapatka u.a.
Hörverlag, Hamburg 2012
23 CDs, 1290 Min. 99,99 Euro

Auch als MP3-Version erhältlich:
4 CDs, 51,99 Euro


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