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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.10.2014

Ukrainischer FilmBestechungsgelder für Oscar-Beitrag?

Skandal um Nominierung aus der Ukraine

Von Florian Kellermann

Eine Oscar-Statue steht vor dem Kodak Theatre in Hollywood. (dpa / picture alliance / Paul Buck)
Auch in der Ukraine gab es Oscar-Hoffnungen. Filmkritikern zufolge sind die nun zunichte gemacht. (dpa / picture alliance / Paul Buck)

Das ukrainische Oscar-Komitee hat den Beitrag "Der Blindenführer" als Anwärter für den besten ausländischen Film vorgeschlagen. Filmkritiker vermuten, dass die Entscheidung politisch motiviert ist - und erheben schwere Vorwürfe.

Seit Jahren weckte kein ukrainischer Film mehr so viele Hoffnungen wie "Plemya", auf deutsch: "Die Sippe". Der 39-jährige Regisseur Miroslaw Slaboschpytskyj bekam beim Filmfestival in Cannes gleich mehrere Auszeichnungen überreicht, darunter den Kritikerpreis und den "Visionary Award" des französischen Fernsehsenders "France 4". Auch bei Festivals in Mailand und Moskau wurde er ausgezeichnet.

"Die Sippe" ist ein mutiger Film: Er beschreibt die mafiösen Strukturen in einem Internat für Taubstumme. Der Neuankömmling Sergej arbeitet sich langsam nach oben in der Gang, die auf der Straße Fremde ausraubt. Sein Lohn ist eine sexuelle Beziehung zu Anja, einem Mitglied der Bande. Der Film ist wohl der erste, der komplett auf akustische Sprache verzichtet und die Gebärdensprache der Protagonisten nicht übersetzt. Was zunächst stört, lässt die Schlüsselszenen umso intensiver wirken, darunter die Szene einer brutalen Abtreibung. Für sein Land sei der Film ein Ereignis, sagt Kritiker Denis Iwanow, der beim Vertrieb von "Die Sippe" mitarbeitet:

"Für das ukrainische Kino steht viel auf dem Spiel. So ein Film entsteht bei uns alle 50, 60 Jahre. Aus dieser Chance müssen wir etwas machen."

Eine große Chance fürs ukrainische Kino

Damit meint Iwanow vor allem: den Film einem immer größeren internationalen Publikum zeigen. Nächster Schritt wäre gewesen, ihn als ukrainischen Beitrag für den Oskar vorzuschlagen, für die Auszeichnung des besten nicht-englischsprachigen Films. Aber dazu wird es nicht kommen. Das ukrainische Oskar-Komitee zog "Die Sippe" zwar in die nähere Wahl, entschied sich aber letztendlich für den Konkurrenten mit dem Titel: "Der Blindenführer". Für viele ukrainische Kritiker ein Skandal, so auch für Denis Iwanow:

"Das ist ein Film, der in der Ukraine ein Blockbuster werden kann. Aber kaum überschreitet er die Landesgrenzen, verliert er all seine Qualität. Der Zuschauer muss den Kontext kennen, wie es in den 1930er-Jahren in der Ukraine zuging, wer diese Leute mit den Sternen an den Uniformen sind. Die ukrainischen Zuschauer sind ohnehin kein Maßstab, die meisten von ihnen haben nie einen Film gesehen, der den Oskar als bester fremdsprachiger Film bekam."

Außerdem ist "Der Blindenführer" schlicht konventioneller gestrickt als "Die Sippe". Ein US-Amerikaner kommt in den 1930er-Jahren mit seinem Sohn in die sowjetische Ukraine, verliebt sich und bleibt. Er wird vom Geheimdienst verhaftet und getötet, weil er geheim über geplante Repressionen erfährt und die Informationen weitergeben will. Sein Sohn Peter kann fliehen, ein blinder Kobzar nimmt ihn auf - so nennen die Ukrainer Musiker, die sich vom Spiel auf der Bandura ernähren. Zur Tarnung wird Peter der Blindenführer seines Retters. So wird er der einzige Zeuge eines historisch belegten Massakers. Die Sowjetmacht lud die Musiker aus dem ganzen Land nach Charkiw ein und tötete sie, um der ukrainische Kultur das Rückgrat zu brechen. Die Jury habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, sagt der Leiter des Oskar-Komitees Oleh Fialko:

"So eng war die Konkurrenz schon lange nicht mehr. Alle nominierten Filme sind von sehr hoher Qualität. Aber die Abstimmung des Komitees war fair und geheim."

Kritiker unterstellen Bestechung

Daran zweifeln viele Kenner der Szene. Eine Diskussion über den besseren Film gab es nicht, fünf der neun Mitglieder des Komitees kamen gar nicht persönlich zur Abstimmung. Kritiker vermuten deshalb, das Komitee sei schlicht bestochen worden, um eine politisch motivierte Entscheidung durchzusetzen. Denn "Der Blindenführer" passt zum gegenwärtigen Konflikt zwischen der Ukraine und Russland. Ukrainische Nationalisten stürzen derzeit im ganzen Land Lenin-Denkmäler - und der Film führt vor Augen, wie grausam das Sowjetregime war. Die russische Regierung dagegen hält das Erbe der Sowjetunion hoch. Erst vor kurzem verlieh sie einer Polizei-Eliteeinheit den Ehrentitel Dzerschinskij-Division zurück: Dzerschinskij war Gründer des ersten sowjetischen Geheimdienstes, der Tscheka. Der Regisseur von "Der Blindenführer" Oles Sanin hält den Korruptionsvorwurf dennoch für absurd:

"Das ist nichts als eine Reklamekampagne für den Konkurrenzfilm nach dem Motto: Kipp einen Kübel Mist über deinem Nachbarn aus, damit alle darüber reden. Ich finde das sehr peinlich, gerade jetzt, wo wir jeden Tag Nachrichten über Tote in der Ostukraine hören und unser Land in den Abgrund gestürzt werden soll."

Dennoch ist der Leiter des ukrainischen Oskar-Komitees, Oleh Fialko, wegen des Skandals von seinem Amt zurückgetreten - ein Chance, die Entscheidungen des Gremiums in Zukunft zumindest transparenter zu machen. "Die Sippe" indes kann auch ohne den Oskar-Wettbewerb weiterhin international für Aufsehen sorgen. Der Film wird in über 20 Länder vertrieben.

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