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Thema / Archiv | Beitrag vom 07.06.2012

Ukrainisch-polnische Traumata

Die Stadt Luzk und ihre wechselvolle Geschichte

Von Martin Sander

Kein gemeinsamer Geist: Die polnische Grenze zur Ukraine (picture alliance / dpa / Darek Delmanowicz)
Kein gemeinsamer Geist: Die polnische Grenze zur Ukraine (picture alliance / dpa / Darek Delmanowicz)

Große Teile der westlichen Ukraine gehörten vor dem Zweiten Weltkrieg zu Polen und vor dem Ersten Weltkrieg zu Russland. Unser Korrespondent Martin Sander hat die Stadt Luzk besucht, in der einmal Deutsche, Polen, Juden und Ukrainer friedlich zusammenlebten.

"Ich bin Lidia Machnauer, geboren 1933 hier in dem Dorf Aleksandria - bei Luzk, in Wolhynien. Bis zum Jahr 39 haben wir gelebt in Aleksandria. Von 39 bis 45 haben wir gelebt, nach Deutschland sind wir weggefahren. Und in 45 haben sie uns zurückgebracht. Sie wollten uns nach Sibirien bringen. Aber der Zug stand in Luzk. Wir sind rausgekommen, drei Familien, und sind so geblieben."

Lidia Machnauer lebt heute noch in Luzk. Luzk ist das Zentrum des ukrainischen Bezirks Wolhynien, der an Polen und Weißrussland grenzt. Es dominiert sowjetische Architektur. Unterhalb der mittelalterlichen Burg gibt es indes ein paar markante Straßenzüge mit Häusern aus dem 19. Jahrhundert, als Luzk zum Russischen Reich gehörte, und ein wenig Jugendstil und Moderne aus der Zwischenkriegszeit, als die Stadt Teil Polens war. Im alten Luzk steht auch die barocke Kathedrale - und eine neogotische Backsteinkirche, in dessen Pfarrhaus sich die Deutschen versammeln. Es sind ein paar Dutzend.

"Ich heiße Olena Streiss, ich bin jetzt als Vorsitzerin deutscher Minderheit in Wolhynien, schon seit drei Jahren. Mein Vater ist Deutscher, er kommt aus Kasachstan. In Wolhynien habe ich keine Verwandten, leider. Alle unsere Verwandten sind 1990 nach Deutschland umgezogen. Mein Vater konnte nicht, leider, weil er sowjetischer Offizier war, ein politisches Problem, kann man so sagen."

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts siedelten 250.000 Deutsche in Wolhynien. Viele gingen nach dem Ersten Weltkrieg fort. 1939 vereinbarten Hitler und Stalin die Umsiedlung von 60.000 Deutschen, die noch dort lebten. Die Juden Wolhyniens wurden zwischen 1941 und 1943 ermordet. Doch die ethnische "Säuberung" ging noch weiter. Bewaffnete Untergrundverbände der beiden größten Gruppen, der Ukrainer und der Polen, massakrierten die Zivilbevölkerung der jeweils anderen Seite - ein Trauma bis heute.

Krzysztof Sawicki, polnischer Konsul für Kulturfragen in Luzk, engagiert sich für die polnisch-ukrainische Aussöhnung im Grenzgebiet. Gerade kuriert er eine Infektion im städtischen Krankenhaus aus, neben sich das Handy und eine Schachtel Zigaretten:

"Praktisch sieht das so aus, dass sich zwischen mir und meinem ukrainischen Gesprächspartner, den ich zum Beispiel seit Jahren sehr gut kenne, eine Mauer auftut. Obwohl wir uns kennen, obwohl er weiß, dass ich kein polnischer Chauvinist bin, und ich weiß, dass er kein ukrainischer Chauvinist ist: Es entsteht oft plötzlich eine Mauer. Dann können wir nur noch über die EM 2012 sprechen - oder über Ausflüge in die Berge. Tiefer kommen wir im Gespräch nicht voran."

Immer wieder gibt es Streit zwischen Polen und Ukrainern um die Rolle der OUN, der Organisation Ukrainischer Nationalisten, die im Zweiten Weltkrieg teilweise mit Hitlerdeutschland zusammenarbeitete, vor allem aber um einen eigenen ukrainischen Staat kämpfte. Die der OUN verbundenen ukrainischen Partisanen waren nicht nur am Holocaust beteiligt. Sie machten auch polnische Dörfer in Wolhynien dem Erdboden gleich. Ein OUN-Anführer war Stepan Bandera. Bandera fiel 1959 einem Anschlag des KGB in München zum Opfer. Für viele Ukrainer verkörpert er heute einen Freiheitshelden.

"Diese Vorfälle, zu denen es in Wolhynien kam, also die Massaker in den Dörfern, da denke ich, so etwas darf man nicht machen. Denn Gott hat das Leben geschenkt, und niemand hat das Recht, es anderen Menschen zu nehmen."

Mikola Kutscherepa ist Ukrainer. Der Historiker an der Hochschule von Luzk verurteilt die Massaker der Ukrainer an den Polen, hat aber nichts gegen ein geplantes Bandera-Denkmal in der Stadt:

"Man kann es aufstellen, denn es ist unser Nationalheld. Er wollte einen ukrainischen Staat schaffen, und ich sehe nichts Schlimmes dabei. Patrick Lumumba zum Beispiel wollte in Afrika seinen eigenen unabhängigen Staat schaffen und mit den belgischen Kolonialherren kämpfen. Deshalb haben ihn die Kolonialherren umgebracht. Stepan Bandera wurde auch umgebracht, nur von den Sowjets."

Krzysztof Sawicki, der polnische Konsul, lehnt solche Überlegungen kategorisch ab:

"Wir Polen können es nicht akzeptieren, dass man Bandera und seine Umgebung zu Helden der Ukraine macht, also ein politisches Milieu, zu dessen Methoden die Auslöschung der polnischen Bevölkerung gehörte."

Krzysztof Sawicki ist einer der Initiatoren des Projekts "Versöhnung durch schwierige Erinnerung". Es soll zur Aufarbeitung der Geschichte Wolhyniens im Zweiten Weltkrieg beitragen.

"Das wird so aussehen, dass gemischte polnisch-ukrainische Studentengruppen Zeitzeugen suchen, die darüber berichten, wie Ukrainer Polen retteten und Polen Ukrainer. Ich glaube, damit sollte man anfangen."

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