Seit 05:05 Uhr Aus den Archiven
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 05:05 Uhr Aus den Archiven
 
 

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 01.12.2015

UkraineRuf nach Freiheit droht zu verhallen

Von Thomas Franke

Mann mit ukrainischer Flagge auf dem Maidan in Kiew (dpa / picture alliance / Sergey Dolzhenko)
Mann mit ukrainischer Flagge auf dem Maidan in Kiew (dpa / picture alliance / Sergey Dolzhenko)

Zweimal - 2004 und 2014 - hatten junge Ukrainer die Kraft, eine nicht-demokratische Regierung zu stürzen. Doch diesmal müsse Europa unterstützend helfen, so der Osteuropa-Korrespondent Thomas Franke, damit der Ruf nach Freiheit nicht wieder verhallt.

Die Kraft des Geistes sei stets progressiv und endlos, schrieb einst Mahadma Gandhi. Diese Kraft wohne in jedem, Mann, Frau und Kind, ohne Rücksicht auf ihre Hautfarbe. Nur schlummere sie in manchen, könne aber durch sorgsames Training geweckt werden. In Kiew zeigte sich, wie wahr diese Worte sind.

Denn es waren trainierte junge Leute, die 2004 den Umsturz in der Ukraine herbeiführten. Sie waren trainiert von einer Gruppe von Studenten, die im Jahr 2000 in Serbien den Diktator und Kriegstreiber Slobodan Milosevic gestürzt und von Aktivisten, die 2003 in Georgien erfolgreich die Regierung zum Rücktritt gezwungen hatten.

Damals im Herbst 2004 wurden die Präsidentenwahlen nicht nur manipuliert, sondern der demokratische Kandidat, Viktor Juschtschenko, überlebte nur knapp eine Dioxinvergiftung. Sein Gesicht war fortan von Narben und Wulsten entstellt.

Studenten waren auf Orange-Revolution gut vorbereitet

Die gut vorbereiteten Studenten schafften es, die Menschen auf die Straße zu kriegen. Auf dem Maidan, dem zentralen Platz in der Hauptstadt Kiew, harrten Tausende bei strengem Frost aus, solange bis die Regierung gestürzt war.

Es war Zeit für einen Wechsel - und so hieß auch die Bewegung: Pora - Es ist Zeit. Ihre Farbe: Orange. Ihr Symbol: eine Uhr. Die Präsidentenwahl wurde wiederholt, Juschtschenko gewann. Die Revolution bekam einen Namen: Orange-Revolution. Sie wurde zum Synonym für derartig "bunte" oder "farbige" Umstürze. Und vor ihnen fürchten sich seitdem Diktatoren wie Wladimir Putin.

Der Sturz einer Regierung ist ein Kraftakt engagierter Demokraten. Oft sind die Kräfte danach verschlissen, die Aktivisten müde und abgekämpft. Dabei kommt die Mammutaufgabe erst anschließend, was 2004 nach dem Machtwechsel in der Ukraine mehr als deutlich wurde.

Kampf für Freiheit verlangt langen Atem

Freiheit ist ein hohes Gut und ein schwieriges. Es in einer Gesellschaft, die an die Unfreiheit gewohnt ist, zu verankern, erfordert nicht nur gute Politiker und Denker, es erfordert Geduld, Kampfkraft und den langen Atem der gesamten Bevölkerung.

Ein Buch hat eine Schlüsselrolle gespielt: "From Dictatorship to Democracy", "Von der Diktatur zur Demokratie", geschrieben von dem US-Soziologen Gene Sharp. Es hat nur etwas mehr als 100 Seiten, liest sich wie eine Anleitung zum Regierungssturz und hat viele inspiriert - auch die friedlichen Revolutionäre in Kiew.

Aber Sharp warnt auch. Niemand solle glauben, dass mit dem Sturz einer Diktatur sofort eine Idealgesellschaft entstehe. Er schaffe lediglich einen Ausgangspunkt für eine bessere Gesellschaft. Und tatsächlich: genau daran scheiterte die Ukraine nach dem Umsturz 2004.

Europa muss eine demokratische Ukraine unterstützen

Dubiose Gestalten, wie Julia Timoschenko, kamen an die Macht, Russland sorgte zudem für große Schwierigkeiten. Frustriert wählten die Ukrainer Viktor Janukowitsch, den sie kurz zuvor zum Teufel gejagt hatten. Die Antidemokraten schafften es, den Reformprozess zum Scheitern zu bringen und saßen anschließend fest im Sattel.

Normalerweise sind Demokraten dann so frustriert, dass sie der Gesellschaft den Rücken kehren, in die innere Emigration gehen oder das Land verlassen. Der Freiheitswillen der Ukrainer ist jedoch so stark, dass sie nur zehn Jahre später erneut auf den Maidan zogen. Aus dem Ruf nach mehr Freiheit wird der Schrei nach dem Sturz der Regierung, schrieb Heiner Müller einst in der "Hamletmaschine".

Zwei Jahre danach, ist die Gefahr in der Ukraine groß, dass der Ruf nach Freiheit, nach Reformen, nach einem Leben wie in Europa erneut verhallt. Zu hartnäckig sind die alten Strukturen. Und Russland tut alles, um die Reformen in der Ukraine scheitern zu lassen.

Deswegen muss dieses Europa, die freie Welt alles tun, damit die Ukrainer durchhalten und sich nicht endgültig frustriert von der Demokratie abwenden. Denn das nächste Mal könnte es länger als zehn Jahre dauern, bis sich wieder protestierende Massen in Bewegung setzen.

Thomas Franke (privat)Thomas Franke (privat)Thomas Franke, studierte Politologie, Geschichte sowie Soziologie und arbeitet seit 1989 als freier Journalist, ist Mitgründer des Büros "texte und toene" und spezialisiert auf Ost- und Südosteuropa. Seit 2012 lebt er ständig in Russland und berichtet für Deutschlandradio, ARD-Anstalten und die BBC.

 

Mehr zum Thema:

Notstand auf der Krim - Schaden für beide Seiten
(Deutschlandfunk, Kommentare und Themen der Woche, 22.11.2015)

Ukrainische Kulturszene - Den Frieden herbeitrommeln
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 12.11.2015)

Neuer Auftrag für ukrainischen Rundfunk - Kritische Berichte statt Staatshörigkeit
(Deutschlandfunk, Markt und Medien, 31.10.2015)

Ukraine - Wie der Bürgerkrieg das Lesen beeinflusst
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 27.10.2015)

Hörerkommentare

Wir behalten uns vor, Kommentare vor Veröffentlichung zu prüfen. Bitte befolgen Sie unsere Regeln. Für die Kommentarfunktion nutzen wir testweise ein System der US-Firma Disqus, Inc. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

comments powered by Disqus

Politisches Feuilleton

Bob DylanLiteraturnobelpreisträger wider Willen
Bob Dylan mit Hut auf der Bühne (AFP/ Torsten Blackwood)

Wofür hat der Singer-Songwriter Bob Dylan den Literaturnobelpreis bekommen? Die offizielle Begründung: für "neue poetische Ausdrucksformen in der amerikanischen Song-Tradition". In den Sechzigern wäre diese Wahl brisant gewesen, findet Sieglinde Geisel - heute nicht.Mehr

BürokratieSelbstunwirksamkeit oder die Ohnmacht im Alltag
Wartenummernanzeigen und Wartenummernausgabeautomaten (imago/Cord)

Woher kommt diese Wut, die uns nicht nur in den Internetforen und auf Demonstrationen, sondern auch im Alltag begegnet? Das psychologische Konzept der Selbstwirksamkeit bietet da Erklärungsansätze, sagt die Pädagogin und Psychotherapeutin Astrid von Friesen.Mehr

FrauenrechteEine freie Frau treibt nicht ab
Frauen demonstrieren für das Recht auf Abtreibung in Warschau. (imago/Pacific Press Agency)

Tausende von Frauen gehen für ihre Selbstbestimmung, etwa in Polen, auf die Straße. Radikale Konservative fürchteten, dass sie ohne staatliche oder kirchliche Kontrolle ihre Babys töten würden, sagt Gesine Palmer. Dabei würden wirklich freie Frauen anders entscheiden.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur