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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 17.09.2014

Ukraine-KonfliktWie Putin den Westen schachmatt setzt

Die Machtspiele des russischen Präsidenten kennen keine Grenzen

Von Lena Gorelik

Der russische Präsident Wladimir Putin  (dpa / picture alliance / Metzel Mikhail)
Der russische Präsident Wladimir Putin (dpa / picture alliance / Metzel Mikhail)

Wladimir Putin ist dem Westen klar überlegen, meint die russisch-deutsche Schriftstellerin Lena Gorelik. Er führe einen Krieg, ohne einen Gegenangriff hinnehmen zu müssen. Diesem unberechenbaren Verhalten sei der Westen ausgeliefert.

Kramnik, Kasparow, Karpow, Spasski, Botwinnik - viele Namen auf der Schachweltmeisterliste klingen russisch und sind es auch. Das Schachspiel, ein russischer Nationalsport sozusagen.

Kaum ein Kind, das nicht im Kindergartenalter die Regeln lernt, das Denken, die Logik, die Geduld übt und in diesem Lernprozess begreift: Hier geht es um Macht. Ich kann den Gegner an die Wand zwingen. Bis er nicht mehr ziehen kann. Bis er schachmatt ist.

Ein Russe, der das Schachspiel, auch das Schachmatt-Setzen, vielleicht nicht auf dem Brett, aber dafür aber auf der weltpolitischen Bühne beherrscht, ist der derzeit bekannteste Russe überhaupt: Wladimir Putin.

Putin spielt mit den Gefühlen der Russen

Etwas, das er in seiner Jugend, in der er laut eigener Beschreibung als "Rowdy" unterwegs war, gelernt hat: Es ist nicht schön, an der Wand zu stehen. Es macht keinen Spaß, keinen Ausweg zu haben. Also lernte Wladimir Putin Judo und damit, sich selbst zu verteidigen.

Er weiß sein Volk hinter sich, mit dessen Gefühlen er spielt wie ein Virtuose sein Instrument: Der Hass auf Amerika ist überragend, die Wunde des verlorenen Kalten Krieges noch nicht verheilt, der Schmerz über den Zusammenbruchs der glorreichen Sowjetunion noch nicht vergessen.

Diese vagen, aber starken Emotionen weiß Putin für sich zu nutzen: Nicht nur, dass er sich an Russlands Größe und Mächtigkeit erinnert, ja, auch an Neurussland neuerdings. Er demonstriert, dass er sich nicht einschüchtern lässt. Er spielt, und mittlerweile spielt er nicht mehr gegen den Westen, sondern mit ihm.

Halbherzige EU-Sanktionen schüchtern Putin nicht ein

Er zieht nach vorne, immer wieder, er destabilisiert die Ukraine, annektiert die Krim, lässt reguläre russische Truppen durch das Nachbarland marschieren - er führt einen Krieg, der sich kaum noch als etwas anderes kaschieren lässt - und muss es nicht mit einem Gegenangriff aufnehmen.

Fassungslos schauen die Ukrainer zu, betteln um Waffen, die ihnen verweigert werden, sehen, wie sich die EU auf ein paar halbherzigen Sanktionen ausruht, die Putin höchstens wütender und unberechenbarer machen, aber keinesfalls einschüchtern.

Der Westen kann nicht reagieren, weil er nicht weiß, worauf er reagieren soll, weil er nicht einschätzen kann, wie weit Putin gehen wird, wo seine Grenzen liegen. Ob es in seinem Neo-Expansionismus Grenzen gibt. Und möglicherweise weiß es Putin selbst nicht. Entscheidungen fällt er zunehmend alleine, zunehmend auch spontan.

Gefahr eines dritten Weltkrieges

Jede zu heftige Reaktion vor allem seitens der NATO - von deren Osterweiterung sich Russland zu Recht bedroht fühlt - könnte Putin, den Unberechenbaren, zu einer Überreaktion verleiten, einer Eskalation. Dann wiederum müsste der Westen eingestehen, dass längst ein Krieg tobt, einer, der die Gefahr eines dritten Weltkriegs in sich birgt.

Und weil er diese Eskalation nicht riskieren will, ist er schachmatt. Spätestens nach der Annexion der Krim, da hat der Westen einen wichtigen Schachzug übersehen, hat Putin gelernt, dass er mit allem durchkommt.

Dann wiederum verspricht Russland Waffenruhe, womit sich der Westen sofort beschwichtigen lässt und über eine Verschiebung der Umsetzung von Sanktionen diskutiert. Bislang hat Moskau aber jede Waffenruhe konsequent gebrochen.

Polnische Intellektuelle haben in einem offenen Brief an europäische Regierungen, in dem sie einen Kurswechsel in Sachen Ukraine-Konflikt fordern, an die Situation 1939 erinnert, als man Hitler auch so einiges nicht zu- und auf die Appeasement-Politik vertraute. Wo diese endete, ist ja bekannt.

Lena Gorelik (Gerald von Foris/Graf Verlag)Lena Gorelik (Gerald von Foris/Graf Verlag)Lena Gorelik, wurde 1981 in Russland im damaligen Leningrad geboren und kam 1992 zusammen mit ihrer russisch-jüdischen Familie nach Deutschland. Ihre Romane "Meine weißen Nächte", "Hochzeit in Jerusalem" und "Verliebt in Sankt Petersburg" wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Zuletzt erschienen von ihr "Sie können aber gut deutsch", "Lenas Tagebuch" (Herausgeberin) und "Die Listensammlerin". 

Mehr zum Thema:

Donbass - Keine Verhandlungen mit der Ost-Ukraine! (Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 16.09.2014)
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