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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 24.05.2009

Übergewicht: Bilanzfälscher am Werk

Von Udo Pollmer

Übergewichter Mann (AP)
Übergewichter Mann (AP)

Beim alten Thema Übergewicht dreht sich bekanntlich alles ums Essen und die Bewegung. Von dem einem zu viel und vom anderen zu wenig – und schon bleibt die Differenz auf den Hüften hängen. Andererseits sind alle Versuche gescheitert, die Menschheit anhand dieser Einsicht zu verschlanken.

Soll das heißen, dass die Naturgesetze der Physik hier nicht mehr gelten? Doch schon. Nur sind hier Bilanzfälscher am Werke, und prompt werden aus satten Gewinnen Milliardenverluste. Denn Essen und Bewegung ist nur ein Teil unserer Energiebilanz. Bei den "Energie-Ausgaben" wird der größte Posten geflissentlich unterschlagen. Das ist die Heizung. Nicht umsonst gilt die Kalorie als Maßeinheit für Wärme. Unser Körper braucht für seine Organe eine Arbeitstemperatur um die 37°C – sommers wie winters, Tag und Nacht. Sinkt diese Temperatur nur ein paar Grad ab, droht der Tod. Deshalb lässt der Körper nichts unversucht, unter allen Umständen eine Mindest- und eine Höchsttemperatur zu gewährleisten.

Demnach frisst die Heizung nicht nur in der Wohnung die meiste Energie, sondern auch im Körper? Richtig. Sie merken das, wenn es im Sommer draußen heiß ist; schon reichen uns kleinere Happen und statt einer sättigenden Mahlzeit ein harmloser Salat. Amphibien, also wechselwarme Tiere, die sich bei der Heizung auf die Sonnenstrahlen verlassen, kommen mit reichlich wenig Futter aus und können problemlos lange Hungerperioden überstehen. Bei den Dinosauriern hatten einige Arten zwar ein Federkleid, konnten aber nicht fliegen. Das Federkleid isoliert den Körper – dadurch brauchen Vögel kaum noch Fett zum Isolieren und sind dadurch viel leichter als Säugetiere. Auf dieser Basis konnte dann der Vogelflug entstehen.

Und was bedeutet das für die Energiebilanz und das Gewicht des Menschen? Ein Problem für die Experten. Denn die Heizkosten unseres Körpers sind nicht fix, sondern hängen davon ab, wie warm es in der Wohnung oder der frischen Luft ist, wie gut wir bekleidet sind, und wie stark Arme und Beine, Rücken und Bauch durchblutet werden. Wenn die Energiezufuhr knapp ist, weil "Kalorien gespart" werden, dann wird die Durchblutung von Armen und Beinen verringert, und damit die eingesparten Kalorien ausgeglichen. Manche Menschen haben dadurch immer kalte Arme und Beine. Andere haben sogar einen dicken, kühlen Bauch. Hier ist die Energieverwertung hocheffektiv. Das setzt natürlich auch ein hartes Training mit fettarmer Kost, Diäten oder Süßstoffen voraus.

Das würde ja bedeuten, dass unsere Kleidung die Energiebilanz stärker beeinflusst als Joggen? Exactement! Umgebungstemperatur, Körpertemperatur und Isolation entscheiden über die Energiebilanz! Wenn der Körper Energiemangel feststellt, friert uns. Wenn die Damen auf Diät sind, wird die Temperatur in Wohnung und Büro hochgedreht. Deshalb wird heute mehr geheizt als früher. Wer abends weniger isst, wird nicht über Nacht schlank, sondern mummelt sich tiefer unter die Decke. Wer sich "überfressen" hat, strampelt die Decke runter, um die Energie abgeben zu können.

Welche Rolle spielt dann das Körperfett? Eine andere als gemeinhin angenommen. Das Körperfett ist in erster Linie der Isolator und nicht der Speicher! Der wird bei Energiemangel nicht abgebaut, sondern verstärkt - um die Organe zu wärmen, also rund um den Bauch. Das ist der Grund, warum Hagere häufig wie die Scheunendrescher futtern können, ohne zuzunehmen. Sie haben wenig Unterhautfettgewebe – und damit hohe Wärmeverluste. Deshalb haben auch schlanke Kinder mehr Appetit auf Süßes als propere Kids. Deshalb essen Dicke deutlich weniger als Schlanke. Dicke schwitzen dafür schneller als Schlanke. Wenn's heiß ist, haben sie aufgrund der dicken Isolation Probleme, Körperwärme nach außen abzugeben. Dann brauchen sie mehr Schweiß zum Kühlen.

Aber das Fett dient doch auch als Energiespeicher Das kommt drauf an: Beim Europäer ist das meiste Fett Isolator und wird vom Körper bei Energiemangel als allerletztes abgebaut. Vorher geht’s den Organen, Muskeln und Knochen an den Kragen – erst wenn es auf den Hungertod zugeht, wird der Isolator angegriffen. Winterspeck bei Tieren mit Winterschlaf ist Isolator und Speicher zugleich, der bis zum Frühjahr verbraucht ist. Bei der Frau sind Brüste und Po Energiespeicher für eine Schwangerschaft. Wenn sie jedoch Diäten macht, um die "Bikinifigur" zu erreichen, werden die Reserven von Brust und Po mobilisiert und kommen als Bauchspeck, also als Isolator wieder.

Literatur:
Kleiber M, Gütte JO: Der Energiehaushalt von Mensch und Haustier. Parey, Hamburg 1967
Stanier MW et al: Energy Balance and Temperature Regulation. Cambridge University Press, Cambridge 1984
McNeill Alexander R: Energy for Animal Life. Oxford University Press, Oxford 1999
Blumberg MS: Body Heat. Harvard University Press, Cambridge 2002

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