Dienstag, 16. September 2014MESZ11:28 Uhr

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsWalsers beschädigtes Ego
Der Schriftsteller Martin Walser

"Schreiben und Leben" heißt der neu veröffentlichte vierte Teil der Tagebücher von Martin Walser: Der beste, spannendste und intimste Band bisher, resümiert die "Berliner Zeitung" – voller Sehnsucht nach Bestätigung.Mehr

weitere Beiträge

Fazit

Lemberger BuchforumBücher und Kriegsdebatten
Blick auf die Stadt Lviv, ehemals Lemberg, im Westen der Ukraine

Die Stimmung bei der größten ukrainischen Buchmesse war in der Spätsommerhitze harmonisch und geschäftig. Bestimmendes Thema der Debatten in Lviv: der Krieg im Osten des Landes und seine Folgen für das Selbstverständnis der Ukraine.Mehr

OperEmpört stammelt die Sängerin
Oper und Schauspiel in Frankfurt am Main

In Rolf Riehms Oper krachen die Künste lustvoll aufeinander: Mit Musik, Akrobatik, Gesang und Video hat er einen klassischen Stoff in eine kunstvolle Performance umgewandelt. Die Tragödie ist an manchen Stellen sogar witzig geworden.Mehr

Maxim Gorki Theater BerlinSex-Ulk und heftige Hiebe
Thomas Wodianka und Orit Nahmias spielen in der Fotoprobe am 10.09.2014 eine Szene aus dem Stück "Erotic Crisis" von Yael Ronen  im Maxim Gorki Theater in Berlin. 

Leichtgewichtig startet das Berliner Maxim Gorki Theater in die Saison: In "Erotic Crisis" wird am frisch gekürten "Theater des Jahres" wenig originell gestöhnt. Die ambitionierte Choreografie "Fallen" schmerzt beim Zuschauen.Mehr

weitere Beiträge

Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.09.2010

Überfordert vom vermeintlichen Glück

Leo Tolstois "Anna Karenina" am Müncher Volkstheater

Von Christoph Leibold

Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi starb im November vor 100 Jahren.
Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi starb im November vor 100 Jahren. (AP Archiv)

Der Akzent in dieser Bühnenadaption ist klug verschoben: Weg von der altmodischen Tragödie einer Ehebrecherin, hin zum Dilemma eines modernen Individuums, das sich frei für sein Glück entscheidet und dabei sein Unglück verschuldet.

Ehebruch? Allein das Wort klingt heute fast schon antiquiert. Zu Tolstois Lebzeiten, war das, was seine Titelheldin Anna Karenina tat (den Ehemann verlassen für einen Geliebten nämlich) noch strengen gesellschaftlichen Sanktionen unterworfen. Heute, wo bald jede zweite Ehe geschieden wird, sind freie Partnerwahl und -wechsel normal. Doch mit der Freiheit wächst die Eigenverantwortung. Und damit der Druck, alles richtig zu machen, um glücklich zu werden.

In der Bühnenadaption von Tolstois "Anna Karenina" am Münchner Volkstheater ist klug der Akzent verschoben: Weg von der tendenziell altmodischen Tragödie einer Ehebrecherin, hin zum Dilemma eines modernen Individuums, dass sich frei für sein Glück entscheiden will und dabei sein Unglück verschuldet.

Diese Verschiebung verdankt sich zum einen der Textfassung von Armin Petras, die die weitverzweigte Handlung samt breit angelegtem Gesellschaftstableau gezielt auf den wesentlichen Handlungskern und sieben zentrale Figuren reduziert; und zum anderen der Regie von Frank Abt.

Allein wie Frank Abt das Aufeinandertreffen von Anna und ihrem Liebhaber Wronski inszeniert, wie Robin Sondermann in überbordendem, ja fast verkrampftem Enthusiasmus auf Barbara Romaner einstürmt, und wie sie verstört, verschüchtert darauf reagiert – allein das erzählt Bände von der Überforderung, die die Ermächtigung, das eigene Glück in die Hand zu nehmen, bedeuten kann.

Trotz dieser bitteren Erkenntnis ist diese rundum geglückte Theaterarbeit nie zynisch, sondern geprägt von großer Menschlichkeit, auch von leiser Komik. Und: getragen von einem hinreißend zusammenspielenden Ensemble.