Freitag, 4. September 2015MESZ23:04 Uhr

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsDie Fotos von Aylan bewegen die Welt
Ein türkischer Polizist trägt ein totes Kind im Arm und bringt es vom Strand weg. Der Oberkörper des Kindes wird vom Körper des Polizisten verdeckt.. (AFP)

Die Feuilletons diskutieren das tragische Schicksal des ertrunkenen dreijährigen Flüchtlings. Es sei die Perspektive des Fotografen, die diese Bilder so beeindruckend machten, schreibt etwa die "taz". Die "Welt" fragt, ob die Bilder des Toten abgedruckt werden müssen.Mehr

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Fazit

Rimini-ProtokollNüchterner Abend mit "Mein Kampf"
Die Schauspieler des Berliner Theaterkollektivs Rimini Protokoll stehen und sitzen im E-Werk in Weimar zu dem Theaterstück "Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2" auf der Bühne.  (dpa/ picture-alliance/ Sebastian Kahnert)

Ab 2016 ist "Mein Kampf" nicht mehr urheberrechtlich geschützt und jeder kann es sich dann quasi aneignen, es dramatisieren oder verlegen. Für das Kunstfest Weimar hat sich die Theatergruppe Rimini Protokoll allerdings schon jetzt das Buch und seine Geschichte vorgenommen.Mehr

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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.09.2010

Überfordert vom vermeintlichen Glück

Leo Tolstois "Anna Karenina" am Müncher Volkstheater

Von Christoph Leibold

Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi starb im November vor 100 Jahren. (AP Archiv)
Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi starb im November vor 100 Jahren. (AP Archiv)

Der Akzent in dieser Bühnenadaption ist klug verschoben: Weg von der altmodischen Tragödie einer Ehebrecherin, hin zum Dilemma eines modernen Individuums, das sich frei für sein Glück entscheidet und dabei sein Unglück verschuldet.

Ehebruch? Allein das Wort klingt heute fast schon antiquiert. Zu Tolstois Lebzeiten, war das, was seine Titelheldin Anna Karenina tat (den Ehemann verlassen für einen Geliebten nämlich) noch strengen gesellschaftlichen Sanktionen unterworfen. Heute, wo bald jede zweite Ehe geschieden wird, sind freie Partnerwahl und -wechsel normal. Doch mit der Freiheit wächst die Eigenverantwortung. Und damit der Druck, alles richtig zu machen, um glücklich zu werden.

In der Bühnenadaption von Tolstois "Anna Karenina" am Münchner Volkstheater ist klug der Akzent verschoben: Weg von der tendenziell altmodischen Tragödie einer Ehebrecherin, hin zum Dilemma eines modernen Individuums, dass sich frei für sein Glück entscheiden will und dabei sein Unglück verschuldet.

Diese Verschiebung verdankt sich zum einen der Textfassung von Armin Petras, die die weitverzweigte Handlung samt breit angelegtem Gesellschaftstableau gezielt auf den wesentlichen Handlungskern und sieben zentrale Figuren reduziert; und zum anderen der Regie von Frank Abt.

Allein wie Frank Abt das Aufeinandertreffen von Anna und ihrem Liebhaber Wronski inszeniert, wie Robin Sondermann in überbordendem, ja fast verkrampftem Enthusiasmus auf Barbara Romaner einstürmt, und wie sie verstört, verschüchtert darauf reagiert – allein das erzählt Bände von der Überforderung, die die Ermächtigung, das eigene Glück in die Hand zu nehmen, bedeuten kann.

Trotz dieser bitteren Erkenntnis ist diese rundum geglückte Theaterarbeit nie zynisch, sondern geprägt von großer Menschlichkeit, auch von leiser Komik. Und: getragen von einem hinreißend zusammenspielenden Ensemble.