Samstag, 1. November 2014MEZ09:23 Uhr

Kulturpresseschau

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Fazit

Elaine SturtevantDie Crazy Cat ihrer Generation
Die Künstlerin Elaine Sturtevant posiert am 04.06.2011 in Venedig bei der Eröffnung der 54.Kunstbiennale Venedig vor der Preisverleihung für die Fotografen.

Das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt zeigt das grafische Werk Elaine Sturtevants - einschließlich 80 bisher noch nicht veröffentlichter Zeichnungen. Für Kurator Mario Kramer war die Künstlerin ein Augenöffner.Mehr

Goethe 2.0Das Leben eines Universalgenies digital
Auf dem Bild "Goethe in der römischen Campagna" von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein liegt Goethe hingebettet vor einer italienischen Landschaft

Es ist eines der größten geisteswissenschaftlichen Forschungsprogramme der Bundesrepublik: "Propyläen. Forschungsplattform zu Goethes Biographica", nennt es sich. Wird der moderne Mensch den alten Dichter durch die digitalen Medien besser verstehen? Mehr

Filme der WocheSolidarität in den 80ern und heute
Die belgischen Brüder Jean-Pierre (l) and Luc Dardenne (r) bei der Vorstellung ihres Films "Zwei Tage, eine Nacht" beim Valladolid International Film Festival in Spanien, aufgenommen am 18.10.2014

Engagement, Kooperation und Mitgefühl auf der Leinwand: Das mitreißende britische Sozialdrama "Pride" punktet mit Spaß und Pointen; "Zwei Tage, eine Nacht" der Gebrüder Dardenne zeigt den Kampf einer Angeschlagenen in einem Klima sozialer Kälte.Mehr

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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.09.2010

Überfordert vom vermeintlichen Glück

Leo Tolstois "Anna Karenina" am Müncher Volkstheater

Von Christoph Leibold

Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi starb im November vor 100 Jahren.
Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi starb im November vor 100 Jahren. (AP Archiv)

Der Akzent in dieser Bühnenadaption ist klug verschoben: Weg von der altmodischen Tragödie einer Ehebrecherin, hin zum Dilemma eines modernen Individuums, das sich frei für sein Glück entscheidet und dabei sein Unglück verschuldet.

Ehebruch? Allein das Wort klingt heute fast schon antiquiert. Zu Tolstois Lebzeiten, war das, was seine Titelheldin Anna Karenina tat (den Ehemann verlassen für einen Geliebten nämlich) noch strengen gesellschaftlichen Sanktionen unterworfen. Heute, wo bald jede zweite Ehe geschieden wird, sind freie Partnerwahl und -wechsel normal. Doch mit der Freiheit wächst die Eigenverantwortung. Und damit der Druck, alles richtig zu machen, um glücklich zu werden.

In der Bühnenadaption von Tolstois "Anna Karenina" am Münchner Volkstheater ist klug der Akzent verschoben: Weg von der tendenziell altmodischen Tragödie einer Ehebrecherin, hin zum Dilemma eines modernen Individuums, dass sich frei für sein Glück entscheiden will und dabei sein Unglück verschuldet.

Diese Verschiebung verdankt sich zum einen der Textfassung von Armin Petras, die die weitverzweigte Handlung samt breit angelegtem Gesellschaftstableau gezielt auf den wesentlichen Handlungskern und sieben zentrale Figuren reduziert; und zum anderen der Regie von Frank Abt.

Allein wie Frank Abt das Aufeinandertreffen von Anna und ihrem Liebhaber Wronski inszeniert, wie Robin Sondermann in überbordendem, ja fast verkrampftem Enthusiasmus auf Barbara Romaner einstürmt, und wie sie verstört, verschüchtert darauf reagiert – allein das erzählt Bände von der Überforderung, die die Ermächtigung, das eigene Glück in die Hand zu nehmen, bedeuten kann.

Trotz dieser bitteren Erkenntnis ist diese rundum geglückte Theaterarbeit nie zynisch, sondern geprägt von großer Menschlichkeit, auch von leiser Komik. Und: getragen von einem hinreißend zusammenspielenden Ensemble.