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Profil / Archiv | Beitrag vom 15.02.2012

Über Nacht ein Filmstar

Die iranische Schauspielerin Taraneh Alidoosti

Von Gerd Brendel

Die iranische Schauspielerin Taraneh Alidoosti. (picture alliance / dpa)
Die iranische Schauspielerin Taraneh Alidoosti. (picture alliance / dpa)

Mit einem Film über eine 15-Jährige, die schwanger wird und ihr Kind behalten will, wurde Taraneh Alidoosti im Iran bekannt. Auf der Berlinale ist sie in einem neuen Film zu sehen. In den Kindheitserinnerungen der 28-Jährigen spielt ein Dorf in Deutschland eine wichtige Rolle.

Szene aus dem Film: "Und wer bist Du? - Ich heiße Taraneh , 15 Jahre alt."

Besuchstag in einem iranischen Gefängnis. Ein junges Mädchen nennt dem Gefängniswärter seinen Namen und leert seinen Rucksack mit den Zigaretten für ihren Vater aus, den sie besuchen will. Es ist die erste Szene des Films: Taraneh, 15 Jahre aus dem Jahr 2002. Er erzählt die Geschichte einer jungen ledigen Frau , die schwanger wird und sich allen Widrigkeiten zum Trotz dafür entscheidet, ihr Kind allein zur Welt zu bringen. Der Film wurde ein Kassenschlager und seine Hauptdarsteller, die 17-jährige Taraneh Alidoosti wurde über Nacht ein Star.

Taraneh Alidoosti: "Es war wie ein Wunder; die Figur wurde zu einer Heldin für iranische Frauen, im Film hieß ich auch noch genauso wie in Wirklichkeit, der Film wurde ein Riesenerfolg und auf dem Filmfestival von Locarno bekam ich dafür 2002 den Preis für die beste weibliche Hauptrolle."

Zehn Jahre später sitzt Taraneh Alidoosti in einem Berliner Café und erinnert sich. Als Teenager träumte Taraneh von einer Karriere als Klarinettistin, aber:

"Ich hab's auf dem Konservatorium einfach nicht mehr ausgehalten, aber irgendwas mit Kunst wollte ich unbedingt machen. Auf die Idee mit der Schauspielerei kam ich beim Blättern in Zeitschriften. Super, dachte ich, spreche ich halt zum Spaß in einer Schauspielschule vor."

Zu ihrer eigenen Überraschung wurde Taraneh aufgenommen und vier Wochen später hatte sie ihre große Filmrolle: als 15-jährige ledige Mutter.

Taraneh Alidoosti machte Karriere, auch international. Auf der diesjährigen Berlinale ist sie zum zweiten Mal mit einem Film vertreten: "Paziraie Saddeh" (Modest reception – Bescheidenes Willkommen). Regisseur Mani Haghighi erzählt darin die Geschichte eines Paares unterwegs in einer unwirtlichen Bergregion, die Säcke mit Geldscheinen verteilen wollen und damit scheitern. Ein Kammerspiel, dass an eine Brechtsche Parabel erinnert. Zum Schlussapplaus bedankt sich Alidoosti, modische Leggins, einen Schal locker über das Haar gelegt, in fast akzentfreiem Deutsch. Gelernt hat sie die Sprache als kleines Kind als ihr Vater, ein bekannter iranischer Profifußballer Ende der 80er-Jahre für den pfälzischen Zweitlegisten SFV Salmrohr spielte.

"Und zwar in einem deutschen Dorf … in the middle of nowhere. Ich war zwei, drei, vier Jahre."

Und so kommt es, dass Taranehs frühste Erinnerungen in der südwestdeutschen Provinz spielen:

"Das Erste, woran ich mich erinnere, ist mein deutscher Kindergarten. Das ist schon komisch: Wenn Leute von ihrer Kindheit erzählen, geht es immer um vertraute Orte, aber meine Erinnerungen spielen alle in einem Dorf in Deutschland, weit, weit weg davon, wie ich jetzt lebe."

Bis heute besucht die iranische Schauspielerin regelmäßig das Dorf bei Trier und ihre deutsche "Ersatzmutter" , die sich damals um die fremde Familie kümmerte.

"Ich kehre jedes Mal voller Liebe zurück, weil ich die Ruhe im Dorf mag und die Vorhersehbarkeit."

Vorhersehbar ist ansonsten wenig im Leben von Taraneh Alidoosti. Als Schauspielerin im Iran kann man sich auf wenig verlassen, am wenigsten darauf, dass die Zensur den nächsten Film passieren lässt:

"Es hängt immer davon ab, wer gerade regiert, wer in der Regierung sitzt und wer nicht. Manchmal kann ich mehr Haar zeigen, manchmal nicht. Manchmal darf ich als weibliche Rolle rauchen, manchmal nicht."

In Alidoostis letztem Film "Modest Reception" kann man die Zigarette der Hauptdarstellerin nur erahnen, die eindeutige Raucherszene wurde rausgeschnitten - nach drei Tagen Verhandlungen mit den Zensor.

"In diesem Treffen mit dem Zensor ging es nur darum herauszufinden, was hält das Team aus, wird der Regisseur irgendwann explodieren? Wird er irgendetwas Falsches sagen oder nach Berlin fahren und ein Riesenfass aufmachen?"

Taraneh Alidoosti hat sich entschieden für die Arbeit mit der unberechenbaren Zensurbehörde und einem Leben in ihrer Heimat. Vor kurzem hat sie geheiratet:

"Wir sind Kinderfreunde, und hatten uns, seit seine Familie vor 14 Jahren nach Kanada umzog, nicht mehr gesehen."

Mittlerweile lebt das junge Paar gemeinsam in Teheran.

"Ich habe mich dagegen entschieden, irgendetwas zu machen, was meine Heimreise unmöglich machen könnte. Auf der ganzen Welt machen Künstler, was sie wollen, aber ich glaube das Publikum im Iran braucht mich mehr als die Welt da draußen."

Beliebt ist Taraneh Alidoosti allerdings auch in Berlin. Ein letztes Bild für die Fans, Alidoosti zieht ihren Schal ein bisschen tiefer in die Stirn und lächelt in die Kamera.

Links bei dradio.de:

Sammelportal Berlinale 2012 auf dradio.de

Gesamtübersicht: Unser Programm zur 62. Berlinale - <br> Alle Infos zum Filmfestival bei dradio.de

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