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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 23.04.2013

Über echten, nicht nur gefühlten Unsinn

Insbesondere die Medien sollten die "gefühlten Lösungen" auch als solche entlarven

Von Markus Reiter

"Gefühlt" oder in echt? (Stock.XCHNG/Davor Fanton)
"Gefühlt" oder in echt? (Stock.XCHNG/Davor Fanton)

Alles begann mit der "gefühlten Temperatur". Zahlen und Daten erscheinen uns oft so nackt, dass wir offenbar glauben, sie emotional verpacken zu müssen. Doch das meiste dieser Gefühlsduselei ist kein gefühlter, sondern echter Unsinn, findet der Publizist Markus Reiter.

Es fing mit der "gefühlten Temperatur" an. Das Thermometer mochte zwar über zwanzig Grad zeigen, aber einige Menschen fröstelten dennoch. Sie zweifelten an den objektiven Daten des Thermometers. Das brachte die Meteorologen so sehr in Verlegenheit, dass sie die "gefühlte Temperatur" erfanden.

Sie mag noch eine gewisse Berechtigung besitzen. Immerhin können ein scharfer Wind oder eine hohe Luftfeuchtigkeit in der Tat dazu führen, dass man die gleiche Temperatur an unterschiedlichen Tagen anders wahrnimmt.

Nach der "gefühlten Temperatur" kam die "gefühlte Inflationsrate". Inflation wird mit sehr aufwendigen Methoden gemessen. Statistiker stellen einen repräsentativen Warenkorb zusammen, der das Konsumverhalten eines Durchschnittshaushaltes widerspiegelt. Dafür beziehen sie Preise ein, die man im Alltag nicht im Blick hat, zum Beispiel für Küchenelektronik oder Schuhe.

Nun kann man mit guten Argumenten die Zusammenstellung des Warenkorbs kritisieren. Diese Argumente müssen aber nachvollziehbar und in Zahlen ein verändertes Konsumverhalten der Bevölkerung belegen. Stattdessen haben die Leute aber lediglich Gefühl, dass "irgendwie alles teurer wird". Sie bemerken, dass ein Salatkopf im Winter mehr kostet als im Herbst oder der Lieblingsitaliener den Preis für einen Cappuccino angehoben hat. Folglich sprachen viele fortan von der "gefühlten Inflation". Das heißt, man misst vielleicht nur einen Preisanstieg von zwei Prozent, aber irgendwie ist die Lage gefühlt schlimmer.

Inzwischen hat diese Gefühlsduselei immer mehr Lebensbereiche erfasst. So spricht man von der "gefühlten Armut", wenn Menschen zwar objektiv nicht arm sind, aber das Gefühl haben, arm zu sein, weil sich ihre Nachbarn mehr leisten können als sie. Oder es ist die Rede von der "gefühlten Sicherheit", wenn laut Kriminalstatistik die Verbrechensquote zwar gesunken ist, die Menschen sich aber irgendwie unsicherer fühlen.

Kürzlich klagte ein Leserbriefschreiber sogar, dass die Sonne in diesem Winter zu wenig scheine. Es gebe so schrecklich wenig "gefühlte Sonnenstunden". Nun können Meteorologen die Sonnenstunden in einem Monat zählen. Ob man hingegen das Gefühl hat, dass es sonnig ist oder nicht, hängt von den persönlichen Lebensumständen ab.

Wer nie nach draußen geht und die Jalousien herunterlässt, wird mit gefühlten Null-Sonnenstunden auskommen müssen. Ein Sportjournalist berichtete kürzlich, im Stadion hätten sich "gefühlte 50.000 Zuschauer" befunden. Mein lieber Herr Kollege: Die genaue Zahl der Zuschauer kann man durch einen kurzen Anruf beim Pressesprecher des Stadions klären.

Und da wird das Gefühlte politisch. Wenn gute Recherche egal ist, wenn egal ist, ob die Kriminalität messbar zurückgeht, wenn es keine Rolle spielt, ob Armut anhand klar definierter Kennziffern steigt oder sinkt, wenn die statistische Inflationsrate gleichgültig wird, dann brauchen sich Politiker auch nicht um reale Probleme zu kümmern. Dann reicht es, wenn sie "gefühlte Lösungen" präsentieren.

Machen wir uns nichts vor: Viele Bürger und viele Politiker haben keine Lust, ihre Gefühlswelt durch nicht genehme Fakten in Unordnung zu bringen. Zumindest die Journalisten aber sollten sich davor hüten. Es ist der Kern ihrer Aufgaben, sauber zu recherchieren, was sich objektiv erfassen lässt. Nur mit nachvollziehbar ermittelten Fakten kann die Gesellschaft echten Problemen mit echten Lösungen entgegnen. Wo es um Zahlen geht, müssen Gefühle schweigen.

Markus Reiter (die arge lola)Markus Reiter (die arge lola)Markus Reiter arbeitet als Schreibtrainer, Journalist und Publizist. Er studierte Politikwissenschaft, Volkswirtschaftslehre und Geschichte an den Universitäten in Bamberg und Edinburgh sowie an der FU Berlin. Unter anderem war er Feuilletonredakteur der FAZ und schreibt Bücher über Kultur, Sprache und Kommunikation. Mehr unter www.klardeutsch.de

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