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Über die kompliziertesten Gebilde der Atmosphäre

Stéphane Audeguys ehrgeiziges Romandebüt "Der Herr der Wolken"

Rezensiert von Edelgard Abenstein

Künstlerische Beschäftigung mit Wolken: William Turners Strand von Calais, Niedrigwasser. Französische Poissards beim Einsammeln von Ködern, 1830
Künstlerische Beschäftigung mit Wolken: William Turners Strand von Calais, Niedrigwasser. Französische Poissards beim Einsammeln von Ködern, 1830 (Bury Art Gallery and Museum, Lancashire)

Der Franzose Stéphane Audeguy hat mit "Der Herr der Wolken" einen historischen Wissenschaftsroman geschrieben. Ein international gefeierter Modeschöpfer, der in Paris lebende Japaner Akira Kumo, zieht sich aus dem Berufsleben zurück. Er möchte sich nur noch mit seinem Lieblingsthema, den Wolken, beschäftigen.

Um die letzten Dingen haben sich die Schriftsteller immer schon gekümmert, um die Fragen nach Gott und die Seele, um Theologisches, um Philosophisches also. Mit einem Wort: um die Metaphysik. Ihre große Schwester aber, die Naturwissenschaft, vernachlässigte die Literatur als Sujet, von Ausnahmen wie Durs Grünbein und Hans Magnus Enzensberger abgesehen, jahrzehntelang.

Spätestens seit dem fulminanten Erfolg von Daniel Kehlmanns "Vermessung der Welt" über Alexander von Humboldt und den Mathematiker Carl Friedrich Gauss scheint dies hierzulande zumindest anders. Ein Jahr vor seinem deutschen Kollegen wählte der vierzigjährige Franzose Stéphane Audeguy gleichfalls ein Thema aus den physikalisch zu erkundenden Regionen. "Der Herr der Wolken", auf französisch "Théorie des nuages", ist ebenso ein historischer Wissenschaftsroman, der mit einem Schwerpunkt im 19. Jahrhundert durch die Zeiten bis in die Gegenwart mäandert.

Ein international gefeierter Modeschöpfer, der in Paris lebende Japaner Akira Kumo, zieht sich aus dem Berufsleben zurück, um sich seinen größten Traum zu erfüllen. Er stellt die junge Bibliothekarin Virginie Latour an, um seine riesige Sammlung zum Thema Wolken zu ordnen und katalogisieren zu lassen. Dieser jungen Frau erzählt er im Verlauf von Monaten über die Herkunft der einzelnen Bände und über die Wissenschaftler, die sie verfassten: über den Quäker Luke Howard, der als erster die einzelnen Wolkentypen in Cirrus, Cumulus, Stratus, Nimbus klassifizierte, über den Maler Carmichael, der beim Betrachten, Zeichnen und Aquarellieren von Wolken schwermütig wurde, über den Weltreisenden Abercrombie, nach dessen letzten Aufzeichnungen in der Wissenschaftswelt fieberhaft gesucht wird sowie über den Mathematiker und Meteorologen Lewis Fry Richardson.

Während Howard und Richardson tatsächlich gelebt haben, sind der Maler und Abercrombie frei erfunden, was aber ohne Bedeutung für die Abfolge der Erzählung ist. Abercrombie, der Anfang des 20. Jahrhunderts die Welt umrundet, um überall Wolken für einen meteorologischen Atlas zu fotografieren, erweist sich als die interessanteste Figur des Romans. Seine Abenteuer in der Wildnis, mit brutal hingemetzelten Menschenaffen etwa, aber auch seine erotischen Eskapaden bilden dramatische Höhepunkte.

Wie eine russische Puppe in der Puppe ist der Roman gebaut. Raffiniert fließen die Erzählungen ineinander, die Schicksale der historischen Helden ebenso wie die der Gegenwart. Akira Kumo gerät bei der Schilderung der vergangenen Episoden immer wieder in seine eigene Geschichte, sein traumatisiertes Leben, das seit 1945, als an einem wolkenlosen Augusttag die Bombe über Hiroshima fiel, unrettbar verloren ist.

Audeguy hält konsequent zwei Tonfälle durch, den sachlich-nüchternen Bericht und immer wieder Ausflüge zum metapherngesättigten Märchenklang. Während er nahezu ausschließlich im Präsens erzählt, die eine manchmal künstliche Unmittelbarkeit erzeugt, verzichtet er andererseits durchgängig auf die wörtliche Rede. Doch bei aller Gelehrtheit kommt auch die Ironie nicht zu kurz, beim Verstreuen der Asche der Nachlassverwalterin eines großen Forschers etwa.

Allerdings führt gerade die stilistische Konsequenz wie jede Art von Eintönigkeit mitunter zum Überdruss beim Lesen. Möglicherweise fand die Übersetzung für die poetische Schönheit, die man dem Roman in Frankreich allenthalben zumaß, im Deutschen nicht immer das rechte sprachliche Mittel, wenn es, in erotischen Szenen etwa, "ihr" ohne weiteres "besorgt" wird. Auch wenn die deutsche Fassung manchmal zu schnoddrig, manchmal zu steif daherkommt, so scheint sie insgesamt doch durchaus sorgfältig gearbeitet.

Der Herr der Wolken ist zweifellos ein ehrgeiziges Romandebüt über Phänomene, die nicht nur den Meteorologen als die kompliziertesten Gebilde der Atmosphäre gelten, über die Unfassbarkeit eines physikalischen Ereignisses, das aufs schönste in den Metamorphosen des Lebens wiederscheint.


Stéphane Audeguy, Der Herr der Wolken
Aus dem Französischen von Elsbeth Ranke.
SchirmerGraf Verlag, München 2006, 320 Seiten

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