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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.09.2012

Über die Gefühle des Arztes am Krankenbett

Thomas Meinertz: "Herzangelegenheiten - Fallgeschichten auf Leben und Tod", C.H.Beck, 222 Seiten

Ein Elektrokardiogramm stellt die elektrische Aktivität des Herzens dar. (picture alliance / dpa / Alice Mikyna)
Ein Elektrokardiogramm stellt die elektrische Aktivität des Herzens dar. (picture alliance / dpa / Alice Mikyna)

Der Kardiologe Thomas Meinertz erzählt aus seinem Klinikalltag. Es sind Geschichten voller Wärme und mit jähen Wendungen. Immer geht es um die schicksalhafte Beziehung zwischen Arzt und Patient.

Auf der Intensivstation fangen die Herzkammern der Patientin immer wieder an zu flimmern. An ihrem Bett wacht übermüdet der Facharzt, den Blick auf das EKG geheftet. Ein ums andere Mal springt er auf und presst das Elektroschockgerät auf die Brust der Frau. Die ganze Nacht geht das so, bis zum Morgengrauen.

Neunzehn Fallgeschichten aus seinem Klinikalltag erzählt der Kardiologe Thomas Meinertz in dem Buch "Herzangelegenheiten" - Geschichten voller Wärme und jähen Wendungen. Eine Frau muss sich einer schweren Herz-Operation unterziehen. Doch die Ärzte entdecken, dass sie schwanger ist. Kann das Kind den Eingriff überleben? Eine massiv übergewichtige Patientin mit eingeengter Aortenklappe wird eingeliefert. Ihr ungepflegter, von Pilzen befallener Körper verursacht dem Arzt Übelkeit. Dennoch nimmt er ihre Hand, um sie zu trösten. In ihrem Zustand kann man sie jedoch nicht operieren. Wird sie Sport treiben, abnehmen? Oder wird die Herzkrankheit schneller voranschreiten, als ihr Überlebenswille erwachen kann?

Unerwartet, mitten im Buch, präsentiert der Autor seine eigene Krankengeschichte. Herzrhythmusstörungen. Er will das kaum glauben - ein Kardiologe kann doch nicht selbst herzkrank sein. Akribisch beobachtet der Erzähler seinen pausierenden, stolpernden Herzschlag und therapiert sich selbst mit Tabletten und Elektroschocks, ohne nachhaltig helfen zu können. Erst nach Jahren ist er bereit, sich in die Hände eines Kollegen zu begeben und operieren zu lassen.

Thomas Meinertz schreibt schlicht, ohne Eitelkeit. Viele Erzählungen ähneln Skizzen, enden in einer melancholischen Schwebe. Auf medizinisches Fachvokabular verzichtet er weitgehend, meidet sorgsam Effekte und Pointen - und entschuldigt sich nach all der Bescheidenheit im Nachwort noch dafür, dass er selbst als behandelnder Kardiologe in dem Buch eine größere Rolle spielt.

Allen seinen Fallgeschichten - die persönliche eingeschlossen - ist eines gemeinsam: Es liegt ein irritierender Subtext darunter, eine zweite, möglicherweise vom Autor nicht einmal bewusst platzierte Geschichte. Sie erzählt von der Entfremdung zwischen Arzt und Patient. Obgleich der Kardiologe die ihm anvertrauten Menschen mit großem Mitgefühl behandelt - mitunter weint er sogar am Krankenbett -, zeigen sich die Patienten in den meisten Episoden uneinsichtig, manchmal geradezu halsstarrig. Sie begreifen das Ausmaß ihrer gesundheitlichen Nöte nicht, ignorieren die Ratschläge der Ärzte, verlassen das Krankenhaus zu früh, kehren zu selten zu Vorsorgeuntersuchungen zurück. Einige sterben an ihrer uferlosen Skepsis.

Technisierung und ökonomischer Druck dürften nie dazu führen, betont der Autor im Nachwort, dass die Mitte des Arztberufes - das Vertrauen der Patienten, das Mitgefühl der Ärzte - verloren gehe. Seine meisterhaften Geschichten sind schon erfüllt von der Trauer über diesen Verlust.

Besprochen von Susanne Billig

Thomas Meinertz: Herzangelegenheiten - Fallgeschichten auf Leben und Tod
C.H.Beck, München 2012
222 Seiten, 18,95 Euro