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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 19.02.2016

Udo Pollmer über KarottenVon wegen gut für die Augen!

Von Udo Pollmer

Auch Möhren mögen's kuschelig: Gleich zwei Karotten-Pärchen, die sich eng umschlungen halten, hat die neunjährige Annika bei der Möhrenernte in Omas Garten gefunden (Foto vom 27.10.1999). (picture-alliance / dpa / Erwin Elsner)
Udo Pollmer fordert, Möhren stärker auf ihren Gehalt an schädlichen Naturpestiziden zu untersuchen. (picture-alliance / dpa / Erwin Elsner)

Karotten sind beliebt. Mehr noch: Das knackige Gemüse ist zum Symbol für eine gesunde Kost geworden. Udo Pollmer widerspricht. Ihn stört vor allem das satte Orange der Möhren, das die Niederländer im 17. Jahrhundert in das Gemüse hineingezüchtet haben sollen.

Wie alle wasserreichen Gemüse stehen auch Karotten im vorzüglichen Ruf, "gesund" zu sein. Zu den stolzen 88 Prozent Wasser – garantiert kalorienfrei - kommt noch eine satte Dosis an ß-Carotin, dem "supergesunden" Lebensmittelfarbstoff E 160 a. Da Möhren dank ihres leicht süßen Geschmacks auch von Kindern akzeptiert werden, bekommen die Kleinen von übereifrigen Eltern schon mal eine Überdosis verpasst. Dann verfärbt sich die Haut gelb und der Arzt stellt die Diagnose Karotten-Ikterus aus. Sieht aus wie Gelbsucht – ist aber zum Glück keine echte. Da die Farbstoff-Gehalte in den letzten Jahrzehnten durch Züchtung dramatisch erhöht wurden, auf bis zu einem Gramm Farbstoff pro Kilo Möhren, steigt das Risiko.

Dabei waren die natürlichen Urformen der Karotte durchweg farblos oder purpurfarben. Das satte Orange stammt von den Holländern, sie haben im 17. Jahrhundert ihre Nationalfarbe hineingezüchtet. Die bleichen Wildmöhren taugen nicht als Nahrungsmittel. Sie liefern keine verwertbaren Nährstoffe – der Zucker wurde erst viel später von Züchtern in die holzige Wurzel hineingepfriemelt. Stattdessen ist die Wildform reichlich mit Abwehrstoffen, mit natürlichen Pestiziden gesegnet, um in freier Wildbahn überleben zu können.

Die wichtigsten Natur-Pestizide der Wildmöhre sind die sogenannten Polyacetylene: Sie halten Insekten, Pilze, Bakterien und Säugetiere fern. Polyacetylene schmecken nicht umsonst bitter, scharf und beißend. Daher rührt übrigens auch der lateinische Name der Karotte "Daucus carota". Er leitet sich von Griechisch δαῦκος, d. h. "brennend", ab.

Wildmöhren nicht zum menschlichen Verzehr geeignet

Als vor einem halben Jahrhundert die Entdeckung der Polyacetylene in Möhren die Runde machte, wurden diese noch als Kuriosum betrachtet. Ein Kilo Karotten enthielte gerade mal ein Milligramm, schrieben damals die Gazetten. Der Mensch müsse schon das zehnfache seines Eigengewichtes verzehren, um Schaden zu nehmen. Heute haben wir bessere analytische Methoden, um die Gehalte zu bestimmen. Aktuell werden in unseren Kulturmöhren bis zu 100 Milligramm an natürlichen Pestiziden pro Kilo angetroffen und in Wildmöhren bis zu 6 Gramm pro Kilo. Deshalb sind Wildmöhren nicht zum menschlichen Verzehr geeignet.

Unbeeindruckt verbreiten Gesundheitsmagazine, es handele sich um wahre Wundermittel: Den Polyacetylenen werden antiallergische Wirkungen bescheinigt und den Käufern – natürlich – die Heilung von Krebs in Aussicht gestellt. Dabei beruft man sich auf allerlei Reagenzglasversuche. Dummerweise entpuppten sich die Wunderstoffe bei Verzehr als starke Allergene, und zu allem Überfluss verursachen sie eher Krebs als dass sie ihn verhindern. Polyacetylene sind hochreaktiv, jedem Chemiker stehen da die Haare zu Berge. Wie so oft bei Gesundheitsversprechen auf dem schlüpfrigen Boden der Ernährungstippkultur ist wieder einmal das Gegenteil zutreffend.

In der Antike wurde die Urform, die Wilde Möhre, zur Empfängnisverhütung und zur Abtreibung verwendet. Neuzeitliche Tierversuche haben diese Effekte bestätigt. Noch heute lassen sich sogar bei der Kulturmöhre schwache hormonelle Wirkungen am Tier demonstrieren. Aufgrund des züchterischen Fortschritts braucht sich jedoch niemand vor einer Portion Karottengemüse zu fürchten, allerdings seien Schwangere – und nicht nur diese – vor einseitigen Karottendiäten gewarnt.

Bei Tieren verursachten Nervengifte von Möhren Hirnschäden

Bedenklich ist die Nervengiftigkeit: In einer aktuellen Studie beklagen die Autoren, Polyacetylene in Nahrungspflanzen seien starke Nervengifte, die leider nur unzureichend untersucht seien. Als sie davon ihren Versuchstieren sieben Tage lang nur wenige Milligramm pro Kilo Körpergewicht verfütterten, beobachteten sie schwere Schäden im Gehirn. Es ist also höchste Zeit, Möhrensorten bei der Zulassung auf ihre Gehalte an fragwürdigen Natur-Pestiziden zu prüfen – es gibt schließlich genug polyacetylen-arme Sorten.

Über die Langzeitfolgen ist bisher nichts bekannt. Bekannt ist hingegen, dass ein Karotten-Polyacetylen (Falcarinol) in der Fachliteratur als chemischer Kampfstoff aufgelistet ist. Von wegen gut für die Augen. Mahlzeit!

 

Literatur

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