Seit 01:05 Uhr Tonart
 
Montag, 30. Mai 2016MESZ04:55 Uhr

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 12.08.2010

Tugendterror und Städtepartnerschaft

Iranerin Sakineh droht Steinigung oder der Galgen

Von Matthias Küntzel

Bislang ist es hierzulande um die Unterstützung von Frauen wie Sakineh eher schlecht bestellt.  (AP)
Bislang ist es hierzulande um die Unterstützung von Frauen wie Sakineh eher schlecht bestellt. (AP)

Haben Sie das Foto der Iranerin Sakineh gesehen – ihr schmales Gesicht, eingerahmt vom schwarzen Tuch eines Schleiers? Es ging diesen Sommer um die Welt und zeigt eine 43-jährige Witwe, die gesteinigt werden sollte. Der nicht bewiesene Vorwurf: unerlaubter Geschlechtsverkehr. Das iranische Strafgesetz legt fest, welche Steine zu verwenden sind: Sie müssen groß genug sein, um den Tod herbeizuführen, und klein genug, um ihn qualvoll hinauszuzögern.

Sakinehs Foto ging um die Welt, weil ihre 17-jährige Tochter und ihr 22-jähriger Sohn mutig für sie kämpften. Ihr Appell: "Rettet unsere Mutter!" fand Resonanz. Der britische Außenminister sprach von einer "mittelalterlichen Bestrafung", sein französischer Kollege geißelte die Steinigung als "Verstoß gegen das Weltgewissen" und Hillary Clinton kritisierte sie als einen "barbarischen und widerlichen Akt".

In Berlin allerdings blieb es ruhig. Verdächtig ruhig. Natürlich lehnt das politische Berlin die Todesstrafe und die Steinigungen ab. Jedoch möchte die Bundesregierung auch weiterhin der wichtigste Dialog- und Handelspartner des iranischen Regimes in Europa sein. Immerhin kamen in 2009 über ein Drittel aller Waren, die die EU nach Iran exportierte, aus der Bundesrepublik. Allzu lauter Protest könnte da schaden.

Und außerhalb des politischen Berlin? Auch hier ist es bislang um die Unterstützung von Frauen wie Sakineh eher schlecht bestellt.

Nehmen wir Freiburg, die einzige deutsche Stadt, die seit zehn Jahren eine Städtepartnerschaft mit der iranischen Millionenstadt Isfahan unterhält – eine grandiose Partnerschaft! Hier die Ökometropole, dort das Zentrum der iranischen Nuklear- und Raketenforschung. Hier die Musterstadt des Liberalismus, dort eine stockkonservative Verwaltung, die die iranische Freiheitsbewegung mit Knüppeln und Todesurteilen unterdrückt.

Kürzlich feierte Freiburg den zehnten Jahrestag seiner deutsch-iranischen Städtepartnerschaft. Frauen wie Sakineh passten hier nicht ins Bild. Auch die fünf zum Tode verurteilten Demokraten aus Isfahan blieben unerwähnt. Stattdessen zelebrierte man mit vom Mullah-Regime ausgesuchten Künstlern einen "persischen Liederabend" unter dem Titel: "Träume aus 1001 Nacht". Ein unter diesen Umständen makabrer Titel, da er die wirklichen Träume nach Freiheit und einem Leben in Würde aus dem Blickfeld verbannt.

Wäre es nicht besser, mitzuhelfen, dass der iranische Traum von Freiheit und Würde Wirklichkeit wird? So wie einst massiver Druck von außen das damals so mächtige Apartheidregime in Südafrika zu Fall brachte, so würde heute massiver Druck von außen auch Veränderungen in Teheran erzielen.

Freiburg kann seine groteske Beziehung mit Isfahan auf Eis legen. Die Unternehmen können ihre Hightech-Exporte nach Iran stoppen. Und die Bundesregierung? Sie kann und sollte wenigstens laut und vernehmlich erklären, dass sie einer Frau wie Sakineh Asyl gewährt.

Denn internationale Solidarität, auch dies zeigt dieser Sommer, kann etwas bewirken. Am 8. Juli setzte Iran die Steinigung von Sakineh aus. Doch die Gefahr, dass sie nunmehr am Galgen verendet, bleibt groß. Eine Unterstützerbewegung auch in Deutschland ist nicht nur notwendig. Sie ist überfällig!


Dr. Matthias Küntzel, Politikwissenschaftler, Pädagoge und Publizist (Privat)Dr. Matthias Küntzel (Privat) Dr. Matthias Küntzel, geboren 1955, ist Politikwissenschaftler, Pädagoge und Publizist in Hamburg. Seine jüngstes Buch: "Die Deutschen und der Iran. Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft" erschien 2009 im wjs-Verlag, Berlin. Weitere Informationen und Kontakt über: www.matthiaskuentzel.de.

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Eine schwierige Freundschaft

Politisches Feuilleton

Terminologie der RechtenSprache, die Verachtung idealisiert
Teilnehmer einer Kundgebung der Pegida-Bewegung haben sich am Königsufer in Dresden versammelt. (picture alliance/dpa - Sebastian Willnow)

Rechte Terminologie verwende die alte Technik, fremde Gruppen von Menschen zum "Freiwild" zu erklären, um das eigene Wir-Gefühl zu stärken, meint die Dresdner Journalistin und Trauma-Therapeutin Astrid von Friesen. Dieser Entzivilisierungs-Prozess bereite den Boden für Gewalt. Mehr

PopulismusWir sind ein Land der Opfer geworden
Parteitag der Partei "Die Linke" (Quelle: dpa / picture alliance / Arne Dedert) und Pegida-Kundgebung (picture-alliance / dpa / Hendrik Schmidt)

Populistische Bewegungen und Parteien erleben in Europa wieder starken Aufwind - von rechts wie von links. Deren Botschaft lautet "Ihr seid Opfer, und wir sind die Einzigen, die euch verstehen", meint der Philosoph Christian Schüle. Einen Ausweg sieht er nur in mühsamer Demokratie-Arbeit.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

fghjghj