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Studio 9 | Beitrag vom 12.01.2016

Türkischstämmige Männer in Berlin"Wir sind auf der Seite der Frauen in Köln"

Von Kemal Hür

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Der türkischstämmige Psychologe Kazim Erdogan im September 2012 in seinem Büro im Bezirksamt Neukölln in Berlin (picture alliance / dpa / Florian Kleinschmidt )
Der türkischstämmige Psychologe Kazim Erdogan hat vor acht Jahren den Verein Aufbruch Neukölln e.V. gegründet. (picture alliance / dpa / Florian Kleinschmidt )

In Berlin-Neukölln trifft sich seit Jahren einmal pro Woche eine türkischstämmige Männergruppe, um über Themen wie Gewalt, Erziehung und Integration zu diskutieren. Die Konsequenzen aus der Kölner Silvesternacht diskutieren sie kontrovers, in einem Punkt herrscht aber Einigkeit.

18 Männer sitzen in einem kleinen Vereinsraum in Berlin-Neukölln im Kreis. Männer zwischen 25 und 73 Jahren. Sie alle stammen aus der Türkei. Jeden Montag kommen sie in den Verein Aufbruch Neukölln zur Väter- und Männergruppe. Diese Gruppe wurde vor acht Jahren von dem Psychologen Kazım Erdoğan gegründet.

Erdoğan fragt die Teilnehmer der heutigen Runde, was sie über die sexuellen Übergriffe in Köln denken. Der Reihe nach sagt jeder Mann seine Meinung. Und die Antworten gleichen sich: Abscheulich seien die Taten gewesen, eine Schande.

"Der 68-jährige Süleyman Topal ist einer der ältesten und besucht die Sitzungen der Männergruppe seit acht Jahren. "Wir müssen die Gewohnheiten unserer Heimatländer über Bord werfen und uns den Regeln und Gebräuchen hier anpassen. Wir müssen nach den Werten dieses Landes leben und uns hier integrieren", sagt er.

Täter direkt abschieben

Ein anderer Mann sagt, Frauen sexuell zu belästigen habe nichts mit dem Islam zu tun. Einer der jüngsten in der Gruppe meint, die Täter müssten sofort abgeschoben werden. Meinungen, die sich mit denen decken, die seit Bekanntwerden der Ereignisse in der Kölner Silvesternacht in den Medien wiedergegeben werden.

Treffen des Vereins Aufbruch Neukölln e.V.: Kazim Erdogan, hier im roten Polluver, ist Vereinsvorsitzender und Gruppenleiter. (Deutschlandradio / Kemal Hür)Treffen des Vereins Aufbruch Neukölln e.V.: Kazim Erdogan, hier im roten Polluver, ist Vereinsvorsitzender und Gruppenleiter. (Deutschlandradio / Kemal Hür)

In der türkeistämmigen Männergruppe kommen Türken und Kurden zusammen; sie sind sunnitische Muslime, Aleviten oder Atheisten. Ali Murioğlu stammt aus Hatay, einer Stadt an der syrischen Grenze. Dort leben Kurden, Türken und Araber. Der 57-Jährige gehört der arabischen Minderheit in der Türkei an. Er ist der Meinung, dass die islamische Erziehung die jungen Männer zu sexuellen Gewalttätern mache. Hinzu käme: Die mutmaßlichen Täter von Köln stammten aus Ländern, in denen Krieg ein Dauerzustand sei.

"Die jungen Flüchtlinge, die nach Deutschland gekommen sind oder überhaupt nach Europa, das sind Jugendliche, die in Kriegszeiten herangewachsen sind. Die kennen es nicht anders. Wie können wir mit solchen jungen Menschen hier umgehen und auch integrieren?"

"Wir müssen jetzt Flagge zeigen"

Die Gruppe diskutiert eine knappe Stunde lang über mögliche Erklärungen für sexuelle Gewalt und verurteilt die Übergriffe in Köln. Kazım Erdoğan, der für seine Integrationsarbeit u.a. mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, fasst die Diskussion so zusammen:

"Die Gründe sind drittrangig, viertrangig. Warum und wieso? Nein! Wir müssen jetzt Flagge zeigen, dass wir sagen: Wir sind auf der Seite der Geschädigten. Und das sind die Frauen in Köln."

Diese Meinung teilen alle Männer in der Gruppe. Und um sich mit den Frauen zu solidarisieren, beschließen sie, am kommenden Samstag eine Demonstration zu organisieren, die von Neukölln nach Kreuzberg führen soll. Motto: Männer gegen Gewalt. Kazım Erdoğan verabschiedet seine Gruppe mit einer Aufgabe: Jeder solle bis Samstag fleißig Flugblätter für die Demo verteilen – in Moscheen, Vereinen, Teestuben und auf der Straße.

Mehr zum Thema:

Umstrittener CSU-Vorschlag - Wie die Integrationspflicht in Berlin-Neukölln ankommt
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 07.01.2016)

Debatte nach Gewalttaten in Köln - Wir müssen streiten, nicht spalten
(Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 12.01.2016)

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