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Thema / Archiv | Beitrag vom 25.04.2006

"Tschernobyl fängt erst an für uns"

Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch über ihr Buch über die Reaktorkatastrophe

Moderation: Jürgen König

Ein Schild warnt in einem Wald in der Nähe von Tschernobyl vor dem Genuss von gesammelten Beeren und Pilzen. (AP)
Ein Schild warnt in einem Wald in der Nähe von Tschernobyl vor dem Genuss von gesammelten Beeren und Pilzen. (AP)

Die Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch bereiste Weißrussland und die Ukraine, um Opfer der Tschernobyl-Katastrophe zu befragen. Die Essenz ihrer Gespräche hat sie in dem Buch "Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft" zusammengefasst. Die Welt sei voller Kernkraftwerke, sagte sie gegenüber Deuschlandradio Kultur, und die Katastrophe nicht nur Vergangenheit.

König: Am 26. April 1986 explodierte ein Reaktorblock des Atomkraftwerks von Tschernobyl. Was das genau bedeutet und wie heute in der Ukraine, in Weißrussland, in Russland mit diesem Thema umgegangen wird, das haben wir gestern in einem Hotel Swetlana Alexijewitsch gefragt. Sie ist Schriftstellerin, Journalistin aus dem weißrussischen Minsk. Sie bereiste in den 90er Jahren Weißrussland und die Ukraine, um Opfer der Tschernobyl-Katastrophe zu befragen. Sie fragte dahinsiechende Soldaten, Sterbende, verzweifelte Witwen, Mütter, Kinder, Wissenschaftler, Bauern, Zwangsevakuierte ebenso wie illegale Rückkehrer. Nach diesen Gesprächen schrieb sie das Buch "Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft". Es erschien zum ersten Mal 1997 und wurde jetzt vom Berliner Taschenbuch Verlag neu herausgegeben. Swetlana Alexijewitsch, wenn ein Atomreaktor explodiert, wie sieht das aus, was haben Überlebende Ihnen darüber erzählt?

Alexijewitsch: Bei meiner ersten Reise in die Zone habe ich damals schon begriffen, dass das eine neue Realität ist für uns. Ich war zum Beispiel anwesend bei der Evakuierung von Menschen. Die Leute werden in Autobusse verfrachtet und ein Soldat kommt herbeigelaufen und sagt, da ist eine ältere Frau und die möchte nicht mitfahren. Und damals, die Frau hat mich gesehen unter den Soldaten, als junge Frau, und da hat sie mich gefragt, was ist denn hier eigentlich passiert, herrscht hier Krieg, ich sehe doch die Mäuse, die rennen, die Katzen, die laufen und die Welt hat sich doch nicht verändert. Und sie hat eigentlich die wesentliche Frage, die eine philosophische Frage ist, gestellt, als sie gefragt hat, ist das Krieg? Wir haben das damals überhaupt nicht begreifen können.

König: Sie haben in Ihrem Buch, Swetlana Alexejewitsch, Tschernobyl auch als Katastrophe der russischen Mentalität beschrieben. Was meinen Sie damit?

Alexijewitsch: Als ich von der russischen Mentalität gesprochen habe, meinte ich den Preis des menschlichen Lebens. Wie sie mit dem menschlichen Leben umgegangen sind, wie sie das Leben der Liquidatoren nicht geschützt haben. Und wie die Frauen, da es keine Waschmaschinen gab, alles mit den Händen gewaschen haben. Und die Menschen, die dort oben auf dem Reaktordach sich bewegt haben, die hatten nur einen kleinen Mundschutz - mehr nicht. Und, was ich meinte damit, ist, deutlich zu machen, dass das menschliche Leben verwendet wurde, benutzt wurde. Und deswegen habe ich damals gesagt, oder sage ich, dass die Werteskala sofort in sich zusammengebrochen ist. Und ich habe am Anfang dort über tausend Menschen gesehen, die dort völlig sinnlos herumgestanden sind, oder man hat zum Beispiel den Soldaten Waffen ausgegeben, nicht, das ist doch völlig unsinnig zu sehen, dort stehen Soldaten, die haben Waffen, wenn es um eine ganz andere Gefahr geht.

König: Über diese Vorgänge, über diese Katastrophe in Tschernobyl wurde sehr lange geschwiegen. Das verordnete Schweigen wurde auch von den Betroffenen sehr lange geduldet, für viele, die Sie für Ihr Buch befragt haben, waren Sie überhaupt die Allererste, mit der sie über ihre psychischen und physischen Probleme reden konnten. Wie denken die Menschen heute über das, was da war?

Alexijewitsch: Das war nicht nur eine von oben verordnete Schweigepflicht, sondern es war eine neue Realität. Die Menschen hatten noch kein Lexikon, keine Wörter, um das zu benennen. Das war der Schrecken des Krieges, das konnte man sich vorstellen, Krieg konnte man sich vorstellen. Und sie kommen dorthin und es ist wie immer. Die Sonne scheint, das Gras wächst, das heißt, sie sehen eine vertraute Welt. Und da gab es natürlich eine Pause, die Menschen haben gesagt, ich habe noch nie etwas davon gelesen. Ich weiß davon nichts. Und ich als Chronist muss das natürlich dementsprechend nachvollziehen, und es war nicht nur eine von oben verordnete Schweigepflicht, sondern es war auch etwas Niedagewesenes.

König: Man fängt ja dann an, Fragen zu stellen, was war denn da - weiß ich nicht drei Tage später, fünf Tage später, einen Monat später. Man fragt die Behörden, die Dienststellen, die Hilfskräfte, was ist da passiert, und dann muss es doch einen Moment gegeben haben, wo dann eben keine Auskünfte erteilt werden.

Alexijewitsch: Die Menschen habe diese Frage gestellt, und haben aber damals gleichzeitig diese Katastrophe als solche gar nicht erkennen können, gar nicht fassen können. Es ist heute noch in vielem so. Ich habe dieses Buch innerhalb von zehn Jahren geschrieben, ich habe über 500 Personen befragt, und ich habe nach dem gesucht, der wirklich erschüttert ist, ich habe nach jemandem gesucht, der wirklich in der Lage war, das nachzuvollziehen, davon zu berichten und es zu bezeugen. Und ich habe versucht in dem Buch zu zeigen, wie der Mensch nach der Apokalypse versucht, diesen neuen Raum zu bewohnen. Denn das vorher existierende Bild von der Welt ist explodiert. Der Glaube an die Wissenschaft ist explodiert. Wir müssen uns mehr dem Problem an sich nähern, welche Lehren ziehen wir aus dieser Tschernobyler Katastrophe, denn die Welt ist vollgespickt mit Kernkraftwerken.

König: Welche Lehren würden Sie daraus ziehen?

Alexijewitsch: Die erste Lehre wäre, Tschernobyl ist nicht eine Chronik des Vergangenen, sondern eine Chronik der Zukunft. Und man sagt immer, das ist vergangen, Tschernobyl, nicht, aber in Belorussland sterben jeden Tag zwei dieser Aufräumarbeiter, dieser Liquidatoren und ein Kind. Es ist Gegenwart. Die Politiker benutzen, wenn sie argumentieren, das Instrument, das sie benutzt haben vor Tschernobyl.

König: Und welches wären die Argumente, die Ihrer Meinung nach jetzt angeführt werden sollten?

Alexijewitsch: Was ist Tschernobyl? Tschernobyl das ist Krieg für die nächsten tausend Jahre. Und das Wasser, die Erde, das Essen bringt uns um. Tschernobyl fängt erst an für uns. Und nicht der erste Jodschlag war entscheidend, sondern die Dosis, die wir jeden Tag mit dem Essen zu uns nehmen. Das ist das, was uns bestrahlt. Und die Radioaktivität, die noch in Weißrussland existiert, das ist eine Radioaktivität, die das Ausmaß von 300 bis 350 Bomben von Hiroshima hat.

König: Swetlana Alexejewitsch, ist Ihr Buch in Weißrussland, in der Ukraine, in Russland erschienen?

Alexijewitsch: Das Buch ist in 23 Ländern, unter anderem auch in der Ukraine und in Russland erschienen, aber nicht in Belorussland. In Belorussland gilt mein Buch als schädliche Literatur. Präsident Lukaschenko nennt es ein schädliches Buch, weil es die Wahrheit sagt. Ich habe für das Buch einen internationalen Preis bekommen und ich habe die Preisgelder dafür benutzt, um dieses Buch in einer Auflage von 3000 zu verlegen und es zu verteilen. Die Leute haben beim Lesen ... ein Mensch alleine kann so eine Katastrophe nicht von sich heraus verarbeiten, er braucht ein Medium zum verarbeiten. So, und mein Buch war ein Buch, das Fragen aufgeworfen hat. Wie war das damals mit den Dosimetern, warum gab es keine, warum haben die Machtorgane keine ausgehändigt. Und auf diese Fragen mussten die Machtorgane antworten. Unsere Aufgabe wäre es doch gewesen, diese Tschernobyler Erkenntnisse für die internationale Öffentlichkeit zugänglich zu machen - also zu speichern, zu sammeln und der internationalen Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Und die internationale Lobby spielt ja auch eine wichtige Rolle, denn sie sind auch daran interessiert, dass Tschernobyl so schnell wie möglich vergessen wird.

König: Swetlana Alexejewitsch, vielen Dank für das Gespräch!

Übersetzung Wolfgang Lucius

Ein Benefizkonzert zum 20. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl veranstaltete Deutschlandradio Kultur am 24. April 2006 in der Berliner Philharmonie, unter anderem mit Gustav Mahlers Kindertotenliedern, gesungen von Thomas Quasthoff, sowie einer Lesung von Swetlana Alexijewitsch – einen Mitschnitt dieses Konzerts hören Sie am Donnerstag, 27.4.2006, um 20.03 Uhr in der Sendung Konzert.

"Tschernobyl - Eine Chronik der Zukunft" ist im Berliner Taschenbuch Verlag neu erschienen. Aus dem Russischen von Ingeborg Kolinko. Es kostet 9.95€.

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