Dienstag, 30. Juni 2015MESZ16:28 Uhr

Politisches Feuilleton

D-Mark für alleDer Tag, an dem die Finanzmauer fiel
"Kommt die DM bleiben wir kommt sie nicht geh'n wir zu ihr!" ist auf einem Transparent zu lesen, das ein Paar bei einer Montagsdemonstration am 12.2.1990 in Leipzig mit sich führt. Die von den Demonstranten hier geforderte Einführung der D-Mark in der DDR wurde im Rahmen der per Staatsvertrag vereinbarten Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion am 1.7.1990 realisiert. Sie bildete einen entscheidenden Schritt zur Wiedervereinigung der beiden deutsche Staaten am 3.10.1990. (picture alliance / dpa / Wolfgang Weihs)

Als die D-Mark in die DDR kam, vereinte das zwar die Deutschen insgesamt. Es spaltete aber die Ostdeutschen, meint der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Lutz Rathenow. Man konnte schnell an Geld kommen - und es genauso schnell verlieren.Mehr

Kirill PetrenkoNationale Misstöne der Musikkritik
Der russische Dirigent Kirill Petrenko (dpa / picture alliance / Frank Leonhardt)

Kirill Petrenko wird 2018 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Einige feierten die Entscheidung als mutig, doch zum Teil mischten sich nationalkulturelle Misstöne in die Kritik. Empörend sei das, meint Uwe Friedrich.Mehr

FamilienrechtDas "Kindeswohl" ist eine leere Floskel
Ein Vater lässt am 16.03.2014 in Berlin auf dem Teufelsberg bei starkem Wind und dicht bewölktem Himmel mit seinem Sohn einen Drachen steigen. (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)

Wenn Eltern sich trennen, leiden die Kinder - und Familiengerichte müssen retten, was zu retten ist. Soweit die Theorie. Doch in Wirklichkeit, sagt der Künstler und Publizist Peter Kees, sorgen die Gerichte oft dafür, dass der Schaden noch größer wird.Mehr

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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 21.06.2011

Tschechiens Identität und Europa

Provinzialismus oder Integration?

Von Peter Robejsek

Blick auf die tschechische Hauptstadt Prag (Stock.XCHNG)
Blick auf die tschechische Hauptstadt Prag (Stock.XCHNG)

Im Streit zwischen dem tschechischen Präsidenten Václav Klaus und Teilen der künstlerischen und publizistischen Elite des Landes geht es wie immer um die Deutungshoheit. Ab und an riecht es nach Profilierungssucht, häufiger argumentiert man ad personam und damit an der Realität vorbei.

Vordergründig reibt man sich an den Umständen der Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg und den sogenannten Benes-Dekreten. In Wahrheit aber streitet man um das Selbstverständnis der Tschechen als Nation in Europa. Ja, nicht nur die Deutschen haben eine gebrochene Beziehung zur Nation.

In jeder Gesellschaft stellen die Intellektuellen unbequeme Fragen und liefern meistens auch gleich Antworten. Dies ist auch in Tschechien nicht anders. Teile der Eliten des Landes werfen der tschechischen Gesellschaft Provinzialismus und sogar Nationalismus vor. Wohl zu Recht.

In der Tat wurde den Tschechen die Provinzstellung immer mehr oder weniger automatisch zugewiesen. In ihrer Geschichte hatten sie nie eine Chance, eine gleichgewichtige Beziehung zu ihren deutschsprachigen Nachbarn aufzubauen; Nachbarschaft von Groß und Klein verläuft nicht immer freundschaftlich. Und so war auch die historisch gewachsene Multikulturalität in diesem mitteleuropäischen Kernraum selten harmonisch.

Gegen Provinzialismus helfen Stärke, Selbstbehauptung und Sicherheit. All das war schon immer Mangelware in Böhmen und Mähren. Jahrhunderte lang konnten die Tschechen nur als und in der Provinz überleben. Etwas anderes als Beschäftigung mit sich selbst blieb ihnen kaum übrig. Weltoffenheit aus der Defensive heraus wäre wahrscheinlich der direkte Weg zum ohnehin drohenden Identitätsverlust und irgendwann auch zum nationalen Untergang. Paradoxerweise festigte der Provinzialismus den Zusammenhalt und sicherte den Bestand der nationalen Identität.

Auch mich ärgern die Folgen: Engstirnigkeit, Selbstbezogenheit und Intoleranz. So kann ich gut verstehen, dass sich manche Prager Intellektuelle die Köpfe darüber heiß reden, wie man diesen Provinzialismus überwinden könne. Die Fragen sind berechtigt, die Antworten aber kaum überzeugend. Manchmal verfallen sie selbst in einen elitären Provinzialismus, weil sie die Welt da draußen konsequent ausklammern. Wie wohl bei Intellektuellen allgemein, fehlt auch in Tschechien eine Prise Realismus.

Wie viele Intellektuelle in Europa gehen auch die tschechischen zur Nation auf Distanz. Dort liege die Ursache allen Übels. Die Tschechen sollten ihre Heimat in Europa suchen, hallt es deshalb vielfach an der Moldau. Dass dies auch hierzulande als die richtige Version des modernen deutschen Patriotismus gesehen wird, macht sie noch nicht richtiger. Es ist leider wahr: Intellektuelle reden häufig über eine andere Wirklichkeit als die, in der der große Teil der Gesellschaft lebt.

So scheint es den Eliten beider Länder entgangen zu sein, dass das europäische Integrationsprojekt die nationalen Perspektiven nicht hat überwinden können. Ja, es steckt gerade in ernsthaften Schwierigkeiten. Warum? Eben weil es die Eliten, auch in Tschechien, für nicht wichtig genug erachtet haben, die Bürger des Kontinents für einen europäischen Patriotismus zu gewinnen. Und sicher auch deshalb, weil es die Bevölkerungsmehrheit besser als ihre Eliten verstanden hat, dass die Nationalstaaten für die Interessen ihrer Bürger immer noch am besten sorgen können – und zwar Nationalstaaten, die zwar europäisch denken, ihre Identität aber nicht opfern.

Dr. habil. Peter Robejsek, Strategieberater und Dozent, geb. 1948, studierte in Prag und Hamburg Soziologie und Volkswirtschaft. Er beschäftigt sich mit fächerübergreifenden Analysen und Prognosen wirtschaftlicher sowie politischer Entwicklungen. Bücher: "Abschied von der Utopie" 1989, "Plädoyer für eine ‚sanfte’ NATO-Osterweiterung" 1999. Zahlreiche Zeitungs- und Zeitschriftenveröffentlichungen zu wirtschaftlichen, politischen und sicherheitspolitischen Fragen.