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Kompressor | Beitrag vom 22.01.2016

"True Fiction" in SchweinfurtKunst mit 1600 Handyvideos

Von Thomas Senne

Immer mehr Menschen schauen sich Videos über Smartphones oder auch Tablets an. (imago/Thomas Eisenhuth)
Die Künstlerin Uta Weyrich und Eva Paulitsch sprechen Jugendliche an, ob sie ihnen ein selbstgedrehtes Video schenken. (imago/Thomas Eisenhuth)

Selbstgedrehte Handyvideos sind unter Jugendlichen längst Teil der Kommunikation. Die Medienkünstlerinnen Uta Weyrich und Eva Paulitsch sammeln solche Alltagsfilmchen. Ihr "Mobile Video Archive" ist in der Ausstellung "True Fiction" in der Kunsthalle Schweinfurt zu sehen.

Eine Gruppe von jungen Männern feiert ausgelassen, trommelt und tanzt herum: gutes Feeling pur. Nur ein Beispiel für private Handyvideos, die sich im Archiv der Medienkünstlerin Eva Paulitsch befinden.

"Was uns interessiert, sind die Phänomene des Alltags, denen auf die Spur zu gehen. Wir kommen aus der Kunst im öffentlichen Raum, das war unsere Aktionsfeld. Das Atelier quasi ist unsere Straße. Und da sind uns die Jugendlichen aufgefallen, die in ihre Handys starren. Was machen die? Was zeigen die? Was filmen die? So sind wir auf dieses Projekt gekommen, dass wir angefangen haben zu sammeln."

Mittlerweile hat Eva Paulitsch zusammen mit ihrer künstlerischen Partnerin Uta Weyrich fast 2000 Handyfilme gesammelt: von jungen Leuten im Alter von 14 bis etwa 26 Jahren.

"Unser Interesse gilt den – wir nenne sie – 'no-story-videos'. Da sind die ausschließlich selbstgedrehten Videos, also nicht etwas vom Internet Gezogenes, die nebenbei entstehen, die für den Moment gemacht sind ...."

... spontane Schnappschüsse also, etwa von einem in Matsch versunkenem Rockfestival. Oder: Blödeleien auf einer Wasserrutsche.

"Auf diese Videos sprechen wir die Jugendlichen im öffentlichen Raum an und fragen sie, ob sie uns so einen Film schenken wollen. Dieses für Jugendliche schon oft vergessene Filmmaterial retten wir sozusagen vor dem Delete. Es sind Alltagsfilmchen. Es sind kleine Begebenheiten, die aber unsere Welt heute zeigen."

In einem Schlauchboot sitzende Flüchtlingen sind da ebenso zu sehen wie harmlose Naturaufnahmen: im Sand krabbelnde Käfer oder schäumende Wellen. Sogar ein paar Säuglinge schreien in einem der Filme um die Wette.

Kunst des Auslassens

Handyfilme gut und schön, aber was hat das alles überhaupt mit Kunst zu tun?

"Was vielleicht jetzt das Besondere an diesem Projekt ist, das wir seit neun Jahren betreiben, eben das 'Mobile Video Archive', das wir einerseits im öffentlichen Raum sind und uns Videos von Jugendlichen schenken lassen. Die gehen dann digital in unser Archiv – also unsere ganzen Filme sind öffentlich, auf unserer Internet-Seite zugänglich – und damit gehen wir dann in den Kunstraum zurück."

Jugendliche werden so mit ihren Filmen Teil eines Kunstwerks. Beispielsweise in der aktuellen Schweinfurter Schau "True Fiction", einer Multiscreen-Installation aus 17 scheinbar im Ausstellungssaal schwebenden, nur an dünnen Nylonfäden hängenden, 70 mal 50 Zentimeter großen Kunststoffplatten. Auf sie werden von einem Zufallsgenerator ständig wechselnde, aber lautlose Handyvideos projiziert. Das Resultat: ein flimmerndes Kraftgebilde – ein  faszinierendes Kunst-Raum-Zeit-Dokument.

"In unseren Loops, die wir zeigen, geht's nicht darum, dass man sich's auf einem Sitz bequem hinsetzt und es geht um 15 Uhr los und ich hab eine Leinwand, wo ich dann eine Erzählung bekomme, die einen Anfang, Hauptteil und Ende hat. Wir wollten den Betrachter durch den Raum schicken. Wir betreiben so ein bisschen die Kunst des Auslassens, dass jeder Betrachter da auch noch seine eigene Geschichte mitformen kann. Denn es sind Fragmente."

Das Handyvideoprojekt entpuppt sich so als eine Art ästhetische Spurensicherung, eine originelle Verortung der Gegenwart: ein Spiegel unserer Welt und Befindlichkeit. Wie lange Eva Paulitsch die sekundenlangen Filme im Taschenformat für das Onlinearchiv noch sammeln möchte? Auf diese Frage zuckt die Künstlerin mit den Schultern.

"Es bestehen eigentlich von Uta Weyrich und mir noch viele Wünsche, wohin man gehen kann, zum Beispiel andere Länder, andere Kontinente, um einen Vergleich anzustellen. Das sind so Wünsche. Es ist open end. Wir wollen jetzt nicht ins Guinness-Buch der Rekorde kommen, aber wir haben noch so viele Sehnsüchte und Wünsche, dass es noch eine Zeitlang gehen wird."

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