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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.10.2010

Trotz aller äußerer Dramatik: eine Liebesgeschichte

Jean-Philippe Toussaint: "Die Wahrheit über Marie", Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2010, 189 Seiten

Protagonistin Marie fliegt vom Tokioer Flughafen ab - mit 17 Taschen im Gepäck. (AP)
Protagonistin Marie fliegt vom Tokioer Flughafen ab - mit 17 Taschen im Gepäck. (AP)

Marie ist eine Frau - und was für eine! In seinem Roman verknüpft Jean-Philippe Toussaint den nouveau nouveau roman, zu dessen Mitbegründern er zählt, virtuos mit den Techniken der großen französischen Erzähler des 19. Jahrhunderts.

Die Wahrheit über Marie? Nein, die erfahren wir nicht, wie auch? Denn Marie ist eine Frau, und was für eine! Marie, die alles offen stehen lässt, Marie, die ihren Pass nicht findet, sodass der aberwitzige Konvoi - bestehend aus einem wertvollen Rennpferd, einem Minibus japanischer Betreuer in Blazern, einer Limousine mit Chauffeur, dem Besitzer des edlen Tieres und Marie selbst - die Kontrolle des Tokioer Flughafens erst passieren kann, nachdem Monsieur de G., gegen alle Regeln der Courtoisie, Marie an den Armen packt und sie nachdrücklich auffordert, sich daran zu erinnern, in welcher ihrer 17 Gepäckstücke sie das Reisedokument verstaut hat.

Was dann folgt, ist eine Szene, in der Jean-Philippe Toussaint den nouveau nouveau roman, zu dessen Mitbegründern er zählt, virtuos mit den Techniken der großen französischen Erzähler des 19. Jahrhunderts verknüpft. Zahir, der edle Vollbluthengst, soll für den Rücktransport gen Frankreich möglichst diskret in einen Transportcontainer verladen werden, nachdem es im Anschluss an das renommierte Tokio-Shimbun-Hai-Rennen zu einem Skandal gekommen war, über dessen Details der Leser im Unklaren gelassen wird. Wie auch über diverse andere Elemente einer klassischen Romanhandlung. Stattdessen reiht Toussaint eine Folge höchst dramatischer Situationen aneinander, die er mit ungeheurer Intensität zu beschreiben versteht.

Es kommt zu einer bizarren Liebesnacht, die Marie mit Monsieur de G. in ihrem Pariser Appartement verbringt, während der ein heftig Gewitter los- und Monsieur de G. zusammenbricht. Rettungsversuche der in Panik herbeigerufenen Sanitäter – Marie ist natürlich nicht in der Lage, am Telefon ihre Adresse zu nennen, sodass der Sterbende selbst sie in den Hörer raunen muss – sind leider nur kurzfristig erfolgreich.

Höhepunkt ist aber die Szene auf dem Flughafen. Das hochsensible, übernervöse Ross reagiert verstört, seine gewohnten Betreuer waren allesamt entlassen worden, die beblazerten Japaner sind offensichtlich überfordert. Das Verladen eines Pferdes, in der Regel ohnehin eine heikle Angelegenheit, wird unter diesen Umständen zur Katastrophe: Zahir gerät in Panik, zerrt einen der Japaner über den Asphalt, rast über das Rollfeld und ward zunächst nicht mehr gesehen. Als sich nach rasanter Verfolgungsjagd Pferd und Besitzer am Transportflugzeug einfinden, sieht man Marie mit 17 offenen Taschen, offenem Necessaire und offener Zahnpastatube im Regen am Fuß der Boeing 474.

Doch Marie kann auch ganz anders. Beherzt und ganz allein macht sie sich daran, das Haus ihres verstorbenen Vaters auf Elba und den verwilderten Garten wieder herzurichten, fischt Seeigel aus dem Meer, die sie am Strand öffnet, so dass wir die Faszination des Erzählers, der behauptet, die Wahrheit über Marie zu kennen, durchaus verstehen; verstehen, warum er sich von ihr getrennt hat und gleichwohl von ihrem Charme gefangen bleibt, denn eigentlich handelt es sich, trotz aller äußerer Dramatik, um eine Liebesgeschichte.

Besprochen von Carolin Fischer

Jean-Philippe Toussaint: Die Wahrheit über Marie
Deutsch von Joachim Unseld
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2010
189 Seiten, 19,90 Euro

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