Seit 09:05 Uhr Im Gespräch
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 09:05 Uhr Im Gespräch
 
 

Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 17.06.2010

Trompeter der Revolution

Vor 200 Jahren wurde der Dichter Ferdinand Freiligrath geboren

Von Ulrich Breitbach

Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Die Dichtkunst gilt den meisten heutzutage wohl eher als elitäres Steckenpferd weltfremder Enthusiasten. Das war nicht immer so. Es gab eine Zeit, da konnten Gedichte eine ungeheure, auch politische Wirkung entfalten und ihre Schöpfer äußerst populär werden: Einer von ihnen war Ferdinand Freiligrath.

Deutschland im Jahr 1848. Im Zeichen von Schwarz-Rot-Gold kämpft das Volk auf den Barrikaden gegen die Vorrechte des Adels, für Freiheit und nationale Einheit. Nach ersten Erfolgen setzen die Führer des gemäßigt-liberalen Bürgertums auf Kompromisse mit den regierenden Fürsten.

Radikale Demokraten streiten dagegen für die Republik. Der wichtigste Agitator der Republikaner ist ein Dichter: Ferdinand Freiligrath. Seine Verse finden durch Flugblätter, Zeitungen oder einfach von Mund zu Mund größte Verbreitung.

"Die Freiheit ist die Nation,
ist aller gleich Gebieten
die Freiheit ist die Auktion
von dreißig Fürstenhüten!
Die Freiheit ist die Republik
Und abermals: die Republik!
Pulver ist schwarz
Blut ist rot,
golden flackert die Flamme!"


Dass Ferdinand Freiligrath einmal zum "Trompeter der Revolution" werden würde, das war am Anfang seiner Laufbahn ganz und gar nicht abzusehen. Die Mittellosigkeit der Familie zwang ihn in einen ungeliebten Brotberuf. Der am 17. Juni 1810 im westfälischen Detmold Geborene absolvierte eine kaufmännische Lehre und arbeitete danach in deutschen und ausländischen Handelshäusern. Seine schon früh offenbar gewordene außerordentliche lyrische Begabung stand zum Verdruss des Dichters viele Jahre an zweiter Stelle:

"Großer Gott, was habe ich verbrochen, dass Du mir Verse gegeben hast und kein Geld dazu."

Nach ersten lyrischen Erfolgen hätte er auch eine Karriere als Hofpoet anstreben können. Die frühen romantisch-exotischen Gedichte, in denen sich Löwen und Mohrenfürsten in endlosen Wüsten begegneten, fanden beim Publikum großen Beifall. Sie gefielen auch Friedrich Wilhelm IV., dem preußischen König, der dem Dichter 1842 eine Ehrenpension zusprach. Als der Monarch aber die weitverbreitete Hoffnung, er werde in einer Verfassung bürgerliche Rechte gewähren, enttäuschte, schlug Ferdinand Freiligrath die Pension aus. Im Mai 1844 erklärte er in aller Öffentlichkeit:

"Fest und unerschütterlich trete ich auf die Seite derer, die mit Stirn und Brust sich der Reaktion entgegenstemmen! Kein Leben mehr für mich ohne Freiheit!"

Das galt als Majestätsbeleidigung. Freiligrath floh über Belgien und die Schweiz nach London und konnte erst nach Ausbruch der Revolution zurückkehren. Er ließ sich in Köln nieder, wo er Mitarbeiter der von Karl Marx herausgegebenen "Neuen Rheinischen Zeitung" wurde. Bald sah er die Demokratie durch das Bürgertum verraten. Den Kampf zu Ende zu führen, das war für ihn zur Sache der gerade entstehenden Arbeiterbewegung geworden, deren Fahne nicht schwarz-rot-gold, sondern rot war. Im Juli 1848 veröffentlichte er ein Gedicht, in dem die toten Barrikadenkämpfer an den Zorn der Lebenden appellieren:

"Euch muss der Grimm geblieben sein – o glaubt es uns, den Toten!
Er blieb Euch! Ja, und er erwacht! Er wird und muss erwachen!
Die halbe Revolution zur ganzen wird er machen!
Die rost'ge Büchse legt er an, mit Fensterblei geladen:
Die rote Fahne lässt er wehn hoch auf den Barrikaden!"


So sehr sie auch aufrüttelte, ändern konnte Freiligraths Dichtung den Lauf der Dinge nicht. Republikanische Aufstände in Baden, im Rheinland und anderswo scheiterten. Das erste gewählte deutsche Parlament, die Versammlung in der Frankfurter Paulskirche, ging 1849 ruhmlos auseinander. Fürstenallmacht triumphierte. Dem Dichter blieb wie vielen anderen einmal mehr nur der Gang ins Exil – und ein beharrliches Festhalten an den Zielen des vorerst gescheiterten Kampfes.

"Es kommt dahin
Trotz allem
Dass rings der Mensch die Bruderhand
Dem Menschen reicht – trotz allem
Trotz alledem, trotz alledem,
Trotz alledem"


Erst 1868 konnte Ferdinand Freiligrath – von den Behörden geduldet – nach Deutschland zurückkehren. Er starb am 18. März 1876. Die Verwirklichung seiner Ideale von Einheit, Freiheit und Brüderlichkeit hat er nicht mehr erlebt. Demokratische Grundrechte wurden viel später, mit dem Sturz des Deutschen Kaiserreichs am Ende des Ersten Weltkriegs, durchgesetzt.

Kalenderblatt

75 Jahre Wannsee-KonferenzDie Vorbereitung des Massenmords
Das Haus der Wannsee-Konferenz (imago/McPHOTO )

Vor 75 Jahren wurde in einer Villa am Wannsee über die Vernichtung der Juden beraten. Knapp zwei Stunden dauerte die Besprechung. Ziel der Wannsee-Konferenz war es, einen Plan zur Deportation und Vernichtung der Juden aus westeuropäischen Ländern festzulegen.Mehr

75. Todestag von Walter SpiesKünstler im Paradies
Kecak (Monkey Dance), created by German artist and choreographer Walter Spies in the 1930s drawing on elements of the Hindu epic the Ramayana, Bali, Indonesia, Southeast Asia, Asia  (imago stock&people / Luca Tettoni)

Der Maler und Komponist Walter Spies lebte und arbeitete 16 Jahre auf der indonesischen Insel Bali. Mit seinen Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen revolutionierte er die balinesische Malerei und machte das Eiland in Europa und Amerika bekannt.Mehr

125. Geburtstag Oliver HardyEin Schwergewicht der Komik
18. Januar 1951: Die legendären Komiker Stan Laurel (l) und Oliver Hardy (r) mit einer Geburtstagstorte im Billancourt Studio in Paris. (picture alliance / dpa / keystone)

Oliver Hardy, das war der Dick im legendären Duo "Stan und Ollie", in Deutschland vor allem bekannt als "Dick und Doof". Seine Lebensrolle als großspuriger Möchtegern-Mann-von-Welt, dem bei besten Absichten immer alles misslingt, spielt er fast 30 Jahre. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur