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Trommelnd die Welt erkunden

Der Musiker und Feldforscher Sven Kacirek

Von Marcus Weber

Sven Kacirek spielt nicht einfach nur Schlagzeug, er trommelt auf allem Möglichen und ist auf der Suche nach neuen Sounds.
Sven Kacirek spielt nicht einfach nur Schlagzeug, er trommelt auf allem Möglichen und ist auf der Suche nach neuen Sounds. (Stock.XCHNG / Daniel Wilson)

Jazzbesen auf Glas und afrikanische Trommeln, Glockenspiele, ein Schlagzeug, dazu eine 80-jährige Sängerin aus Kenia und ein Musiker aus Hamburg, der nicht einmal halb so alt ist: Wenn der Schlagzeuger und Percussionist Sven Kacirek seine Musik spielt, dann verschwimmen die Grenzen.

"Die Bass-Drum-Wände, ne. (Schritte) Alle Geheimnisse... (lacht) Also ich nehm ganz viel auf dieser ... an dieser Wand nehm ich ganz viel auf." (klopft rhythmisch)

Eine Wohnung, die aus einem einzigen Zimmer besteht und gleichzeitig Studio und Übungsraum ist. Unten die Instrumente, oben, auf der Galerie Küche, Tisch und Bett. Dazwischen, auf der Treppe sitzt Sven Kacirek und trommelt mit den Fingern gegen eine Wand.

"Da such ich mir verschiedene Flächen. Wie zum Beispiel diesen Punkt, jetzt würde ich grade, in diesem Moment würde ich diesen Punkt nehmen. Die Wand ist halt sehr gut, und die ist ein bisschen tiefer noch." (klopft)

Seit mehr als zehn Jahren lebt Sven Kacirek in der ehemaligen Palmin Fabrik in Hamburg Wilhelmsburg. The Palmin Sessions nannte er dann auch sein erstes Solo-Album. Aufnahmezeit: etwa zwölf Monate.

"Für mich Zeit zu haben, für mich zu üben, für mich Ideen auszuprobieren, für mich Sachen zu entwickeln. Das hat mir eigentlich immer komischerweise viel mehr Spaß gemacht, als in Bands zu spielen. Da bin ich anders als die meisten anderen Leuten. (lacht) Also natürlich spiel ich auch nach wie vor, hab ich auch Kooperationen. Aber für mich ist nach wie vor die wichtigste Zeit, die Zeit, die ich alleine an meinen Instrumenten verbringen kann."

Oft beginnt Kacirek seine Aufnahmen mit filigranen Tönen: Jazzbesen, die auf Holz oder Papier schlagen. Dann schichtet er die anderen Instrumente darüber: Flügel und Toy-Piano, Steinxylofon, Shaker, Snaredrum, Marimba. Manchmal bis zu 30 Spuren, die er alle per Hand einspielt.

"Also auch viele Kleinigkeiten, dann kommt dort noch mal so ein Besen-Overdub rein, oder man will noch mal so 'ne Beckenspur drüberspielen, oder dann ganz oben noch mal so ein paar Marimba-Rolls, die im oberen Frequenzspektrum sind – bis es dann irgendwann soweit ist, dass ich das Gefühl hab: Okay, jetzt ist es fertig. Jetzt ist es so für mich komplett."

Kacirek hat blaue Augen und kurze, braune Haare, die schon ein wenig grau werden. Er ist schmal, und so groß, dass er in seiner Küche beinahe mit dem Kopf gegen die Decke stößt. Der 37-Jährige ist in Norderstedt bei Hamburg aufgewachsen. Mit fünf besucht er die musikalische Früherziehung, mit sechs lernt er Blockflöte.

"Also ich hab auch schon als ich sechs, sieben war mir meine eigene Trommeln gebaut, aus irgendwelchen Wäschetrommeln und mit Butterbrotpapier bespannt. Und als ich zehn war, wollte meine Mutter, dass ich Klavier lerne, aber ich wollte unbedingt Schlagzeug lernen."

Also sucht sich Sven Kacirek selbst einen Lehrer – und lernt Schlagzeug. Nach Abitur und Zivildienst besucht er für drei Monate eine New Yorker Musikschule. Er studiert Schlagzeug im niederländischen Arnheim, kehrt 1999 nach Hamburg zurück und beginnt, als freier Musiker zu arbeiten.

Ein Theater-Musik-Projekt führt Kacirek 2008 zum ersten Mal nach Kenia.

"Als ich in Nairobi war, war ich – natürlich eine naive Vorstellung – aber ich war halt sehr erstaunt darüber, dass es so schwierig war, Musik zu finden, die einen klaren Kenia-Bezug hatte. Und trotzdem hat das mein Interesse geweckt, weil dann schnell klar wurde, dass man die Metropole Nairobi verlassen muss, um die ursprüngliche oder die traditionelle Musik Kenias zu entdecken."

Und so macht sich Sven Kacirek im März 2009, unterstützt vom Goethe-Institut, auf den Weg in die kenianische Provinz. Mit dabei: ein Musikproduzent aus Nairobi, ein Musikwissenschaftler und Kacireks Freundin Agnieszka Krzeminska, die Videos aufnimmt und einen Blog über die Reise schreibt.

Fünf Wochen ist die Gruppe unterwegs. Kacirek nimmt die Musiker in ihrer dörflichen Umgebung auf, pur, ohne Referenz-Ton oder Metronom. Mal fährt er nach zwei Stunden weiter, mal wohnt er für drei Tage im Dorf der Musiker. Was ihn am meisten beeindruckt, ist die Einbindung der Musik in den Alltag.

"Ob jemand getauft wird oder jemand stirbt, oder die Ernte wird eingefahren, oder es regnet zum ersten Mal. Es wird ja alles ganz, ganz stark durch Musik begleitet. Das heißt, das Leben wär in der Form ohne Musik überhaupt nicht denkbar in diesen dörflichen Regionen. Also diese Lieder werden in der Form schon seit Generationen so gesungen, und sie erfüllen die und die Funktion und dabei hat es auch zu bleiben."

Zurück in Hamburg hört sich Kacirek die Aufnahmen wieder und wieder an. Er notiert Melodien, versucht den Aufbau der Rhythmen zu verstehen, sucht nach Schnittmengen mit seiner eigenen Musik und beginnt schließlich, zu komponieren.

"Ich wollte also um jeden Preis vermeiden, dass so eine Afrika-meets-Jazz oder Afrika-goes-Pop oder irgendwie so was entsteht. Also das war von vornherein das Ziel, dass genau das natürlich nicht entsteht. Sondern dass irgendwie ein Klangerüst entsteht, wo man sich nicht mehr richtig bewusst ist: Was ist denn jetzt eigentlich in Kenia aufgenommen, und was ist in Deutschland aufgenommen? Und wer spielt was? Dass diese Grenzen einfach verschwimmen."

Für die Platte The Kenya Sessions erhält Sven Kacirek 2011 den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Seitdem war er nicht nur mehrmals in Kenia, sondern auch auf den japanischen Okinawa-Inseln, um traditionelle Musik aufzunehmen.

"Wenn man sich nur in seiner eigenen Kultur bewegt, und das ja irgendwie alles läuft, dann kommt man natürlich nicht dazu, das irgendwie in Frage zu stellen oder irgendwie das in Beziehung zu setzen zu anderen Systemen, zu anderen Möglichkeiten. Und das finde ich grade in dieser Auseinandersetzung mit anderen Musikkulturen extrem hilfreich, dass man auf einmal merkt: Okay – so und so kann es aber auch gehen."

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