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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.04.2009

Triumph einer Schauspielerin

Thomas Ostermeier inszeniert Achternbuschs "Susn" in München

Flucht aus der Enge.
Flucht aus der Enge. (AP Archiv)

Regisseur Thomas Ostermeier hat Herbert Achternbuschs rund 30 Jahre altes Stück neu für den Werkraum der Münchner Kammerspiele in Szene gesetzt. Die Titelrolle einer aus der bayerischen Provinz ausbrechenden jungen Frau spielt Brigitte Hobmeier. Perfekt trifft sie die Gestimmtheit ihrer Figur in den verschiedenen Altersstufen und Lebenslagen.

Schwarz-weiß flimmert es über einen Video-Screen an der Rückseite der Bühne: ein Stück Bayern. Aber nicht jene zum Bilderbuchklischee erstarrte Alpenkitschkulisse. Sondern: die bayerische Prärie. Eine sanft hügelige Landschaft, aus der die Strommasten herausragen wie die Skelette riesenhafter Geister, aus deren ausgebreiteten Armen Überlandleitungen herauswachsen, die Wiesen und Felder zwischen den Einödhöfen überspannen.

Wer sich in die bayerische Provinz begibt, nach Niederbayern etwa, kann dieser Landschaft begegnen. Sie existiert bis heute. Ob das aber ausreicht, um die Aktualität von Herbert Achternbuschs vor rund 30 Jahren geschriebenen, selten gespielten Stück "Susn" zu behaupten? Thomas Ostermeier hat den Versuch im Werkraum der Münchner Kammerspiele unternommen, wo er "Susn" mit der wunderbaren Schauspielerin Brigitte Hobmeier in der Titelrolle inszeniert hat.

Achternbusch zeigt seine Heldin in vier Altersstufen: mit 16 tritt Susn aus der katholischen Kirche aus, weil sie sich an deren Bigotterie stört. Mit 26 ist sie vom Land in die Stadt gezogen und träumt von Freiheit. Mit 36 lebt sie in Abhängigkeit von einem Künstler, der sich weigert, sie wahrzunehmen. Mit 46 schließlich: die völlige Resignation und der Suff. Ein Stationendrama über Ausbruch und Absturz: Susn versucht sich aus einer konservativ patriarchalisch organisierten Gesellschaft zu befreien, und geht doch an ihr zu Grunde.

Herbert Achternbusch hat in seinem Stück vorgesehen, dass Susn in jedem Lebensalter von einer anderen Schauspielerin gespielt wird – ein dramaturgischer Kunstgriff, dessen Notwenigkeit nicht wirklich zwingend ist, wie Thomas Ostermeiers Inszenierung beweist, in der es Schauspielerin Brigitte Hobmeier eindrucksvoll gelingt, die Brüche der Figur über die Jahrzehnte hinweg auch ganz allein zu erspielen.

Immerhin, Brigitte Hobmeier hat rote Haare (wie Achternbusch es sich für "Susn" gewünscht hat), schulterlang und lockig, dazu ein Madonnengesicht. Ihre Susn ist anfangs eine Unschuld vom Lande. Doch die Naivität paart sich mit Rotzigkeit, in der sich das Widerständige Bahn bricht, wenn Susn dem Pfarrer in atemlosen Flüsterton die Gründe ihres Kirchenaustrittes beichtet. Bernd Moss spielt diesen Pfarrer und später Susns Künstlermann. Eine fast stumme Rolle, doch in seinem harten Schweigen ist er in dieser Inszenierung der Felsbrocken, an dem Susn in ihrem Aufbegehren zerschellen wird.

Szene für Szene wird Brigitte Hobmeiers Stimme tiefer, vom körperlosen Geflüster bis fast zu einem tief in den Eingeweiden sitzenden Basston. Parallel dazu führt Susns Weg immer tiefer in den Abgrund: Vom Ausbruch über den Zorn in den Zynismus und schließlich in die völlige Desillusionierung. Perfekt trifft Brigitte Hobmeier die Gestimmtheit ihrer Figur in den verschiedenen Lebenslagen. Dabei bleibt ihre Darstellung nie reiner Naturalismus.
Achternbuschs stark mundartlich gefärbte Sprache changiert bei ihr zwischen derbem Dialektspiel und überkorrekter Künstlichkeit. Mal verschleift sie Endsilben, wie das im Bayrischen üblich ist, mal betont sie sie überdeutlich - so wie ein Mundartsprecherin, die sich um eine hochdeutsche Aussprache bemüht.

Keine Frage, dieser Abend gehört ganz Brigitte Hobmeier, von deren schauspielerischer Präsenz und Brillanz man sich gerne darüber hinwegtäuschen lässt, dass Achternbuschs Stück ordentlich Staub angesetzt hat. Selbst in den hintersten Ecken einer mitunter stockkonservativen bayerischen Provinz ist die Übermacht des Patriarchats und des Katholizismus nicht mehr so immens, wie es zu der Zeit war, als Achternbusch "Susn" schrieb. Oder wie er es damals empfand und empfinden wollte.

Thomas Ostermeiers Inszenierung lässt keine Absetzung vom Weltbild des Autors erkennen. Er hat Achternbuschs Stück ästhetisch versiert arrangiert - mit eindrucksvoller Videotechnik und einem einsam in der Ecke blinkenden Spielautomaten als Sinnbild provinzieller Kneipentristesse – und sich ansonsten offenbar ganz auf die Schauspielerführung konzentriert. Die Figur, die Birgitte Hobmeier mit ihm dabei entwickelt hat ist – aller Unzeitgemäßheit ihrer Problemlage zum Trotz - faszinierend. Der Triumph einer Schauspielerin.