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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.06.2015

Trevor Paglen im Frankfurter KunstvereinLandschaftsfotografie in Zeiten von Big Data

Von Rudolf Schmitz

(Foto: Trevor Paglen/The Intercept/dpa )
Zentrale des US-Geheimdienstes NSA in Fort Meade, Maryland (Foto: Trevor Paglen/The Intercept/dpa )

Der US-Künstler und Politaktivist Trevor Paglen fotografiert Orte der Überwachung: geheime Militärbasen und Abhörstationen. Der Frankfurter Kunstverein zeigt jetzt eine Werkschau des Künstlers unter dem Titel "The Octopus".

Manche seiner Fotografien sehen aus wie impressionistische Gemälde und zeigen verschwimmende Welten: Es sind Bilder von geheimen Militärbasen, fotografiert mit einem extremen Teleobjektiv. Dann sind da sternenübersäte Nachthimmel, in denen sich seltsame Linien abzeichnen: Spionagesatteliten, in Langzeitbelichtung aufgenommen. Oder Wolkenstudien, die wie Bilder von Turner wirken und erst bei genauer Betrachtung kleine Flugobjekte, todbringende Drohnen offenbaren.

"Ich mache abstrakte Bilder. Sie sagen nichts anderes als: Da gibt es etwas, das wir nicht verstehen, aber wir sollten versuchen, es besser zu verstehen. Als Künstler habe ich eine zweideutigere Position als jemand wie Snowden oder Glenn Greenwald, der versucht, geheime Strukturen zu deuten und zu erklären, warum sie schlecht sind."

Beklemmende Geheimdienstaktivitäten in verführerische Bilder umgesetzt

Es ist erstaunlich, wie Trevor Paglen die beklemmende Dimension der US-amerikanischen Geheimdienstaktivitäten in verführerische Bilder zu kleiden versteht. Eine nächtliche Landschaftsfotografie zeigt eine Ansammlung von Parabolantennen inmitten einer hügeligen Waldlandschaft und wirkt wie eine Studie in Grün. Das ist die National Radio Quiet Zone in West Virginia. Es wird streng überwacht, dass die dort lebenden Menschen weder Radio hören noch Handy oder Internet benutzen: Denn diese Abhörstation fängt weltweite Funk-Signale ab, die vom Mond reflektiert werden. Den Bewohnern erzählt man, dass man nach Außerirdischen sucht. Was empfindet ein Fotograf, der Tag für Tag mit solchen Formen krakenhafter Überwachung zu tun hat? Kommt da nicht die Paranoia hoch?

"Ich versuche mich bei meinen Entscheidungen nicht von der Angst leiten zu lassen. Denn der Überwachungsstaat, die Auslieferungsprogramme von Gefangenen und die Drohnenprogramme werden von einer Politik der Angst bestimmt."

Großes Interesse beim Militär für Paglens Arbeit

Trevor Paglen, 1974 in Maryland geboren, ist mit dem militärischen Milieu vertraut. Sein Vater war Augenarzt bei der Armee. Er weiß also, womit er zu tun hat.

"In einer solchen Umgebung aufzuwachsen hat mich gelehrt, sie zu verstehen. In den Vereinigten Staaten ist das Militär eine eigene Welt, getrennt vom Rest der Gesellschaft. Mit eigener Geografie, eigenen Jobs, eigener Kultur."

Aber wie reagieren die Geheimdienste auf seine Recherchen, die der Künstler gemeinsam mit Wissenschaftlern, Astronomen, Programmierern und Menschenrechtlern durchführt? Keine Versuche, ihn zum Schweigen zu bringen? Trevor Paglen schüttelt den Kopf. Und seine Antwort überrascht.

"Es gibt ein großes Interesse an meiner Arbeit beim inneren Kreis der militärischen Intelligenzia, denn das bedeutet für sie irgendwie eine Anerkennung ihrer Existenz."

Öffentlicher Atlas der geheimen Überwachung

Anlässlich seiner Ausstellung im Frankfurter Kunstverein bekommt Trevor Paglen jetzt den Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Fotografie. Fühlt er sich dadurch in seiner Rolle als Künstler bestätigt?

"Kunst bedeutet für mich vor allem den historischen Moment darzustellen und die Umgebung, in der wir leben."

Irgendwo in der Frankfurter Ausstellung gibt es zwei Strandszenen: ein einsamer Surfer und Menschen am Wasser, in Liegestühlen, auf Handtüchern. Das eine Foto zeigt Mastic Beach, New York, das andere einen Ort der deutschen Nordsee. Die Bilder verweisen auf die Stellen, an denen Seekabel auf das Festland treffen und dort von der NSA angezapft werden. Trevor Paglen wirkt ein wenig melancholisch, als er diese Bilder erläutert.

"Was ist der Unterschied zwischen mir, der ich auf die Nordsee schaue und an die NSA Fiberkabel unter Wasser denke und Caspar David Friedrich? Wir blicken auf dieselbe Sache, aber der historische Moment ist ein ganz anderer."

So sieht sie aus, die zeitgenössische Landschaftsfotografie eines Politaktivisten. Trevor Paglens Projekt ist ein sensationeller, öffentlicher Atlas der geheimen Überwachung: Landschaftsfotografie in Zeiten von Big Data.

Kulturpresseschau

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