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Thema / Archiv | Beitrag vom 10.06.2010

Trendwende im Bollywoodkino

Dorothee Wenner: "My Name is Khan" zeigt neue Hinwendung zur Realität

Dorothee Wenner im Gespräch mit Susanne Führer

Filmplakat "My name is Khan" (Dharma Productions)
Filmplakat "My name is Khan" (Dharma Productions)

Der Film <papaya:addon addon="d53447f5fcd08d70e2f9158d31e5db71" article="188670" text="&quot;My name is Khan&quot;" alternative_text="&quot;My name is Khan&quot;" /> ist schon jetzt der erfolgreichste indische Film aller Zeiten und begeistert Zuschauer weltweit. Für die Filmexpertin Dorothee Wenner, die das indische Kino für die Berlinale beobachtet, ist der Film symptomatisch: Das Bollywoodkino wende sich wieder mehr der Realität zu: "auf seine Weise, also es hat nichts mit unserem Realismus zu tun".

Susanne Führer: Im Studio ist nun die Filmemacherin und Journalistin Dorothee Wenner, bestens vertraut mit dem indischen Kino, sie sichtet nämlich für die Berlinale seit vielen Jahren die indischen Filme. Schön, dass Sie da sind, Frau Wenner!

Dorothee Wenner: Danke!

Führer: In Indien, habe ich gelesen, wird der Schauspieler Shah Rukh Khan verehrt wie ein Halbgott sozusagen, trotzdem hat sein neuester Film es sehr schwer gehabt. Es gab Proteste, es gab Randale, manche Kinos haben sich nicht getraut, den Film zu zeigen. Was hat er denn so Skandalöses?

Wenner: Der Film selbst kaum was, das kam aber zeitlich überein mit einer Äußerung, die Shah Rukh gemacht hat. Er ist tatsächlich ja so berühmt, dass er so viel Geld verdient, dass er manchmal gar nicht mehr weiß, wohin damit. Und er hat vor einiger Zeit ein Kricketteam gekauft, und zwar in Kalkutta die Knight Riders. Und da ging es im Vorfeld kurz vor dem Kinostart in Indien auch da drum, ist es richtig eigentlich, dass auch pakistanische Kricketstars für Indien spielen. Und Shah Rukh hat gesagt, ja natürlich. Damit hat er die Hindufundamentalisten wahnsinnig gegen sich aufgebracht.

Das führte – und das war wirklich extrem dramatisch, so was habe ich auch selten erlebt – wirklich fast punktgenau mit der Pressekonferenz zur Berlinale zu einer solchen Dramatik hier im Hotel, dass ich mich selbst in einem Live-Bollywoodfilm fast fühlte. Er sollte sich nämlich entschuldigen für diese Äußerungen, das hat er nicht getan.

Es ist aber dann, nachdem also Scheiben eingeschlagen wurden in Kinos und so weiter und so fort, durch eine Gesetzesänderung, die per Telefon von Berlin aus lanciert wurde, möglich geworden, dass man sich einigte. Der Film kam ins Kino und ist im Moment der absolut erfolgreichste Film, finanziell zumindest gesehen, aller Zeiten in Indien, aber auch weltweit.

Führer: Was für eine Gesetzesänderung?

Wenner: Da ging es dann darum, unter welchen Bedingungen die Leute, die im Zusammenhang mit diesen ganzen Randalen verhaftet wurden, dass die wieder freigelassen werden konnten, und da hat man so einen 24-Stunden-Paragrafen etwas erweitert.

Führer: Okay. Bollywoodfilme kannte ich bisher ja so als sehr üppige und kitschige Romanzen, die Geschichte ist immer Junge liebt Mädchen, es gibt Hindernisse, es gibt ganz, ganz, ganz viele Hindernisse, am Ende meistens ein Happy End, und dazwischen immer diese berühmten endlosen Tanz- und Gesangseinlagen. Dieser Film ist ja jetzt anders, also ist ja ziemlich politisch, die Story ist politisch, und es wird weder gesungen noch getanzt. Zeigt das jetzt einen neuen Trend im indischen Kino an, oder ist das ein einmaliges Ereignis, was meinen Sie?

Wenner: Nein, das ist ganz klar eine Trendwende, die es in Bollywood gibt. Was aber auch typisch ist, dass sich Bollywood alle paar Jahre wieder neu erfindet. Und diese Ära des sogenannten Family-Films, die Sie gerade beschrieben haben, die kam im letzten Jahr einfach zu Ende. Also es war dann auch so, dass Bollywood angefangen hat, sich in Bollywood über Bollywood lustig zu machen, und da merkte man schon, das war es jetzt.

Und im letzten Jahr war unter den vielen, vielen Filmen, die auch zur Berlinale unter anderem eingereicht waren, zu bemerken, wie sehr sich Bollywood wieder beschäftigt mit der Realität, auf seine Weise, also es hat nichts mit unserem Realismus zu tun. Also zum Beispiel auch die vielen Selbstmorde der Bauern waren Thema in einem großen Bollywoodfilm, so Mobbing in Callcentern und alle solche Themen sind plötzlich wieder en vogue.

Und da passt natürlich dieses Thema rein, auch wenn der Film gar nicht in Indien spielt, sondern, wie ja beschrieben wurde, in Amerika, ist es ein Thema, was in Indien natürlich wahnsinnig wichtig ist, insbesondere seit es in Indien ja auch – zuletzt im November 2008 – zu diesen schlimmen Anschlägen gekommen ist und Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Moslems in Indien, auch mit gewalttätigen Auseinandersetzungen zur Tagesordnung gehören.

Führer: Was Sie jetzt beschrieben haben, die Filme, Frau Wenner, die sind dann ja doch offensichtlich eindeutig für den indischen Markt gemacht. Ich hätte jetzt gedacht, bei diesem "Mein Name ist Khan", das ist auch der Versuch, jetzt mal die restliche Welt zu erobern.

Wenner: Ja, ganz klar, also unbedingt. Es gab ja auch im Vorfeld das erste Mal einen ganz großen Deal mit Fox, also mit dem großen amerikanischen Studio, die eine weltweite Release-Planung gemacht haben, also wo der Film überall ins Kino kommt. Und wenn man das so verfolgt und man kann das jeden Tag auf Twitter von Karan Johar sehen, wo welche neuen ...

Führer: Dem Regisseur.

Wenner: ... dem Regisseur – wo welchen neuen Artikel erschienen sind, da kommt man total ins Staunen. Also die haben das geschafft, den Film in Polen zu verkaufen, in Syrien ist er nach Jahren der erste erfolgreichste Film aller Zeiten, und der hat so einen richtigen Siegeszug angetreten. Und das ist einfach total interessant, weil der Film, der ist natürlich kitschig, was manche Leute irgendwie stört und irritiert, und der hat alle möglichen Elemente, die vielleicht sich nicht so ohne Weiteres vergleichen lassen.

Also ich habe heute zum Beispiel auch in einer aktuellen Kritik gelesen, die normalen Maßstäbe der Filmkritik passen auf diesen Film nicht. Das finde ich gut, das ist aber auch das, was es so toll macht und was es zu einem so einmaligen Erlebnis macht, diesen Film zu sehen.

Aber genau mit diesem Wesen trifft der Film einen Nerv, der hoffentlich auch bei uns Leuten gefällt, die insbesondere zu so einem Zuschauersegment gehören, die sonst vielleicht gar nicht so viel ins Kino gehen. Also das sind vielleicht sehr viele mit muslimischem Hintergrund, also das ist auch der Grund, warum der im Mittleren Osten zum Beispiel wahnsinnig erfolgreich ist, dieser Film, aber auch, ja, Leute, die einfach mal was anderes sehen wollen.

Und das ist eben so, glaube ich, auch das, worauf die Amerikaner hoffen, die zusammen mit der indischen Firma einfach ein Riesenexperiment gemacht haben, was bislang finanziell so erfolgreich ist, dass die Bankkonten so anschwellen wie nichts anderes.

Führer: Sie strahlen über beide Wangen, Frau Wenner, rechnen Sie denn dann offenbar doch fest damit, dass er auch in Deutschland ein großer Erfolg sein wird?

Wenner: Also ich habe gestern so ein bisschen gelesen in den ganzen Bollywoodforen, die sind ja immer ein sehr guter Indikator, und ich könnte mir das vorstellen. Und was mir auch große Hoffnungen gemacht hat, letzte Woche war ich bei meiner Nichte im Nordrhein-Westfälischen zu Hause, die ist 14 Jahre alt, und die hat gesagt: Oh, das ist so cool, alle meine Freundinnen und ich, wir haben beschlossen, wir gucken uns den Film diesen Monat an. Ich hab sie nicht beeinflusst, habe vorher nichts gesagt, und zwar einfach deswegen, weil sie gesagt haben, das ist so cool, Shah Rukh zu sehen. Und das mit 14 Jahren, das finde ich sehr vielversprechend.

Führer: Also Ihre Nichte ist eindeutig von Ihnen offensichtlich beeinflusst worden, Sie sind ja auch ein großer Shah-Rukh-Fan. Was finden Sie denn so toll an dem Mann?

Wenner: Ja, nun, also das ist schon irgendwie ziemlich irre, wie jemand es schafft, überhaupt nicht bigott mit seiner Popularität umzugehen, das finde ich zum Beispiel total irre. Also der sagt nicht, in Wirklichkeit geht mir das alles wahnsinnig auf den Sender, der findet das toll! Dass das ein Mensch aushält, so wie er, der ist ständig umgeben von 20 Personen und findet das fantastisch, was er da macht. Ich selbst bin immer absolut gerührt – er hat es ja sogar geschafft, über sich selbst zu weinen. Das hat er auch gesagt, als er diesen Film gesehen hat das erste Mal, hat er fünfmal über sich selbst geweint. Ich glaube, das würde einfach kaum jemand schaffen, also mit so einer Gradlinigkeit unironisch zu sagen, ich bin einfach toll, ich mach das, und ich mach es auch perfekt.

Und zusammen, das ist ja eine sehr kreative Partnerschaft, mit Karan Johar – die beiden sind eng befreundet –, so was zu schaffen, einen Film zu machen, der sehr eng an diesem Starimage ist. Also diese Heirat mit dieser Hindufrau entspricht ja auch seinem wirklichen Leben. Er ist selbst auch so verheiratet und so weiter und so fort. Also es gibt eine ganze Kette, die mit jedem Film sich aus meiner Fanperspektive sich fortsetzt.

Führer: Dann gibt es ja nun die Gerüchte, er würde demnächst in Deutschland drehen. Was ist da dran, Frau Wenner?

Wenner: Eine ganze Menge. Also das ist noch nicht alles unter Dach und Fach, aber er wird wahrscheinlich das Sequel zu "Don", Bollywoodfans kennen den Film, hier in Berlin drehen, aber nicht nur in Berlin, sondern auch an anderen Drehorten. Das hat unter anderem damit zu tun, dass es ihm hier in Berlin so wahnsinnig gut gefallen hat.

Führer: Aha, ich vermute, wer da immer am Drehort sich rumtreiben wird.

Wenner: Das kann gut sein, da würde ich natürlich gerne weiter involviert sein.

Führer: Dorothee Wenner war zu Gast, die Filmemacherin, Journalistin und Bollywoodexpertin, wie wir gehört haben. Herzlichen Dank für Ihren Besuch, Frau Wenner!

Wenner: Danke!

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"My name is Khan"

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