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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.07.2005

Treibstoff der Zukunft

Henning Boetius: "Die Wasserstoffwende"

Rezensiert von Johannes Kaiser

Minister Stolpe eröffnet die Wasserstofftankstelle in Berlin (AP)
Minister Stolpe eröffnet die Wasserstofftankstelle in Berlin (AP)

Für die Autokonzerne ist Wasserstoff der Energieträger der Zukunft, weil er geradezu ideale Eigenschaften mitbringt. Bei seinem Einsatz werden keinerlei Schadstoffe freigesetzt, Umwelt und Atemluft bleiben sauber, das Klima wird nicht aufheizt. Bei der Energiewandlung verbinden sich Wasserstoff und Sauerstoff zu Wasser – nichts anderem.

Wasserstoff lässt sich entweder direkt verbrennen - das geschieht bereits in herkömmlichen Automotoren - oder chemisch in Brennstoffzellen in Strom umwandeln. Die ersten Autos fahren bereits mit Brennstoffzellenaggregaten. Angesichts schwindender Rohölvorkommen garantieren sie allein auch in Zukunft individuelle Mobilität.

Davon jedenfalls ist die Autoindustrie ebenso überzeugt wie der Münchner Sachbuchautor Henning Boetius, der jetzt diesem Thema ein Taschenbuch unter dem Titel "Die Wasserstoffwende" gewidmet hat. Es ist eine sehr detaillierte und faktenreiche Einführung in die chemischen und physikalischen Grundlagen.

Zwar ist Wasserstoff eines der chemischen Elemente, die es auf der Erde im Überfluss gibt und es ist auch nicht zu befürchten, dass er jemals aufgebraucht wird, aber Wasserstoff gibt es nirgendwo in reiner Form. Er ist stets gebunden wie z.B. in Wasser oder in Pflanzen, steckt auch in Kohle und Erdgas. Ihn in reiner Form zu gewinnen, von den anderen chemischen Elementen abzuspalten, ist schwierig und aufwändig.

Ausführlich stellt Henning Boetius die verschiedenen Methoden vor. Die bekannteste Form ist die Elektrolyse. Unter Einsatz von Strom und Säure wird aus Wasser Sauerstoff und Wasserstoff gewonnen. Das kostet viel Energie. Wasserstoff lässt sich zudem aus Biomasse gewinnen. Durch Gärung entsteht Biogas und aus diesem wiederum Wasserstoff. Auch Bakterien können Wasserstoff produzieren, wenn auch bislang nur in sehr geringen Mengen. Hier steckt die Forschung noch in den Kinderschuhen.

Gut drei Viertel seines Buches widmet Hennig Boetius den Grundlagen der Wasserstofftechnologie. Da bewegt er sich auf sicherem Boden. Seine anschließende Vision einer globalen Wasserstoffwirtschaft ist weit weniger überzeugend. Über den gegenwärtigen Stand der Anwendung erfährt man allzu wenig. Quasi in einem Nebensatz erfährt man, dass zum Beispiel Brennstoffzellen demnächst als Batterie- und Akkuersatz in Handys und Laptop dienen könnten. Dass Wohnwagen und Segelschiffe sowie Computerfirmen sie als Stromaggregate schon jetzt nutzen, unterschlägt er.

Auch spart Boetius die heftige Diskussion aus, ob es nicht viel sinnvoller wäre, Strom direkt aus Windmühlen, Wasserkraftwerken, Solarzellen zu gewinnen, statt indirekt über Wasserstoffverbrennung. Die erfordert eine dreifache Umwandlung von zum Beispiel Wind in Strom und dann von Strom in Wasserstoff und von Wasserstoff wiederum in Strom. Diese Kette kostet viel Energie, senkt also den Wirkungsgrad des Wasserstoffs und treibt damit letztlich auch den Preis in die Höhe. Regenerative Energien und Wasserstoff sind jedenfalls kein Thema des Buches. Fazit: gute Einführung in die Grundlagen, allzu oberflächlicher Überblick über Chancen und Probleme.

Henning Boetius: Die Wasserstoffwende – Eine neue Form der Energieversorgung"
dtv premium, München 2005
139 Seiten, 12 Euro

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